Zeitung Heute : Naher Osten: Lizenz zum Zuschauen

Andrea Nüsse

Die weißen Opel Corsa mit dem roten Schriftzug an der Seite stehen aufgereiht in der Garage. Dahinter Metallregale mit Schutzhelmen und kugelsicheren Westen. Doch die Ausrüstung wird nicht mehr gebraucht, weil die Internationalen Beobachter von Hebron ihre Patrouillen eingestellt haben. Der norwegische Pressesprecher Lars Tore Kjerland zeigt auf einen Wagen mit zerschmetterter Windschutzscheibe. Einschlag von einem riesigen Stein, geworfen von einem jüdischen Siedler, aus unmittelbarer Nähe. "Von drei Dutzend Autos funktionieren nur noch sieben", sagt der norwegische Pressesprecher Lars Tore Kjerland dann, "die anderen haben jüdische Siedler beschädigt".

Die 87 Mitarbeiter der "Zeitweiligen internationalen Beobachter in Hebron" (TIPH) haben wegen wiederholter Angriffe durch Siedler gestern ihre Kontrollen im Kerngebiet der Stadt eingestellt. Nur im Palästinenser-Wohngebiet patrouillieren sie noch. Die TIPH ist die einzige Beobachtergruppe, die mit israelischer Duldung in der Region aktiv ist. Die Männer und Frauen aus sechs Nationen verstehen sich als "neutrale Beobachter", die zur Entspannung der Lage in der geteilten Stadt Hebron beitragen wollen. Geschaffen wurde die Beobachtergruppe nach dem Massaker im Februar 1994, als der jüdische Siedler Baruch Goldstein 29 betende Muslime in der Moschee von Hebron erschoss. Palästinenserpräsident Jassir Arafat weigerte sich damals, mit den Israelis weiter zu verhandeln, solange sie nicht der Entsendung von Beobachtern zustimmen. Schließlich beauftragten beide Seiten die Regierungen von Norwegen, Dänemark, Schweden, Italien, der Schweiz und der Türkei, Beobachter zu stellen.

Das Hauptquartier der TIPH liegt in Halhul am Stadtrand von Hebron, dessen Altstadt auch nach dem Teilrückzug 1997 unter israelischer Kontrolle steht. Dort schützen Tausende von Soldaten die rund 400 jüdischen Siedler, die sich in Häusern und Wohnwagen inmitten von etwa 35 000 palästinensischen Bewohnern der Altstadt von Hebron niedergelassen haben. Palästinensische Schützen beschießen regelmäßig die Häuser der jüdischen Siedler von den Hügeln um Hebron. Die Siedler, die selbst in Israel als radikal gelten, schießen zurück und zünden arabische Geschäfte an. Die unmittelbare Nachbarschaft von Palästinensern und jüdischen Siedlern in der engen Altstadt macht Hebron zu einem besonders explosiven Ort.

Solche Vorgänge notierten die internationalen Beobachter, die bislang täglich mit zwei Teams in der Stadt unterwegs waren. "Wir begutachten die Schäden, fotografieren und reden mit Leuten auf beiden Seiten", sagt Kjerland. Doch wenn die Schießereien losgehen, ziehen die unbewaffneten TIPH-Leute ab. In ihren Berichten fordern sie Aufklärung über Vorfälle, einmal wöchentlich treffen sie israelische und palästinensische Militärs im trilateralen Hebron-Komitee. Auch ihre jeweiligen Außenministerien versorgen die Beobachter mit Berichten. Ob diese die Politik ihrer Länder beeinflussen, kann Kjerland nicht sagen. Er glaubt jedoch, dass sie die Lage vor Ort bisher zumindest "etwas beruhigen" konnten. Beispiele dafür kann er nicht nennen, aber er glaubt, dass es ohne die Beobachter noch schlimmer aussehen wird in Hebron.

Im Augenblick ist die Situation auch deshalb besonders heikel, weil Israel die Beobachter vor zehn Tagen beschuldigte, sie hätten Einzelheiten aus den von ihnen beobachteten israelischen Truppenbewegungen an Arafats Fatah-Organisation weiter gegeben. "Das ist völliger Unsinn", wehrt Kjerland ab, "wir sind Augenzeugen, die keine Partei ergreifen." Das hätten auch die israelischen Militärs bestätigt, mit denen sie auf lokaler Ebene zusammenarbeiten. Auch stimmte Israel erst Ende Juli der Verlängerung des TIPH-Mandats um sechs Monate zu. Doch der Spionagevorwurf ist in der Welt und die Patrouillen sind weitgehend eingestellt - zu einem Zeitpunkt, zu dem über die Entsendung von internationalen Beobachtern in das übrige Westjordanland und Gaza diskutiert wird.

Diese Forderung der Palästinenser ist derzeit Thema im UN-Sicherheitsrat. Palästinenserpräsident Jassir Arafat erhofft sich davon auch eine Internationalisierung des Konflikts. Hart getroffen haben muss ihn, dass sogar der ägyptische Präsident Hosni Mubarak am Wochenende bezweifelte, dass Beobachter in der jetzigen verfahrenen Situation etwas ausrichten können. Die Industrienationen hatten sich bei ihrem Gipfel in Genua für die Entsendung von Beobachtern ausgesprochen. Israel dagegen lehnt dies als Einmischung in interne Angelegenheiten strikt ab. Und die Siedler von Hebron, darunter viele ultraorthodoxe Einwanderer aus den USA, sagen auf ihrer Website offen, was sie von den Beobachtern halten. Sie sehen in ihnen eine "anti-jüdische Organisation", "Teile einer internationalen anti-semitischen Bewegung, die seit vielen Generationen gegen das jüdische Volk arbeitet." Die Mitarbeiter werden in einem offenen Brief vom 1. August daran erinnert, dass auch ihre Herkunftsländer Juden deportiert hätten. Hebron gehöre den Juden, die Palästinenser werden als "arabische Invasoren" bezeichnet.

Auch die Palästinenser sind unzufrieden. Sie wollen, dass die Beobachter sie vor Übergriffen der Siedler schützen. Doch die TIPH-Leute dürfen sich per Mandat nicht einmischen, nur beobachten. Daher lächeln mittlerweile viele Palästinenser über den Versuch der Ausländer, mit Fotoapparat und Stift in dem gewaltsamen Konflikt etwas auszurichten. Auch der Restaurantbesitzer Jamal fühlt sich durch die Anwesenheit der Beobachter nicht geschützt. Er führt ein Restaurant an der Straße von Halhul nach Hebron, seine Marmorwerkstatt in der Altstadt dagegen ist seit langem geschlossen. Die ständige Ausgangssperre - etwa 150 Tage bereits in diesem Jahr - macht die Arbeit dort unmöglich. "Mir können die TIPH-Leute nicht helfen", sagt der 50-Jährige. "Aber ich hoffe, dass sie ihre Informationen weitergeben. Die Welt muss erfahren, wie es hier zugeht." Doch das Mandat der TIPH sieht keine Veröffentlichung des Materials vor. Darin sieht die Menschenrechtsorganisation amnesty international die große Schwäche der Institution.

Auch Massimo, ein 34-jähriger Carabinieri aus Rom, leidet darunter, dass er sich nicht einmischen darf. "Ich bin fünf Jahre lang Patrouille in Neapel gefahren", sagt er, "ich habe gelernt, einzugreifen, wenn es Ärger gibt. Hier muss ich weglaufen." Der Mann ist erst seit zehn Tagen in Hebron und mit der Lage vermutlich noch nicht sehr vertraut. Die skandinavischen Länder und die Schweiz schicken meist Nahost-Experten, die Arabisch oder Hebräisch sprechen, Italien und die Türkei schicken Polizisten und Soldaten - ohne Waffen, obwohl das Mandat ihnen das Tragen von Waffen zur Selbstverteidigung erlauben würde. Auf Patrouille gehen immer ein landeskundiges Mitglied und ein Sicherheitsexperte zusammen.

Der 47-jährige Rick würde nie eine Waffe tragen. Aber der Amerikaner mischt sich ein. Er gehört zum Christian Peacemaker Team (CPT) in Hebron, einer Nichtregierungsorganisation amerikanischer Christen. Er ist im Februar von einem Hilfsprojekt für die Indianer in Chiapas gekommen, seine nächste Station wird Kanada sein, wo seine Organisation die Ureinwohner bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützt. Rick und seine vier Mitstreiter haben im Gegensatz zur Beobachtertruppe kein offiziell ausgehandeltes Mandat. "Wenn die Siedler kochendes Wasser aus ihren Fenstern auf die arabischen Händler schütten, helfen wir ihnen, ihre Waren in Sicherheit zu bringen. Wenn Palästinenserfamilien, die im Haus von jüdischen Siedlern angegriffen werden, uns um Hilfe bitten, übernachten wir bei ihnen. Das schreckt die Angreifer ab." Rick und seine Glaubensgenossen, die mitten in der Altstadt leben, wollen Gewalt verhindern. "Die Kollegen von der Beobachtertruppe können dagegen nichts machen", bedauert Rick.

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