Zeitung Heute : Nahost-Konflikt: Ende eines Traums

Andrea Nüsse

Erst wusste Ibrahim Saber nicht, woher dieser Lärm kam. Die heulende Sirene, die dumpfen Lautsprecherdurchsagen. Langsam wurde Saber wach und schaute aus dem Fenster seines Elternhauses in Abu Dis: Es war zwei Uhr nachts, stockdunkel, und durch die kleinen Straßen des Städtchens gleich hinter dem Ölberg bei Jerusalem fuhren israelische Militärjeeps. Sie verkündeten über Lautsprecher eine Ausgangssperre bis zum übernächsten Morgen. "So etwas haben wir seit 1996 nicht mehr erlebt", sagt Saber.

In der Nacht zum 10. August hat die israelische Armee das Orient-Haus in Ost-Jerusalem, die inoffizielle Palästinenser-Vertretung in der Stadt, und das angrenzende Abu Dis besetzt, wo auch der fast fertige Neubau für das zukünftige palästinensische Parlament steht. Nach einem Plan von 1995, den der damalige israelische Vizeaußenministers Jossi Beilin mit Arafats Stellvertreter Abu Mahsen ausgehandelt hatte, sollte Abu Dis die Hauptstadt eines zukünftigen palästinensischen Staates werden.

Vergeltung für die Toten

Die Besetzung von Abu Dis ist die israelische Reaktion auf den Anschlag palästinensischer Terroristen auf eine Pizzeria in der Innenstadt Jerusalems. Dabei waren 15 Menschen ums Leben gekommen. Die israelische Armee ist in Abu Dis erstmals in Palästinensergebiete der so genannten Zone B zurückgekehrt, deren Zivilverwaltung im Januar 1996 den Palästinensern übergeben worden war. Zwar war Israel dort nach wie vor für Sicherheit zuständig, aber dies beschränkte sich auf ein Truppen- und Geheimdienstquartier auf einem Hügel außerhalb der Stadt.

Mittlerweile rückt die israelische Armee für Einzelaktionen auch immer wieder zeitweilig auf palästinensisches Autonomiegebiet vor - gestern im Gaza-Streifen als Reaktion auf Angriffe von Palästinensern, und zuvor auch in Jenin und Hebron. Die israelische Armee rechtfertigt sich, sie müsse in palästinensisches Gebiet vordringen, um terroristische Angriffe zu verhindern. Die Besetzung des Orient-Hauses und Abu Dis ist hingegen in erster Linie ein politisches Signal.

Imad Ayyad, der Assistent des Muftis von Jerusalem befürchtet, Israel gehe es gar nicht darum, die Zivilverwaltung wieder zu übernehmen. "Das kostet ja nur Geld", sagt er. Israel wolle mit der "Wiederbesetzung" von Abu Dis in der Jerusalem-Frage neue Fakten schaffen, fürchtet er. "Wenn sich die Lage etwas beruhigt hat, werden Abu Dis und die beiden Nachbarorte nach Jerusalem eingemeindet." Falls es dann jemals wieder zu Verhandlungen käme, würde Israel den Palästinensern diese drei Orte als "Ost-Jerusalem" anbieten und dafür die arabische Altstadt und die umliegenden Viertel endgültig für sich beanspruchen, vermutet Ayyad.

Auch sein Vater, ein alter Mann mit zerfurchtem Gesicht und dem traditionellen Tuch, der Kefije, auf dem Kopf, ist in Sorge. Er ist der Chef des Wächterdienstes im Haram as-Sharif, jenem Areal in der Altstadt von Jerusalem, das die Juden Tempelberg nennen, und auf dem auch wichtige muslimische Heiligtümer stehen. "Ich war enttäuscht über die geringe Gegenwehr der Palästinenser gegen die Besetzung des symbolträchtigen Amtssitz des Gouverneurs von Jerusalem", sagt er. "Damit zieht sich die Schlinge um das Haram as-Sharif immer enger", fürchtet er. Es sei der letzte Ort palästinensischer und muslimischer Präsenz in Ost-Jerusalem.

Keiner in Abu Dis glaubt, dass die israelischen Soldaten bald wieder aus dem Ort abziehen werden. Dafür spricht auch, dass zugleich mit den Soldaten die Bulldozer kamen. Sie haben die Arbeiten an einer Verbindungsstraße zwischen israelischen Siedlungen östlich von Abu Dis aufgenommen. "Wenn die Straße, die ausschließlich von Israelis zu benutzen sein wird, fertig ist, sind wir weitgehend von der Westbank abgeschnitten", fürchtet Ibrahim Saber.

Jede Nacht, sagt Saber, bewerfen nun Jugendliche die israelischen Soldaten auf der Hauptstraße mit Steinen. "Die schießen dann mit Tränengas und Gummigeschossen zurück", erzählt Ibrahim, der in Passau Informatik studiert hat und als Projektleiter bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ramallah arbeitet. Als Ibrahim eines nachts aus der Tür in den Garten trat, stand er 30 israelischen Soldaten in Kampfausrüstung gegenüber, die ihn aufforderten, ins Haus zurückzugehen: Sie lauerten hinter der Gartenmauer den Jugendlichen auf, die durch den Garten fliehen wollten.

Einspruch unmöglich

Der Kinderarzt Samih Hassan musste wegen des Vormarschs des israelischen Militärs einen Teil seines Hauses aufgeben. Es liegt genau an der Kreuzung, wo die Straße zum besetzten Gouverneurssitz abzweigt. Im Erdgeschoss ist eine Apotheke, im ersten Stock hat der in Spanien ausgebildete Mediziner seine Praxis und seine Wohnung. In das Stockwerk darüber sollte sein Sohn einziehen, der gerade sein Medizinstudium beendet hat, und hier seine Zahnarztpraxis eröffnen wollte. Die anderen Wohnungen in dem neugebauten siebenstöckigen Haus sollten vermietet werden, um den Kredit abzuzahlen. Stattdessen haben jetzt die israelischen Soldaten hier ihr Quartier aufgeschlagen. "Sie haben mir eine Militärorder gezeigt, die die Beschlagnahme des zweiten bis siebten Stocks anordnet", sagt Hassan. Dagegen kann er nirgends Einspruch einlegen.

Hassan steht am Morgen in der ersten Reihe der Demonstranten, die sich auf dem Bürgersteig gegenüber seines Hauses einfinden. Darunter sind Angestellte der Gouverneursverwaltung, die nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können, und die Mitarbeiter der palästinensischen Telefongesellschaft Paltel, die dringend die Schaltzentrale für etwa 10 000 Telefonanschlüsse warten müssen. Denn deren Gebäude war ebenfalls besetzt worden. Auch der aus seinem Amtssitz vertriebene Gouverneur ist da. Jamil Nasser ist jetzt im Gemeindebüro des Nachbarortes untergekommen und versucht, "so normal wie möglich weiter zu arbeiten". Aber mit der Vertreibung der palästinensischen Sicherheitskräfte gibt es in Abu Dis keinen mehr, der einen Autounfall oder einen Nachbarschaftsstreit regelt.

Eine Abordnung der israelischen Soldaten fragt, was die etwa 60 versammelten Leute wollten. "So eine dämliche Frage", erregt sich Salah Bader, der Cousin Ibrahim Sabers, der im Verbindungsbüro zwischen israelischer Militärverwaltung und palästinensischer Zivilverwaltung arbeitet. "Dies ist die Aufkündigung des Friedensvertrages, die Besetzung des palästinensischen Verwaltungsgebäudes ist illegal", erregt sich Bader. Seine Verbindungsleute auf israelischer Seite hätten das bestätigt, aber darauf verwiesen, dass dies eine politische Entscheidung sei.

Einzig wirtschaftliche Interessen scheinen jetzt noch Wirkung zu zeigen. So öffnen die israelischen Soldaten noch während des Sit-ins die Zufahrt zu dem Verwaltungskomplex. Allerdings nur für die Mitarbeiter der privaten palästinensischen Telefongesellschaft Paltel. "Ich habe dem israelischen Verteidigungsminister die Liste unserer Aktionäre vorgelegt, unter denen sich viele Israelis und Ausländer befinden und mit einer Klage gedroht", sagt der stellvertretende Generaldirektor von Paltel, Abdel Rahman Omar, der in feinem hellgrünen Zwirn und Limousine an die Absperrung vorgefahren war. Da hätten die israelischen Behörden schnell eingelenkt und erklärt, die Besetzung der Telefonzentrale sei ein Irrtum gewesen, weil das Gebäude so nahe am Gouverneurssitz liege. "Bei uns geht es eben um Business", sagt er zu dem obdachlosen Gouverneur, "bei euch um Politik."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!