Nahost-Konflikt : Das Nichts nach dem Lärm

Sie finden sich wieder zwischen Toten und Trümmern. Langsam erwachen die Menschen im Gazastreifen aus einem drei Wochen währenden Albtraum. Seit ein paar Tagen herrscht Waffenruhe. Der Krieg ist vorbei – der Schrecken nicht.

Martin Gehlen[Gaza-Stadt]
Gaza
Halbe Treppe. Hamas-Anhänger Khalel Misbah Attar und seine Enkelin Mariam vor den Resten seines Hauses in Salatin am Nordrand des...Foto: Katharina Eglau

Bedächtig öffnet Salah Samouni den Reißverschluss im Innenfutter seiner Jacke. Drei blasse Farbfotos kommen zum Vorschein. Eines zeigt drei Männer auf einer Familienfeier – Vater, Bruder, Onkel – alle im Bombenhagel gestorben. Die anderen seine zweijährige Tochter Asa, fotografiert in rosa Kleidchen vor dem Taubenschlag ihrer Eltern.

„Papa, Papa“ habe das Kind noch gerufen, murmelt Salah Samouni, bevor es mit aufgerissenem Bauch verblutete.

Er selbst, der 30-Jährige, überlebte die Rakete, weil sein Vater und seine Mutter sich gerade über ihn beugten, um ihm den blutenden Kopf zu verbinden. Ihre Körper fingen die Schrapnells ab, beide waren auf der Stelle tot.

Die Samounis, eine Großfamilie von Olivenbauern, leben in Zeitun am südwestlichen Rand von Gaza-Stadt. Von den meisten der 30 Häuser des Clans sind nur noch Schutthaufen übrig, durchmischt mit Kleidern, Spielzeug, Schulheften und Kochgeschirr. Die wenigen Gebäude, die noch stehen, sind rissige und verkohlte Ruinen. Die fruchtbare Erde ist von Panzerketten zerwühlt, entwurzelte Olivenbäume überall. Die gold-gelbe Kuppel des Minaretts liegt in den Trümmern der Moschee. 29 Namen stehen auf dem Transparent, das am Trauerzelt der Sa mounis angebracht ist. Die Gäste trinken Kaffee und essen Datteln. Ihre Blicke sind leer und matt, stumm brüten sie vor sich hin.

In der Ferne ist Israel zu sehen. Und in der Nähe des Zeltes stochert die 38-jährige Nahil Abdullah Samouni mit ihren Kindern in den Trümmern ihres Hauses herum. Jeden Tag kommt sie hierher. Ein paar Kleider liegen gefaltet auf einem Haufen. „Wir suchen unsere Pässe“, sagt sie. Das Haus, vor fünf Jahren gebaut, war alles, was sie hatten. Jetzt liegt ihr Mann im Schifa-Hospital, ihr 15-jähriger Sohn wurde nach Belgien gebracht – in welche Stadt, das weiß sie nicht.

Jeder von den Samounis erzählt die gleiche Geschichte. Dass am 4. Januar, als die Bodenoffensive begann, gleich nach Mitternacht die israelischen Panzer in ihren Teil der Stadt gekommen sein, dann die Soldaten. Alle rauskommen, riefen die. Sie hätten dem Befehl Folge geleistet, sagen die Samounis. Ungefähr 70 Leute waren sie, Männer, Frauen, Kinder. Sie wurden eingesperrt von den Soldaten. Alle zusammen in ein Haus, und dann hockten sie dort.

24 Stunden später schlugen zwei Raketen in das Haus ein. 22 Menschen waren sofort tot, 40 wurden verletzt. Und niemand kam, um zu helfen.

Drei Tage lang versuchten Krankenwagen, zu dem Haus vorzudringen. Jedes Mal nahmen israelische Soldaten sie unter Feuer. Erst am vierten Tag gelang es den Helfern, die Verletzten aus der Kampfzone zu holen. „Wir flehten die Soldaten an, uns Verbandszeug zu geben“, sagt einer der Überlebenden. Doch die hätten nur gesagt: „Fahrt in den Tod.“

Seit vergangenem Sonntag ist offiziell Waffenruhe – und die Menschen in Gaza erwachen langsam aus einem Albtraum.

Drei Wochen Krieg, Beschuss rund um die Uhr, nirgendwo ein sicherer Platz, an den man hätte fliehen können.

Mehr als 1330 Menschen sind umgekommen, darunter mehr als 400 Kinder. Fast 5500 Menschen liegen teilweise schwerstverletzt in den Kliniken. Nach ersten Schätzungen sind 4000 Häuser völlig zerstört, 17 000 beschädigt.

„Das ist nicht die Infrastruktur des Terrors, die da zerstört wurde. Das ist die Infrastruktur eines künftigen palästinensischen Staates“, sagt John Ging, Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks im Gazastreifen, dessen Büro gegenüber der Islamischen Universität liegt. „Und dafür muss jemand zur Verantwortung gezogen werden“, sagt er auch.

Zwei vor der Küste liegende israelische Kriegsschiffe sind vom Strand aus mit bloßem Auge zu sehen. Während der vergangenen Tage schossen sie zum Sonnenaufgang eine Stunde lang Granaten Richtung Gaza. Dumpfe Einschläge sind dann zu hören. Auch drohte Israels Verteidigungsminister Ehud Barak, die Tunnelregion an der Grenze von Rafah erneut zu bombardieren, nachdem die dortigen Schmuggelkönige triumphierend herausposaunt hatten, das Geschäft laufe wieder. Am Freitag jedenfalls herrscht in dem Tunnelsektor auf palästinensischer Seite Betrieb wie auf einer Großbaustelle. Dieselgeneratoren knattern, ein 25000-Liter-Tankwagen nimmt Heizöl auf aus der Pipeline von drüben, qualmend schaufelt ein Caterpillar einen verschütteten Tunneleingang frei. Auch die Läden und Restaurants in den Städten sind wieder geöffnet.

In Zeitun haben sich der kleine Mohammed und sein 22-jähriger Bruder Farash, zwei der Kinder aus dem Samouni-Clan, auf den Resten des Familienhauses aus Ziegelschutt und Blechen einen primitiven Unterstand gebastelt. Ihrem Vater befahlen die israelischen Soldaten, mit erhobenen Händen und hochgezogenem Hemd aus dem Haus zu kommen und erschossen ihn direkt vor der Tür. Von ihren Tieren ist den beiden nur eine einzige weiße Taube geblieben, die Farash streichelt. Hamas-Kämpfer habe es keine in der Gegend gegeben, versichert er. „Das war ein Krieg gegen uns alle. Hamas, Fatah und Islamischer Dschihad – sie alle können mir gestohlen bleiben“, sagt er. Hamas-Kämpfer seien trainiert, zu kämpfen und abzuhauen, „aber wir hier haben keine Ahnung davon“. Von Politik verstehe er nichts, sagt er, die seine weiße Taube in der Hand, und seufzt.

Der Krieg schaffe nur neuen Extremismus, sagt John Ging, ein gebürtiger Ire, der seit drei Jahren das UN-Büro in Gaza leitet. Die Menschen seien geradezu besessen von dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. „Jetzt sitzen sie neben den Trümmern ihrer Häuser und müssen um Hilfe betteln.“

Über die Hamas kritisch zu reden, trauen sich nur wenige. Deren Kämpfer sind bisher im Straßenbild nicht wieder aufgetaucht, die sonst allgegenwärtigen grünen Fahnen verschwunden. „Es ist ein Fehler, dass Hamas Raketen auf Israel schießt“, sagt Kuwthar Said, 38 Jahre alt ist sie und Mutter von sechs Kindern. Mehr will sie nicht sagen. Über Hamas offen reden, das schafft uns nur Probleme, sagt sie dann aber doch noch.

Zusammen mit 350 Ausgebombten ist sie in der „New Gaza Jungenschule“ der UN untergebracht. In allen Klassenzimmern liegen eng an eng die Matratzen. Auf dem Lehrerpult stehen Töpfe und Geschirr, stapeln sich zu Türmen, aber wohin sonst, es ist kein Platz am Boden. An den Fensterkreuzen hängen Damenhandtaschen, an der Tafel stehen noch die Vokabeln aus der letzten Stunde vor dem Krieg.

Murad Djuan sitzt auf dem Schulhof auf einer Bank. Sie spielt mit ihrem Handy. 19 Jahre ist sie alt. Und unerschrockener als die ältere Kuwthar Said. „Wir wollen die Hamas-Kämpfer nicht“, sagt sie klar und deutlich. Weil die Raketen zwischen den Wohnhäusern abfeuern würden, sich von der Bevölkerung schützen lassen würden, die sie aber nicht gefragt haben. „Wenn die ihren Krieg führen wollen, sollen sie an die Grenze gehen und dort kämpfen“, sagt Murad Djuan. „Nicht dort, wo wir wohnen.“ Ein anderer erzählt, dass Hamas-Kämpfer in seiner Straße eine große Grad-Rakete abschießen wollten, die bis ins israelische Beersheba fliegen können. Er sei auf die Straße gelaufen und habe mit den Kämpfern solange gestritten, bis sie abzogen. Sie wollten das Geschoss neben seinem Haus unter einem Tarnnetz in Stellung bringen. Zehn Minuten sind nötig, um die Rakete zu zünden. „Jeder weiß doch hier, dass er am Ende mit dem Leben seiner Familie und seinem Haus den Preis dafür bezahlt“, sagt der Mann.

Hamas benutzt Zivilisten als menschliche Schutzschilde – für Gaza-UN-Chef John Ging kein Argument, ein solches Blutbad anzurichten. „Wenn in unseren Ländern Menschen als Geiseln genommen werden, erlauben wir der Polizei ja auch nicht, auf die Geiseln zu schießen, um die Kidnapper zu fassen. Wenn wir einen Bankraub haben, erlauben wir der Polizei auch nicht, einfach einige Granaten in den Schalterraum zu werfen“, sagt er. Es gebe eine Verantwortung gegenüber Zivilisten, die wie Geiseln in diesem Konflikt zwischen den Fronten stehen.

Davon allerdings wollen in dem Dorf Salatin an der Nordgrenze des Gazastreifens manche Bewohner nichts wissen. Viele Häuser sind durch die Raketen regelrecht zusammengefaltet worden. Überall sitzen Menschen auf Plastikstühlen neben ihren Ruinen. Das Rote Kreuz verteilt durchsichtige Folien, damit die Leute zerbrochene Fensterscheiben ersetzen können. Von einem Lastwagen herunter verteilen Helfer Tüten mit Brot.

Breite Panzerschneisen kreuz und quer, viele Straßen sind kaum noch passierbar. Für die Hamas hat die Ortschaft strategische Bedeutung. Sie liegt auf einem kleinen Hügel, von hier kann man das 20 Kilometer entfernte Aschkelon gut sehen, das markante Kraftwerk genauso wie den Hafen. Und von hier fliegen die meisten Raketen gen Israel. In den letzten Kriegstagen waren die Kämpfe um den Hügel herum besonders heftig. Die lokale Gesundheitsstation, mitfinanziert von der Bill-Gates-Stiftung, ist eine einsturzgefährdete Ruine. Die amerikanische Schule liegt in Schutt und Asche. 600 Kinder hatten hier Unterricht in Englisch. Der palästinensische Wachmann war überzeugt, hier sei der sicherste Platz in Gaza. Per Mobiltelefon forderte er seine Frau und die Kinder auf, im Schulgebäude vor den Raketen Deckung zu suchen. Die Familie verspätete sich. Kurz danach war der Wachmann tot, die Schule ein Trümmerhaufen.

Khalel Misbah Attar streichelt seiner Enkeltochter Mariam über die Haare, während er seine beiden Häuser mustert. Das Dach des linken ist eingestürzt, die Treppe hängt in der Luft, der geborstene Wassertank klemmt oben zwischen den Eisenstreben. In dem rechten haben sich israelische Soldaten für 17 Tage verschanzt. An die Wände im Treppenhaus haben sie orangefarbene Davidsterne gesprüht, nach allen Seiten klaffen riesige Löcher in den Außenwänden. Stolz reicht die Familie Fotos von dem ältesten Sohn Wahil herum. Das eine zeigt einen muskulösen jungen Mann am Gaza-Strand, wo er als Rettungsschwimmer arbeitete. Auf dem anderen präsentiert er lachend in Hamas-Montur seine Kalaschnikow, zwei Handgranaten hängen um seinen Hals. Er starb im Straßenkampf gegen die israelische Armee.

Auch wenn Vater Khalel seinen ältesten Sohn verloren hat und fast seinen ganzen Besitz – in seiner Unterstützung für Hamas ist er unbeirrt, wie auch der Rest der Familie. „Es war ein von Gott geschenkter Sieg, der Widerstand ist nicht gebrochen, sein Tod war nicht umsonst“, proklamiert er.

Im Haus habe die Familie nach dem Rückzug der Soldaten Blutspuren gefunden und einen angebrochenen ErsteHilfe-Kasten – für ihn ein Erfolgsbeweis für die Kampfkraft der Hamas. Gefragt nach der besten Zeit seines Lebens zögert der 65-Jährige keinen Augenblick. Das war vor der Intifada, als er in Israel auf dem Bau gearbeitet hat. „Mein Chef hieß David und war ein prima Kerl“, sagt er und muss lächeln. „Meinen letzten Lohn hat er mir damals sogar in den Gazastreifen nachgeschickt.“

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