Zeitung Heute : Nähmaschinen auf drei Rädern

Berliner Startup-Unternehmen bringt asiatische Tuk Tuks auf Umweltkurs. Bald soll eine Flotte von fünfzig Fahrzeugen durch die Hauptstadt surren.

Mobiles Marketing. Adam Rice (links) und Wolfgang Knörr gründeten vor drei Jahren die Firma eTukTuk. Ihre Fahrzeuge werden vor allem auf Promotion-Touren eingesetzt.Foto: Promo eTukTuk
Mobiles Marketing. Adam Rice (links) und Wolfgang Knörr gründeten vor drei Jahren die Firma eTukTuk. Ihre Fahrzeuge werden vor...

Der Name Tuk Tuk ist niedlich, allerdings für das Original ziemlich unpassend. Denn von einem freundlichen Tuckern kann bei den in allen Farben des Regenbogens angestrichenen Tuk Tuks in Bangkok, Mumbai oder Lahore überhaupt keine Rede sein. Vielmehr röhren, dröhnen, kreischen die motorisierten Rikschas oder sie sirren wie Nähmaschinen. Sie stoßen Wolken von Abgasen aus und schlängeln sich mit ihren Fahrgästen oder auch einer Ladung Hühner auf dem Rücksitz durch die immer verstopften Straßen asiatischer Metropolen. Türen oder Sicherheitsgurte hat kaum eine der Rikschas zu bieten, aber immerhin ein Dach, das ein wenig Schutz vor Sonne und Regen bietet. Der Transport von mehr als drei Personen ist verboten, aber sechs Fahrgäste gehen immer und acht sind keine Seltenheit.

Zumindest in einigen Städten wie im indischen Delhi, wo täglich mehr als 70 000 motorisierten Dreiräder Kunden oder Waren transportieren, wurde ihr Betrieb auf Erd- oder Flüssiggas umgestellt. Seitdem sieht man weitaus weniger Fußgänger mit einem Tuch vor der Nase über die Gehwege hetzen. Zart besaitete Europäer werden allerdings immer noch wenig Freude an der Luft in Delhi haben. Und auch der deutsche TÜV dürfte sich mit Grausen von den jetzt umweltfreundlicheren Gefährten abwenden: Die Fahrer lagern die etwas bessere Camping-Gasflasche unter der Fahrgast-Bank.

Jetzt erobern die offenen Dreiräder Berliner Straßen. Zur Vermarktung angetreten ist das in Steglitz angesiedelte Startup eTukTuk. Aber natürlich kommen deren Modelle nicht stinkend und laut daher, sondern sind nette Farbtupfer auf drei Rädern, die durch einen Elektromotor umweltfreundlich und geräuscharm angetrieben werden.

Gegründet haben das Unternehmen der Werbefachmann Adam Rice und sein Partner Wolfgang Knörr. Rice war über viele Jahre häufig in Asien unterwegs und er sah im Transportwesen eine der großen Herausforderungen für Städte wie Mumbai. Die Tuk Tuks oder Autorikschas waren eine Antwort auf dieses drängende Problem, denn sie sind klein, leicht, billig, wendig und einfach zu fahren. Dem US-Amerikaner und Wahlberliner Rice kam der Gedanke, die Fahrzeuge mit besseren technischen Standards in Deutschland zu vermarkten. Diese Aufrüstung war unabdingbar, denn die Zweitakter tragen in einer Stadt wie Bangkok fast 50 Prozent zur Luftverschmutzung bei und ihr Lärmpegel erreicht völlig unakzeptable 95 Dezibel. Aber Rice sah in Deutschland einen Vorreiter auf dem Gebiet der Elektromobilität. Er musste nur ein Unternehmen finden, das ihm ein emissionsfreies, leise laufendes und damit zukunftsorientiertes Gefährt entwickeln würde.

Adam Rice und Wolfgang Knörr suchten also nach einem Hersteller, der ihnen kostengünstig einen Prototyp mit Elektromotor produzieren konnte. Fündig wurden sie in den Niederlanden. Die Gründer der Tuk-Tuk-Factory waren 2009 auf einer Recherchereise in Thailand, was schnell zu einer Kooperation mit einem einheimischen Produzenten führte. Binnen nur acht Monaten entstand der Prototyp eines europäischen Tuk Tuks, der laut Eigenwerbung der Factory „holländisches Ingenieurswissen mit thailändischem Charme“ verbindet.

Heute besitzt das junge Unternehmen eTukTuk allein in Berlin 10 Elektro-Rikschas, die mit zwei Sitzbänken für sechs Personen ausgestattet sind. Am Taxigeschäft waren die Gründer nie interessiert, außerdem verbietet das deutsche Personenbeförderungsgesetz den Einsatz offener Taxen. Die Tuk Tuks sind aber ohnehin nicht für den Dauerbetrieb ausgelegt, denn sie haben nur eine Reichweite von 70 km und benötigen eine Ladezeit von 10 Stunden. Die Gründer setzten von Beginn an kompromisslos auf emissionsfreie Energie. Wolfgang Knörr, Marketingvorstand der E-Tuk-Tuk GmbH: „Die Tuk Tuks werden in unseren Garagen an normalen Steckdosen geladen. Den Strom beziehen wir von einem Anbieter, der nachweislich zu 100 Prozent auf erneuerbare Ressourcen bei der Energiegewinnung setzt“.

Gebucht werden die Dreiräder in erster Linie von Werbe- und Eventagenturen für Messen, für Firmenausflüge und für Promotion-Aktionen. Außerdem werden Werbeflächen verkauft. Das große Geschäft winkt aber woanders. Adam Rice: „In der Schweiz waren wir lange für ein großes Unternehmen aus der Tabakbranche auf Promotion-Tour durch mehrere Städte.“ Die Aktion kam ausgezeichnet an, denn die exotischen Tuk Tuks wecken Neugierde, sind echte Hingucker und dazu auch noch beliebte Fotomotive.

Rice und Knörr sind auf Expansionskurs. Sie besitzen die exklusiven Verkaufsrechte für die E-Rikschas in Deutschland und wollen ihre Flotte mittelfristig auf 49 Fahrzeuge vergrößern. Bald werden ihre Rikschas auch in Köln und Trier unterwegs sein; einige Tuk Tuks könnten im Sommer auch auf Mallorca und in Cannes das Straßenbild beleben. Zudem fasst das Unternehmen in Zürich Fuß. „Zwei unserer Tuk Tuks ersetzen im Shuttle-Modus eine wegen Bauarbeiten ausgefallene Buslinie der öffentlichen Verkehrsbetriebe“, sagt Adam Rice

Bei der Finanzierung ihrer Pläne hat eTukTuk auf das „Crowdfunding“ gesetzt. Diese Suche von Kleinaktionären über eine Plattform im Internet war sehr erfolgreich. Auf das Angebot von „seedmatch“ reagierten 328 Kleinaktionäre und brachten binnen nur 60 Tagen die angestrebten 250 000 Euro ein. Für ihre Investition winkt den Aktionären eine Gewinnbeteiligung. Rice und Knörr sind zuversichtlich, dass sich die Investitionen rechnen werden. Frank Wendler

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!