Zeitung Heute : Nächster Halt: Kabul

Philipp Meuser

Er hat sie schön gemacht, seine Stadt. Überall stehen große Plakatwände an den Straßen, auf denen die Silhouetten der zahlreichen Baudenkmäler und Moscheen unter blauem Himmel zu sehen sind. Denn schließlich hat Abdumurod Hudajkulow, der Bürgermeister von Termez, etwas zu feiern. Er lässt sogar die politischen Leitsätze des Präsidenten auffrischen, die in der Stadt alle öffentlichen Gebäude schmücken. Und die Grünanlagen vor dem neuen Archäologischen Museum haben seine Gärtner in Beschlag genommen. Aber es ist nicht Rudolf Scharping oder die Bundeswehr, für die der Bürgermeister seine Stadt auf Vordermann bringt. Zwar machte Scharping in der vergangenen Woche genau hier einen Zwischenstopp und unterschrieb ein Stationierungsabkommen für einen deutschen Truppenteil in Usbekistan. Doch für die Deutschen interessiert sich hier keiner. Die örtlichen Medien haben noch nicht einmal darüber berichtet. Wahrscheinlich werden sie es wegen der staatlichen Pressezensur ohnehin verschweigen. Nein, Termez, das sich da wie ein Apfel auf Hochglanz poliert, hat nicht die 150 Bundeswehrsoldaten im Visier, die hier seit einigen Tagen schon im Dienst sind. Es steht ein großer Feiertag bevor. Denn das jahrelang isolierte Nest an der Grenze zu Afghanistan wird im kommenden Monat 2500 Jahre alt. Sogar Präsident Karimov hat sich angekündigt. Die Sonnen scheint schon jetzt präsidentenmäßig.

Wie aber sieht diese Stadt aus, in der die deutschen Soldaten in den nächsten Monaten auf ihren Einsatz in Afghanistan warten? Termez galt immer schon als das Ende der Welt. Obwohl hier die Brücke der Freundschaft steht, der einzige Grenzübergang zwischen Usbekistan und Afghanistan. Sie wurde von den Sowjets 1979 fertiggestellt, und direkt nach ihrer Eröffnung marschierten die sowjetischen Truppen von hier nach Afghanistan ein. Außer der Roten Armee durfte jedoch niemand die Brücke benutzen, und auch später war sie nur für das Militär offen.

Bürgermeister Abdumurod Hudajkulow ist seit drei Jahren im Amt. Er trägt eine Nerzmütze und einen langen Ledermantel. Es ist klar, dass er hier was zu sagen hat. Auf dem Bazar, über den er seinen Besuch führt, sticht er mit diesem Aufzug ziemlich heraus aus den volkstümlich bunt gekleideten Männern und Frauen. Hudajkulow ist ein eher reservierter Mensch. Er sagt wenig und fragt noch viel weniger. Nur wenn es um seine Stadt geht, dann taut er etwas auf. "Von hier aus", sagt der Bürgermeister, "ließe sich ein blühender Handel mit Afghanistan aufbauen." Im Moment übersteigt auf dem Bazar allerdings die Zahl der Verkäufer noch die der Käufer, kein aufgeregtes Gefeilsche, und auch keine Gerüche, die in Erinnerung bleiben könnten. Es gibt Fischkonserven, Majonäse und Büchsenmilch aus Russland, und unter dem Gemeinschaftsdach der Markthalle haben Frauen Granatäpfel und Birnen zu Pyramiden getürmt. Und wenn sie mit den wenigen Kunden dann doch um die Preise feilschen, blitzen ihre goldenen Zähne für einen Moment im dämmrigen Licht auf. In einer Ecke steht ein Junge auf einer Holzkiste und verkauft Süßigkeiten. Die Auslage vor ihm ist so groß wie ein Doppelbett, und er wird nicht müde, die Bonbons auf ihre schönste Seite zu drehen.

Zu Sowjetzeiten war Termez immer eine geschlossene Stadt. Ausländer durften - wenn überhaupt - nur mit einer Sondergenehmigung hierher reisen. Nun sei der Ort endlich offen, sagt Hudajkulow und nimmt sich ein Brot. Er zerteilt es und reicht seinem Besuch und den Begleitern jedem ein Stück. Das letzte Stück nimmt er. Die größte Hoffnung hat Hudajkulow in den Tourismus, denn Termez ist eine antike Siedlung, die schon bei den Griechen bekannt war. Grabungen haben im Nordwesten der Altstadt eine alte buddhistische Klosteranlage freigelegt. Denn der Norden Afghanistans und der Raum Termez galten vor dem Einzug des Islam als Hochburg des Buddhismus.

Auf dem Bazar treffen wir auch Raissa Hosina, sie ist unsere Dolmetscherin. Wenn sie an Afghanistan denkt, sagt sie, das Land, auf das ihr Bürgermeister so viele Hoffnungen setzt, dann hat sie das Gesicht ihres Mannes vor Augen. Der musste 1979 für die Rote Armee in den Krieg ziehen. Sein Einsatz in Afghanistan dauerte nur zwei Monate, "doch das Land hat aus ihm einen anderen Menschen gemacht", sagt Raissa. Abgemergelt, nachts von Albträumen heimgesucht. Nein, mit Afghanistan verbindet sie nichts Gutes. Wirklich nicht. Zudem habe sich in den vergangenen Monaten auch die eine oder andere afghanische Rakete in der Nähe der Stadt verirrt. Die Hoffnung auf ein besseres Leben in Termez, scheint die gebürtige Tartarin aufgegeben zu haben. Aber an ein Weggehen denkt sie nicht. Schließlich wohnt die gesamte Familie ihres Mannes hier. Drei Kinder hat Raissa groß gezogen. Der jüngste Sohn hat vor einem Jahr seine Schule beendet und sitzt ohne Arbeit zu Hause. Jetzt will er zum Militär. Doch die Mutter will ihn ungern ziehen lassen, auch wenn er dann ein geregeltes Einkommen hätte. Raissa ist 52 und lehrt an der Universität in Termez Deutsch. Die 25 000 Sum, die sie verdient, hatten bis zum 11. September vergangenen Jahres auf dem Schwarzmarkt einen Gegenwert von 25 Dollar. Seitdem hat der usbekische Sum 50 Prozent seines Wertes verloren. Mit Dolmetschen bessert sie deshalb ihr Einkommen auf.

Die wenigen Ausländer, die bislang nach Termez kommen, machen hier noch immer nur einen Zwischenstopp auf dem Weg nach Afghanistan. Weil in Termez die einzige Zollstation auf den 200 Kilometern Grenze zwischen Usbekistan und Afghanistan ist, ist auch der Hafen wie ein militärischer Sicherheitsbereich bewacht. Fünf Kräne ragen stumm in den Himmel, die Kriege in Afghanistan haben den Handel kaputt gemacht. Die einzigen Waren, die seit drei Monaten wieder verladen werden, sind täglich 300 Tonnen Getreide aus einem Programm der Vereinten Nationen.

Wir verlassen die Stadt und fahren an endlosen Baumwoll-Lagern vorbei, die mit großen Tüchern vor dem Regen geschützt werden. Nach einigen Kilometern wird die asphaltierte Straße zu einem mit Geröll und Schlaglöchern übersäten Weg. Soldaten kontrollieren an einer Straßensperre den Wagen und die Pässe. Auch Bürgermeister Hudajkulow muss sich ausweisen. In einer Senke erscheint vor uns der Ort, an dem Raissas Sohn vielleicht seinen Militärdienst verrichten würde, wenn er denn dürfte: der Grenzübergang nach Afghanistan. Die Anlage ist peinlich genau aufgeräumt, als habe man uns schon erwartet. Ein junger Rekrut fegt den Platz vor dem Verwaltungsbau. Hinter dem doppelten Stacheldrahtzaun, der mit 380-Volt-Kabeln gesichert wird, harkt ein Kamerad fein säuberlich die Erde. Seit einigen Wochen öffnen sie mehrmals am Tag die Schlagbäume. "Nicht für die Bevölkerung!", fügt der Oberstleutnant gleich hinzu. "Nur für humanitäre Hilfskonvois der Vereinten Nationen." Ein gutes Dutzend Lastwagen mit Genfer Kennzeichen, die Hilfsgüter nach Mazar-i-Sharif in Afghanistan gebracht haben, werden täglich von den Usbeken auf ihrer Rückreise kontrolliert. Einige stehen schon zur Weiterfahrt nach Termez bereit. Sie müssen über einer Grube halten, damit sie von unten begutachtet werden können. Ein Soldat geht mit einem Spiegel um die Fahrzeuge herum und kontrolliert die Hohlräume zwischen Achse, Tank und Auspuff. Immerhin kamen bis Herbst vergangenen Jahres fast 80 Prozent des Heroins, das man in Europa kaufen kann, aus dem Hindukusch. Ob man hier schon etwas von den deutschen Soldaten gesehen oder gehört hat? Obwohl die Medien nicht über die Deutschen in Termez berichtet haben, antwortet der Oberstleutnant: "Ja, sie sind hier, um den Lufttransport nach Kabul zu sichern." Ob er sie denn schon gesehen habe? Nein, gesehen habe er die Kameraden noch nicht. Aber schließlich laute ja sein Auftrag, den Wasser- und Landweg nach Afghanistan zu kontrollieren und nicht die deutschen Soldaten zu suchen.

Ein Anruf beim Verteidigungsministerium ist schließlich nötig, um herauszufinden, wo die deutschen Soldaten untergekommen sind. Die Truppe, heißt es, habe Quartier in zwei Hotels der Stadt bezogen, die aufgrund fehlender Touristen ohnehin leer stünden. Zwei der alten staatlichen Hotels noch aus Sowjetzeiten. Die Verpflegung der Soldaten solle in Kürze durch usbekische Lieferanten sichergestellt werden - eine Nachricht, die die Händler auf dem Bazar freuen dürfte. Der Auftrag der Deutschen ist, einen Lufttransportstützpunkt zu errichten, der die in Afghanistan stationierten Truppenteile mit Nachschub versorgen soll. Denn Kabul ist nur noch eine Flugstunde von Termez entfernt.

Wenn auf dem Flughafen dann irgendwann einmal die Touristen landen, die sich Bürgermeister Hudajkulow so sehr wünscht, wird das Archäologische Museum längst fertig gestellt sein. Bis dahin muss es mit den deutschen Soldaten vorlieb nehmen.

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