• Nahost-Konflikt: Und Moses zerbrach die Tafel - Der neue Ausbruch von Hass belastet das Verhältnis jüdischer und arabischer Israelis

Zeitung Heute : Nahost-Konflikt: Und Moses zerbrach die Tafel - Der neue Ausbruch von Hass belastet das Verhältnis jüdischer und arabischer Israelis

Rainer Hank

Marvin Hier zitiert die Tora. Moses steigt vom Berg herab und sieht, dass die Menschen das Goldene Kalb und nicht den wahren Gott verehren. Da zerbricht Mose die Tafeln des Bundes. "Einen solchen Bruch erleben wir gerade wieder", meint Hier. Der Gründer des Simon-Wiesenthal-Centers ist wohl der einzige Rabbiner, der je zwei Oscars gewonnen hat. Mit "Genocide" und "The Long Way Home" hat der Regisseur aus der Shoa eine Hollywood-Dokumentation gedreht. Der erste Teil seines neuesten Films "In Search of Peace", der die Geschichte Israels zeigt, erlebte vor wenigen Tagen seine Uraufführung in Jerusalem und Tel Aviv. Dass dies heute solch friedlose Zeiten sein werden, war nicht geplant. Wäre es in Camp David zu einer Vereinbarung gekommen, hätte Hiers Film eine andere Bedeutung gewonnnen: Israel - 50 Jahre auf der Suche nach Frieden - wäre schließlich im Gelobten Land angekommen, ohne es den Palästinensern weiter streitig zu machen. Doch jetzt herrscht wieder Krieg.

Die Uraufführungstheater sind überfüllt. Die Besucher versichern sich in Hiers Film ihres Gründermythos: der Verlust der Altstadt Jerusalems im Unabhängigkeitskrieg, die Eroberung des Golan und des Sinai, Palästinenser auf der Flucht nach Jordanien. Jetzt, im Jahr 2000, wäre endlich ein Friede möglich gewesen - wenn beide Seiten zum Verzicht bereit gewesen wären.

Aber von Verzicht spricht derzeit keiner mehr - auch nicht bei dem Abendessen in einem kleinen Vorort von Tel Aviv. Dass es dort überhaupt gelingt, arabische und jüdische Israelis an einen Tisch zu bringen, ist alles andere als selbstverständlich in diesen Tagen. Sie sind keine Freunde, aber sie kennen sich aus besseren Zeiten: Muhammad, der junge arabische Arzt, und Grischa, der jüdische Unternehmensberater.

"Was treibt diesen Sharon auf den Tempelberg? Ich bin kein religiöser Mensch. Aber warum muss er uns provozieren?" Der Auftritt Ariel Scharons ist einen Monat her. Doch für Muhammad Farioja ist der 28. September ein Datum, das vieles verändert hat. Seither spricht er aus, was er schon lange wusste: Dass arabische Israelis für immer Bürger zweiter Klasse bleiben werden; dass sie, je mehr sie sich mühen, um so mehr gedemütigt werden; dass sie gleiche Rechte nie erhalten werden.

Muhammad arbeitet seit zwei Jahren in der Chirurgie der Hadassa, einer angesehenen Jerusalemer Klinik. Seine medizinische Ausbildung hat der 30-Jährige in Jerusalem und in Göttingen erhalten. Aufgewachsen ist er in einem kleinen arabischen Dorf, zehn Kilometer nördlich von Tel Aviv. Seine Eltern besitzen eine große Erdbeer-Farm.

Muhammad ist ein Aufsteiger, wie viele arabische Israelis. Er sieht die Karrierechancen, die ihm die israelische Gesellschaft bietet, aber er fühlt sich benachteiligt. Nein, natürlich sagt niemand zu ihm, er könne nicht Medizinprofessor werden, weil er Araber sei. So einfach dürfe man sich die Demütigung nicht vorstellen. Benachteiligung funktioniert über Privilegierung. Ein jüdischer Kollege wird vom Professor in die USA geschickt. Ein jüdischer Kollege wird von der Patientenbetreuung freigestellt, damit er mehr Zeit für die Forschung hat. Und irgendwann ist dieser Kollege dann auch besser als Muhammad. Es ist die Geschichte einer lebenslangen Demütigung. Mit dem Palästinenserstaat hat das nichts zu tun. Aber das Gefühl der Verletztheit ist von Sharons Tempelberg-Auftritt ausgelöst worden, genauso wie der blutige Aufstand in der Westbank.

Ein Extremist ist Muhammad nicht. Aber etwas ist passiert seit dem 28. September, und ein Riss geht auch durch die israelische Gesellschaft. "Jetzt kommen sie mit ihrer Polizei in unsere Dörfer und schießen auf uns", sagt er. Sie kommen auch in die arabischen Dörfer in Galiäa. "In welchem demokratischen Land schießt die Polizei auf die eigenen Staatsbürger?", fragt er. Und dann spricht er viel, lange und schlecht über den Polizeichef in Galiläa, der die Auffassung vertrete, die arabischen Israelis seien die fünfte Kolonne Arafats im jüdischen Stammland. "Müssen wir uns das gefallen lassen?" Dabei bestätigen alle Umfragen, dass auch nach der Gründung eines palästinensischen Staates, wann immer sie sein wird, niemand von den arabischen Israelis - abgesehen von ein paar wenigen - Bürger dieses Staates Arafats werden will. Und selbst jetzt, nach Wochen der Gewalt, hat sich daran nichts geändert.

Grischa Alroi-Arlotzer wird unruhig, je länger Muhammad redet. "Immer gefallt ihr euch in der Rolle der Opfer", sagt er. "Ich kann das nicht mehr hören." Grischa ist ein linker Zionist. Klug, scharfzüngig, aber nie verletzend. Mit Sharon hat er mindestens so wenig zu tun wie Muhammad, und religiös ist er auch nicht. "Aber seht ihr denn nicht, dass auch meine Gefühle verletzt werden, wenn in Jaffa die Synagogen geschändet werden?" Aus Tel Aviv trauen sich die Menschen dieser Tage nicht in das arabische Jaffa, das nur einen Steinwurf weit entfernt im Süden der Stadt liegt. Und die jüdischen Lehrer weigern sich, dort die arabischen Kinder zu unterrichten, weil sie Angst haben. "Ist das denn keine Bedrohung?", fragt Grischa. Das seien doch auch Verletzungen und Demütigungen. "Und was heißt hier Minderheit?" Hat nicht der Gipfel in Kairo deutlich gemacht, dass die Juden im Nahen Osten in der Minderheit sind? Haben nicht längst die Araber in und außerhalb Israels, in und außerhalb Palästinas auf den Zionismus mit einem um vieles fundamentalistischeren Islamismus reagiert?

Grischa ist gut zehn Jahre älter als Muhammad. Er bringt Kapitalgeber aus dem Ausland mit jungen Erfindern aus dem Land zusammen. Grischa steht für das neue Israel, stolz auf seine Start-Up-Kultur und Hochtechnologie. Ein Ignorant, wer das nicht sieht und bei Israel immer noch an Bananen und Orangen, halbsozialistische Kibbuzin und Staatswirtschaft denkt. Muhammad, der aufgeklärte Arzt, und Grischa, der Consultant: Sie könnten ein Musterpaar einer multikulturellen jüdisch-arabischen Gesellschaft sein. Aber die Verletzungen sind zur groß. Beide haben sie den ganzen Tag wieder die Nachrichten gehört. Jeder weiß, was in Nablus, in Ramallah, in Gaza vor zwei Stunden, vor zwei Tagen, vor zwei Wochen passiert ist. So viel wurde zerstört in den vergangenen Wochen, weshalb sie das Herz des Oslo-Prozesses - die Vereinbarung "vertrauensbildender Maßnahmen" - nur noch mit resignativer Ironie zitieren.

Usprünglich wollte Rabbi Hier, der Filmemacher aus Hollywood, seinen Film mit dem Frieden aus Camp David beschließen. Ursprünglich hätte der zweistündige Film die Geschichte Israels in einem Teil von 1984 bis 2000 umfassen sollen. "Aber dann hätten wir vieles weglassen müssen", sagt Hier. Deshalb endet der erste Teil mit dem Krieg von 1967, dem Sechstagekrieg. Der zweite Teil sollte eigentlich im Sommer nächsten Jahres fertig sein. Aber jetzt ist wieder alles offen.

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