Zeitung Heute : Nadelstiche ins Herz

KOMISCHE OPER Markus Poschner dirigiert die szenische Aufführung von Mozarts „Requiem“

Jörg Königsdorf

Wer mit Markus Poschner über Musik reden will, braucht nur wenig Worte zu machen. Wagner, Beethoven, Mozart – eigentlich reicht das schon, denn bei jedem dieser Namen scheint sich eine Tür in seinem Inneren zu öffnen, aus der Fragen und Antworten, Erlebnisse und Projekte in unerschöpflicher Fülle herausquellen. Weshalb er die Beethoven-Sinfonien am liebsten mit historischen Bläsern und Pauken aufführt, wie man es hinkriegt, dass „Tristan“ eine Belcanto-Oper wird, und wie faszinierend gerade die Kargheit und Selbstbeschränkung von Mozarts Spätstil ist.

Der 37-jährige Bayer ist ein Musikbegeisterter, dessen Elan für mindestens drei Orchester reicht: Einer, der auch im Repertoirebetrieb Opernhaus nichts von seiner Entdeckerfreude verloren hat, für den die Bewusstheit des musikalischen Mitteleinsatzes die Voraussetzung für das Erlebnis eines Werks ist. Und wer weiß, ob die Orchestermusiker der Komischen Oper sich nicht schon ein bisschen ärgern, dass das Bremer Theater ihnen im November 2006 ihren ersten Kapellmeister wegschnappte und dass sie Poschner jetzt nur noch als Gast begrüßen können. Die Bremer hatten jedenfalls den richtigen Riecher: Der Abend, an dem die Berufung Poschners als Chefdirigent in die Hansestadt offiziell wurde, war zugleich der seines ersten durchschlagenden Erfolgs. Sein quicklebendiges Dirigat der neuen „Zauberflöte“ hatte gezeigt, dass da im Schatten von Kirill Petrenko noch ein zweiter ausgezeichneter Mozart-Dirigent an der Komischen Oper herangewachsen war. Und wie seinem Chef geht es auch Poschner darum, seine ganz persönliche Mozart-Wahrheit zwischen den Polen der deutschen Orchestertradition, der historischen Aufführungspraxis und den Erfordernissen der Bühne zu finden.

Eine Suche, die er jetzt mit einem Werk fortsetzen kann, dass der „Zauberflöte“ zeitlich unmittelbar benachbart ist: mit dem „Requiem“, das Regiestar Sebastian Baumgarten in einer szenischen Version, durchsetzt mit Texten von Gorki-Chef Armin Petras, auf die Bühne bringt. Zu Mozarts Totenmesse hat Poschner eine enge, ja persönliche Beziehung: „Mein Vater war Kirchenmusiker, da habe ich schon als Kind bei den Requiem-Aufführungen mitgesungen und gespielt“, erzählt er. Trotzdem lässt er sich auf das Wagnis ein, dass dieses Stück an der Komischen Oper ganz anders klingen wird. In einer Kirche habe das Requiem schließlich ein ganz anderes Ziel, erklärt er, hier dagegen würde die Bühne mit ihren Bildern ein anderes Zuspitzen, ja bewusstes Übertreiben fordern. „Das Thema ist hier der Tod selbst, und da müssen Synkopen manchmal wie kleine Nadelstiche ins Herz klingen, oder ich muss in einigen Teilen die Continuo-Orgel fortlassen, damit das Klangbild härter wird, einfach weil ich merke, dass die Szene das in diesem Augenblick braucht.“

Verzerrungen, Wiederholungen, die Hinzunahme von Musik der Neutöner Ligeti und Scelsi – all das steht bei den Proben auf der Liste des Möglichen. Gerade dieses ergebnisoffene Arbeiten mit Baumgarten, das beständige Reagieren aufeinander, betont Poschner, möge er sehr. Täglich würde sich bei den Proben etwas ändern, würden Ideen furchtlos über Bord geworfen, wenn sie sich als nicht tragfähig genug erwiesen hätten – das Gegenbild zum Probenalltag nach Plan, bei dem nur ein starres Konzept eingepaukt werden muss. Denn nicht nur bei Mozart, auch beim Wort Regietheater öffnet Poschners Herz seine Schleusen ganz weit: Es sei doch ein Geschenk, dass man die wichtigen Werke immer neu interpretieren müsse, um sie verständlich zu machen, das Gerede von einer ultimativen Interpretation sei doch Quatsch. Und so etwas wie das „Requiem“, ist er sich sicher, müsste doch auch in Bremen möglich sein. Er wird dran arbeiten. Jörg Königsdorf

Premiere 28.9., 19 Uhr

Auch 1., 5., 8., 13. und 17.10.

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