Zeitung Heute : Nah am Wasser gebaut

Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht Teile Norddeutschlands. Was hilft gegen die Flutgefahr?

Fabian Leber

Keine andere Region wird in Deutschland so vom Klimawandel betroffen sein wie die deutsche Nordseeküste. Schon jetzt investiert der Staat jedes Jahr rund 160 Millionen Euro in den Bau von Deichen, Sperrwerken und Küstenbefestigungen. Doch der bisherige Küstenschutz reicht nicht aus, um die Folgen des steigenden Meeresspiegels in den Griff zu bekommen. Nach Berechnungen von Meeresforschern könnten allein in Hamburg rund 250 Quadratkilometer Fläche – ein Drittel der Stadt – von Überflutungen bedroht sein. Hauptsächlich betroffen wären der Hafen und tiefer liegende Teile der Innenstadt in Alsternähe. Nach Angaben der Hamburger Umweltbehörde leben rund 180 000 Menschen in diesen Bereichen.

An der deutschen Nordseeküste wird der Meeresspiegel vermutlich stärker steigen als im weltweiten Durchschnitt. Der neue UN-Klimabericht prognostiziert einen maximalen globalen Anstieg von 58 Zentimetern. Experten wie der Klimaforscher Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel halten diese Zahl im Hinblick auf die deutsche Küste zwischen Emden und Sylt für zu niedrig. Latif geht davon aus, dass der Nordseepegel in den nächsten 90 Jahren um bis zu 1,50 Meter steigen wird – sollte der Ausstoß an Kohlendioxid bis dahin nicht gedrosselt werden. Geringer werden die Schäden an der Ostsee sein, deren steilere Küsten einen besseren Schutz vor Hochwasser bieten.

Das Problem der Nordseeregion: Der Anstieg des Meeresspiegels wird regional unterschiedlich sein. Während es auf der Südhalbkugel sogar einen Rückgang geben kann, könnten die Gewässer in der nördlichen Hemisphäre umso stärker steigen. „Und keiner weiß, was mit den Gletschern auf Grönland passiert“, sagt Latif. Bei der letzten Warmzeit vor 125 000 Jahren sei die Temperatur nur um einen Grad gestiegen – der Meeresspiegel aber um drei Meter.

Die deutschen Küstenschutzbehörden warnen jedoch vor Panikmache. „Wir haben noch genug Zeit“, sagt Jutta Kremer-Heye vom niedersächsischen Umweltministerium. Bei der Planung von neuen Deichen würde ein Anstieg des Pegels um maximal 60 Zentimeter eingerechnet. An gefährlichen Stellen seien die Deiche heute schon über neun Meter hoch – das sind etwa zwei Meter mehr als noch vor 30 Jahren. Die meisten vorhandenen Schutzwälle könnten problemlos erhöht werden, sagt Kremer-Heye

Genau das bezweifelt Karsten Reise vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Langfristig seien die alten Rezepte des Küstenschutzes dem rapiden Anstieg des Meeresspiegels allein nicht mehr gewachsen. Reise plädiert dafür, küstennahe Gebäude, die schon heute unter dem Meeresspiegel liegen, nicht länger mit aufwendiger Entwässerung zu schützen. Stattdessen sollten die Häuser auf künstlichen Erhebungen errichtet und dann mit Brücken und Dämmen verbunden werden. Anders als früher könne der Meeresboden im Watt mit dem Anstieg des Pegels nicht mehr mithalten. Grund dafür seien unter anderem die Küstenschutzmaßnahmen in der Vergangenheit. Langfristig schlägt der Wissenschaftler an Stelle des Betonkorsetts eine künstliche Anhebung des Wattenmeeres vor. „Das kann naturnah in Form von aufgespülten Sandhaken und Sandbänken geschehen.“

Christian Seyfert vom Landwirtschaftsministerium in Kiel hält dies für den falschen Weg: „Großräumige Rückdeichungen würden dazu führen, dass viele Siedlungen in Küstennähe aufgegeben werden müssten.“ Die Kosten seien höher als bei einem Ausbau des konventionellen Küstenschutzes. Schleswig-Holstein halte daher auch in Zukunft an einer Erhöhung der Deiche fest. In den Niederlanden gebe es schon Deiche, die bis zu zwölf Meter hoch seien. Die Landesregierung in Kiel wolle sich nun anschauen, welche Erfahrungen damit gesammelt wurden.

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