Zeitung Heute : Nahe Fremde

Sie kommen aus Polen, Ungarn, Rumänien und müssen sich verstecken. Was sie tun ist illegal: Alte pflegen

Christine-Felice Röhrs

Am Abend müssen die Haare gewaschen werden. Die alte Dame sitzt in Rock und Unterhemd auf einem Hocker vor dem Waschbecken, die Strickjacke hängt am Haken an der Tür, die weiße Bluse darüber. Sie versteht noch nicht, was geschieht. Erst als Kati aus dem Unterschränkchen eine kleine Kanne hervorholt, mit warmem Wasser füllt und sanft sagt, „so und jetzt Kopf beugen, ja?“, da weiß sie wieder, was das zu bedeuten hat. „Haare waschen?“, fragt sie, und in ihre Stimme kriecht Panik. „Lass gehen“, jammert sie schrill wie ein Kind und biegt den Kopf zurück. „Schön vor, schön vor“, summt Kati und hilft ein wenig nach. „Nicht!“, ruft die alte Frau und kneift die Augen zusammen. Kati neigt die Kanne, das Rinnsal nässt die erste Strähne, die alte Frau presst ihre Hände auf die Ohren. „Lass gehen“, gellt sie, „wird doch alles nass.“ „Ist ja gleich vorbei“, singt Kati beruhigend, sie arbeitet jetzt schneller, presst die Lippen zusammen, stützt mit einer Hand den zappelnden Körper, nimmt mit der anderen Shampoo, rubbeln, Wasser, die Alte wimmert aus dem Waschbecken, Kati streichelt kurz den nackten, weichen Hals.

Hinterher zittern beide.

Später wird die alte Dame in ihrem Sessel im Wohnzimmer sitzen, ein Handtuch um den Kopf. Zufrieden wird sie eine Zeitung auf ihrem Schoß betrachten. Dann fallen ihr die Augen zu. Es ist das Ende eines langen Tages. Für die alte Frau war es ein guter Tag. Sie hat gesungen, geschlafen und einen Spaziergang gemacht, in einem Tempo, das ihr behagte. Die Haarwäsche ist schon vergessen.

Für Kati war es Tag 157. Und Tag 157 ist noch nicht vorbei. Die Tage sind wie die Nächte. Heute Nacht wird sie im Bett neben dem der alten Frau schlafen. Zwei, drei Mal wird sie mit ihr aufstehen und durchs Dunkel stolpern, wenn sie auf die Toilette muss. Katis Haut hat jenen fahlen Olivstich, bei dem Augenschatten immer besonders tief wirken. Heute haben sie die Farbe dunkler Trauben.

Was soll sie machen. Sie braucht das Geld. Und deshalb verkauft Kati, was sie zu bieten hat: Zeit und Zuwendung. Sie ist aus Rumänien dafür hergekommen, denn in Deutschland ist es heute schwer, Zeit und Zuwendung zu bekommen für alte Menschen. Insgesamt 283 Tage, neuneinhalb Monate, wird sie im Haus der alten Frau bleiben. Dann ist die Energie alle.

Diese Geschichte handelt von der Zukunft des Landes. Sie fängt an jenem Punkt an, an dem das Leben für viele anfängt aufzuhören. Es ist der Punkt, an dem sie allein nicht mehr zurechtkommen. Aber dann ins Heim, das ist oft keine Lösung mehr. Für die einen ist es nicht zu bezahlen, 3000 Euro und mehr kosten Plätze heute. Und für die andern ist es nicht zu ertragen.

Also machen ihre Angehörigen sich auf die Suche nach einer Alternative für Mutter oder Vater. Und die heißt Kati, Olga, Teresa oder Maria. Es sind Frauen, meist aus Polen, Ungarn, Tschechien oder Rumänien, mittelalt und kräftig, die sehr viel billiger zu haben sind als deutsche Pfleger für daheim, die im Monat 10 000 Euro kosten. Frauen, von denen es heißt, sie seien, weil aufgewachsen in einer von Großfamilien geprägten Gesellschaft, besonders gut mit alten Menschen.

70 000 bis 100 000 Haushalte in Deutschland, so wird geschätzt, haben heute eine Pflegekraft aus Osteuropa. Tendenz steigend.

Die Tochter der alten Frau sagt, als sie begann, ihre Kati zu suchen, sei sie zu ihrer Überraschung in eine Art Volksbewegung geraten. Jeder schien plötzlich das gleiche Problem zu haben. Sie hatte nur ein paar erste Fragen stellen müssen, woher bekäme man wohl eine aus Osteuropa …, und plötzlich taten sich überall, bei Freunden, beim Friseur, einmal sogar auf einem Amt, Namen, Nummern und Vermittler in einem Tempo auf, in einer Vielzahl, wie Risse durch trockenen Boden laufen. Geflüstert gleichwohl, hinter vorgehaltener Hand. Denn legal ist das nicht.

Der Tag hatte mit einem ausgedehnten Frühstück begonnen. Kati hatte den Tisch im Wohnzimmer gedeckt, für sich, die alte Dame und die Tochter, die am Wochenende immer ins Heimatdorf zur Mutter reist, um Kati wenigstens für zwei Tage zu entlasten. Die Tochter ist klein und zierlich, ein Energiebündel, sie hat eine kleine Firma, das weiche blonde Haar trägt sie mit Kämmen hinter die Ohren gesteckt. „Manchmal kommt es mir so vor, als sei Kati meine Schwester“, sagt sie und packt Kati ein Stück Hefezopf auf den Teller. Kati lächelt zurückhaltend. Sie ist 45, wirkt aber jünger. An diesem Morgen trägt sie einen langen grauen Samtrock und ein blumenbedrucktes Shirt. Sie kommt aus einer ländlichen Gegend, sie passt nicht schlecht hierher mit ihrem flächigen Gesicht, in dieses deutsche Dorf, in dieses altmodische Wohnzimmer.

Das ganze Häuschen ist ein Museum, die Tochter will das so. Sie will nichts modernisieren, der Mutter zuliebe. Die Küche ist noch die dunkle Schreinerarbeit aus der Nachkriegszeit, samt verblasster Blumentapete, in der Ecke der alte Kachelofen, davor drei Körbe mit Holzscheiten. Es ist alles wie immer, nur dass nun überall Kissen liegen, um das Alter abzufedern. In der Altenpflege gibt es dafür ein Wort: Biographiearbeit. Jeder Gegenstand eine Erinnerungshilfe, auf dass der alte Geist nicht völlig abrutscht.

Das Museum, gehalten in den Farben der 40er und 50er, erzählt das Leben einer Frau nach, die gleich nach dem Krieg mit eigener Hände Arbeit ein Haus baut, zwei Töchter großzieht und einen Bauernhof führt. Eine starke Frau, und die Tochter sagt: „Das soll niemand vergessen, nur weil sie jetzt, naja, etwas verkalkt ist.“

Kati nennt die alte Dame „Frau Anna“. Es scheint ihr, die diesem Körper so nahe kommt wie früher nicht einmal der Ehemann, die rechte Balance zwischen Ehrerbietung und Intimität.

Frau Anna schaut von ihrem Brot auf, das Kati mit Sojawurst bestrichen hat. Und wer bist du?, fragt sie Kati. „Ich bin Kati“, antwortet die. „Du schwindelst doch“, sagt Frau Anna friedfertig und senkt den Kopf wieder übers Brot.

Kati kommt nur zögernd ins Erzählen. Sie macht sich Sorgen. Sie ist ans Versteckspiel gewöhnt, wie so viele andere in ihrer Situation. Es sind Szenen wie aus dem Menschenhandel, wenn man sich auf die Suche nach dieser neuen großen Untergrundbewegung macht, und es wird nicht besser dadurch, dass in diesem Fall beide Parteien den Handel freiwillig eingehen.

Da sind die Geschichten von Pflegerinnen, die sich nicht einmal trauen, die Fenster zu putzen, damit den Nachbarn das fremde Gesicht nicht auffällt. Da sind die Geschichten von den Transporten im Schutz der Dunkelheit. Über eine bestimmte Autobahn in Westdeutschland fährt alle zwei Wochen nachts ein dunkelblauer Kleinbus, der immer wieder an Raststätten anhält und Frauen mit Gepäck entlässt. Sie sind die Wachablösung. Viele der deutschen Arbeitgeber haben ein System entwickelt, in dem Frauen sich dreimonatsweise bei der Pflege abwechseln. Ruft man aber als Fremder in einer der alten deutschsprachigen Gemeinden an, zum Beispiel in Siebenbürgen, wo die Helferinnen gern rekrutiert werden, dann ist erstmal atemloses Entsetzen am anderen Ende. Woher man die Nummer habe?

Es ist ein Heer huschender Helfer, das sich im Schatten halten muss.

„Und das ist ein Skandal“, sagt der bekannte Münchner Pflegekritiker Claus Fussek. „Da werden Menschen kriminalisiert, die unserer Gesellschaft helfen, ein Riesenproblem zu lösen. Die eine Arbeit machen, die zu den härtesten gehört und die bei uns keiner machen will, weil sie schlecht bezahlt wird. Und es gibt immer noch keine befriedigende Lösung.“ Herr Fussek nennt dann gerne noch Zahlen, die verdeutlichen sollen, wie dringend so eine Lösung her muss. Zum Beispiel: In den nächsten 15 Jahren soll die Zahl der Pflegebedürftigen um 50 Prozent auf drei Millionen steigen. In den nächsten 45 Jahren wird die Gemeinschaft der Über-80-Jährigen von gut drei auf neun Millionen wachsen. Und die Pflegekassen stehen im Ruf, immer weniger zu zahlen, während die Renten schrumpfen.

Der Gesetzgeber hat die Not erkannt – und nur halb reagiert. Seit Anfang 2005 dürfen die Deutschen sich auch offiziell Helferinnen aus Osteuropa besorgen. Aber: Sie dürfen nur als „Haushaltshilfe“ eingestellt werden für pflegebedürftige Personen. Das heißt: Pflegen dürfen sie immer noch nicht. Die Zahl dieser „legalen“ Arbeitsverhältnisse hält sich deshalb in Grenzen. Das zuständige Büro bei der ZAV, der Zentralen Arbeitsvermittlung in Bonn, hat seit dem 1. Januar 2005 bis Anfang vergangener Woche gerade mal 2168 Frauen vermittelt. Man habe, sagt der zuständige Beamte, eigentlich damit gerechnet, dass der Anteil derer, die eine legale Hilfe wollten, sehr viel höher läge.

Die Tochter der alten Dame hat Kati so legal wie möglich gemacht, man kann das nicht anders sagen. Sie zahlt Kati den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 1177 Euro, der Kati nach bloßer Haushaltshilfe aussehen lässt, subtrahiert 365,37 für Kost und Logis, was 811,63 Euro für Kati ergibt – sie liegt damit an der Lohnuntergrenze in diesem Schwarzmarkt – und führt außerdem 270 Euro an Sozialversicherungsbeiträgen ab. Damit sind die Mittel der alten Frau erschöpft. Die Tochter gibt Kati schwarz noch etwas dazu.

Frau Anna wird unruhig. Der Blick irrt abwesend durchs Zimmer, aus ihrer Kehle schubst sie kleine Laute, a-oh, a-oh. Kati lässt sich neben ihr auf der Bank nieder und legt ihre rechte Hand auf die linke der alten Frau. Dies ist ihre Art der Kontaktaufnahme. Da liegt die Doppelhand jetzt neben der Käseplatte. Kati ist hier als eine Art Krücke. Sie ersetzt Frau Anna die schwachen Glieder, ist Hand und Bein und Rücken. Sie gibt sich auf, leiht sich aus. Wegfahren, raus aus dem Dorf in die nächste große Stadt, kostet 35 Euro für die Mitfahrzentrale, zu viel. Es ist die totale Symbiose. Es geht manchmal auch über Katis Kraft.

„Man braucht viel Geduld, und es ist schwer“, sagt sie. Die Schwäche eines Menschen nicht zu missbrauchen, nur weil man stärker ist, meint sie vielleicht. Sie sagt: „Manchmal fehlt mir die Geduld auch, manchmal schimpfe ich, aber alleine, in der Küche.“ Kati steht auf, um das „Dictionar“ zu holen. Sie sucht das Wort „erwachsen“. Es ist eine seltsame Verständigung. Die alte Frau, die den breiten Dialekt ihrer Kindheit spricht, und die Kati mit ihrem rollenden R, der öfter die Worte fehlen. Manchmal brüllen die beiden sich in ihrer Verzweiflung an und deuten auf Dinge. „Manchmal ist sie eine Erwachsene, manchmal ein Kind, und ich muss das akzeptieren“, sagt Kati.

Es kann gnadenlos sein, jemandem so nahe zu kommen. Die Toilettengänge. Die Luft, die gurgelnd im alten Bauch aufsteigt und aus dem offenen Mund blubbert. Das Gebiss, das plötzlich neben der Tasse liegt… Aber Kati sagt: „Ich bin nicht so ein komplizierter Mensch. Ich muss das machen, also mache ich das.“

Kati ist Krankenschwester. Zu Hause, in der Klinik, hat sie mit alten Patienten schon gearbeitet, nicht lang, weil sie dann als Hilfe in eine Kinderarztpraxis ging, aber so groß ist der Unterschied nicht zwischen den ganz Jungen und den ganz Alten. Wenn Kati erzählt, fällt oft der Satz „als Ceausescu war…“. Der Kommunismus hat ihr Leben lange beherrscht, aber danach wurde es nicht viel besser. In der Kinderarztpraxis, eine halbe Stelle, hat sie 50 Euro bekommen. An den Wochenenden hat sie Spritzen gegeben. Ein Euro pro Spritze. Sie hat viel mit ihrem Mann gestritten. Kinder kamen nicht, aber dafür die Scheidung und der Wunsch, alles hinter sich zu lassen. Als sie gehört hat, dass in Deutschland begehrt ist, was sie kann, wollte sie es kaum glauben.

Das letzte Mal, als sie zu Hause war, hat sie ein glänzendes, neues Fahrrad mitgebracht. War das eine Sensation!

Die alte Frau beginnt zu singen, hoch, zittrig, aber taktfest. „Immer langsam voran, immer langsam voran, dass der Krähwinkler Landsturm voran kumma kann …“, die Stimme bricht, Kati murmelt ermunternd, Frau Anna hebt wieder an, „… hätt der Feind unsre Stärke schon früher erkannt, wär er längst schon zum Kuckuck gegang’.“ Gell, sagt sie dann zu Kati, „du hörst lieber zu. Singen kannst net.“

Singen gehört zum täglichen Programm, das Kati für Frau Anna gestaltet, auch Rechnen, denn das Langzeitgedächtnis funktioniert gut. Das heißt aber auch, dass es manchmal lebendiger ist als die Realität. Das heißt, dass Kati Frau Anna handgreiflich davon abhalten muss, melken zu gehen oder „heim“, ins Haus, in dem sie geboren wurde. „Und ich muss bei allem sprechen“, sagt sie. Soooo, und jetzt ziehe ich Ihnen die Hooose aus …“ Sonst fragt Frau Anna, was willst du? Meine Hose stehlen?

An diesem Tag, es ist Samstag und es dämmert, geht Kati noch in die Kirche. Abends wäscht sie Frau Anna das Haar. Die Nacht kommt zwischen Tag 157 und Tag 158. Dann Tag 158.

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