Zeitung Heute : Nahost-Krise: Blut an den Händen

Robert Treichler

Von Jerusalem nach Ramallah sind es rund 20 Kilometer Richtung Nordosten. An normalen Tagen braucht man dafür rund 25 Minuten mit dem Taxi. Dieser Tage dauert es erheblich länger, weil kurz vor Ramallah der Krieg beginnt.

Ein Krieg mit allem was dazu gehört: Es gibt zwei Streitkräfte, die eine schwerer bewaffnet, die andere weniger, dafür hoch motiviert. Es gibt sogar eine Front - wenige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums von Ramallah. Die Demarkationslinie wird markiert durch ein relativ unscheinbar wirkendes, mehrstöckiges Hotel. In Friedenszeiten war hier der Checkpoint der israelischen Armee, die den Übergang zwischen Israel und dem Westjordanland bewachen.

Seit einer Woche wird hier gekämpft. Am Checkpoint fliegen die Steine und Molotow-Coctails in die eine Richtung, Gummigeschosse und manchmal auch echte Kugeln in die andere. Die Palästinenser proben den Aufstand gegen die Israelis, seitdem Likud-Chef Ariel Scharon am vergangenen Donnerstag den Tempelberg besucht hat. Für die Palästinenser war das eine Provokation. Was im Moment in Ramallah passiert, nennen die Demonstranten "Intifada Al-Aqsa", benannt nach der Moschee in Ostjerusalem.

Am Donnerstag passierte es: In den frühen Morgenstunden fuhren vier Reservisten der israelischen Armee mit ihrem Zivilfahrzeug durch Ramallah. Die israelischen Behörden sollten das später als zivilen Ausflug darstellen, die palästinensischen Behörden als verdeckte Operation der Armee. Die Vier wurden jedenfalls von Uniformierten der palästinensischen Polizei in deren Hauptquartier in Ramallah gebracht. Hunderte entfesselter Demonstranten umringten daraufhin das Polizeigebäude, riefen "Allahu Akbar!" (Allah ist groß). Zehn Palästinenser drangen durch ein Fenster in das Haus ein. Die Araber lynchten mindestens zwei der Soldaten. Was mit den anderen passierte, ist zur Stunde noch unklar. Einer der Toten wurde aus dem Fenster geworfen, wo die aufgebrachte Menge die Überreste des Israelis malträtierte. Der ZDF-Reporter Stephan Merseburger beobachtete, wie der Mob die Leiche anzündete, sie brennend durch die Straßen zerrte.

Wenig später war überall in Ramallah und im Gaza-Streifen der Lärm von israelischen Kampfhubschraubern zu hören. Und dann schlugen die Raketen ein: Das Polizeiquartier ging ebenso in Flammen auf wie die Unterkunft von Arafats Leibwächtern. Auch im Gebäude des palästinensischen Rundfunks in Ramallah schlugen Geschosse ein.

Arafat sprach von einer "Kriegserklärung" der Israelis. Die radikale Palästinenser-Organisation Hamas kündigte "Vergeltungsschläge" an. Noch Stunden später zogen Rauchschwaden über die heimliche Hauptstadt Palästinas, die ansonsten so hektische Betriebsamkeit war verflogen. Am Nachmittag herrschte in Ramallah gespenstische Ruhe, die nur vom Lärm der Hubschrauber unterbrochen wurde. Viele Telefonleitungen waren gestört. Ein palästinensischer Journalist, dessen Büro direkt neben dem Gebäude des Rundfunks liegt, war gerade dabei, einem westlichen Radioreporter ein Telefon-Interview zu geben, als direkt neben ihm die Bomben einschlugen. Es dauerte Stunden, bis er das Interview fortführen konnte.

Die Eskalation kam nicht überraschend. Schon seit Tagen befindet sich Ramallah im Ausnahmezustand, auch wenn es die Verantwortlichen offiziell anders bezeichnen. Die Palästinenserführung hatte schon vor Tagen den Ladenschluss in Ramallah und Umgebung auf 13 Uhr vorverlegt. Das hatte zur Folge, dass die Jugendlichen, die sonst um diese Zeit noch arbeiten mussten, schon früher frei hatten und sich kurz nach 13 Uhr zu den routinemäßigen "friedlichen Demonstrationen" finden konnten.

Khtaha ist 19 und einer dieser Demonstranten. Er ist Tischler und kommt eigentlich aus dem Gaza-Streifen, aber vergangenen Freitag, als Ariel Scharon auf den Tempelberg ging, schlug er sich ins Westjordanland durch. Er wußte, dass es zu Aktionen der Palästinenser kommen würde. Da wollte er dabei sein, um, wie er sagt, "für seinen Glauben zu kämpfen". Warum? Das kann er nicht so genau begründen. Seit dem Wochenende demonstriert er Tag für Tag.

Applaus für die Bombenwerfer

Fast 1000 Aktivisten sind es mittlerweile, die täglich von Ramallah aus zur Demarkationslinie ziehen. Khtaha gehört zu den Älteren, der jüngste Demonstrant, den er kennt, ist gerade einmal zwölf Jahre alt.

Die Demonstranten gehen dabei in drei Gruppen vor, der engere Kreis, die Speerspitze, sind rund 100 Jugendliche, vor allem Schüler. Sie marschieren vor dem Tross und zünden am Grenzbalken die seltsamerweise immer dort herumstehenden Autowracks an. Die nachrückende Gruppe wirft Steine und Molotow-Cocktails, wobei sie nicht selten die erste Gruppe trifft. Die dritte Fraktion steht dahinter oder am Rand. Sie applaudiert, wenn doch einmal ein Sprengsatz sein Ziel findet.

Die Israelis beantworten diesen Krieg der Jugendlichen mit Gummigeschossen und scharfer Munition. Jeden Tag gibt es Verletzte, manchmal Tote, aber den Palästinensern scheint das wenig auszumachen. Sie tragen ihre Verwundeten nach hinten und schmeißen sich dann wieder ins Getümmel. Verletzte werden zu Märtyrern, die man am nächsten Tag in Ramallah bewundern kann. Auf Postern lachen sie von den Wänden der Stadt - als Aufruf für die nächste Demonstration. Die meisten Verletzten warten noch nicht mal, bis ihre Wunden verheilen. Khtaha etwa wurde vor zwei Tagen verletzt und hatte Glück: Es war nur ein Gummigeschoss und keine echte Kugel. Seitdem trägt er den rechten Arm in einer Schlinge - und wirft seine Steine mit dem linken. Nur die Autowracks kann er nicht mehr umstoßen.

Die Polizei mischt mit

Die palästinensische Führung hatte in den vergangenen Tagen mehrmals zu Pressekonferenzen in ihre Autonomiebehörde in Ramallah gebeten und dort zur Mäßigung aufgerufen. "Wir wollen keine Eskalation, keine neue Intifada", erklärten sie vor den Kameras immer wieder. Kaum hatten die Journalisten ihre Mikrofone eingepackt, waren ganz andere Töne zu hören. Politisch ist die scheinbar unkontrollierbare Wut durchaus opportun: "Die erste Intifada hat uns das Osloer Abkommen gebracht", sagt ein hochrangiger Palästinenservertreter.

Jetzt geht es um Ost-Jerusalem - und wieder laufen die gleichen Bilder um die Welt. Vermummte Jugendliche, die wild entschlossen mit Steinen auf schwer bewaffnete Militärs losgehen. Wenn Bilder von schwerverletzten Jugendlichen mit Schusswunden um die Welt gehen, ist klar, wem die Sympathien gehören.

Dementsprechend ruhig hat sich die palästinensische Polizei bisher verhalten. Wenn die Jugendlichen marschierten, griff sie nicht ein. Im Gegenteil: Die Polizisten in ihren blauen Uniformen blieben rund einen Kilometer dahinter und beobachteten aus sicherer Entfernung. Und selbst wenn sie hätte einschreiten wollen - die Bevölkerung hätte die schlecht ausgebildete Truppe nicht ernst genommen. Die eigene Polizei sehen die Palästinenser nach wie vor nur als einen verlängerten Arm des Volkszorns, keinesfalls als Mittel des Rechtsstaats.

Wollte die Polizei die vier Israelis überhaupt vor dem anstürmenden Mob schützen? In Ramallah kursierte am Donnerstagnachmittag folgende Geschichte: Augenzeugen haben angeblich durch das Fenster des Polizeigebäudes mehrere Männer gesehen, die auf den am Boden liegenden Soldaten einschlugen oder einstachen. Einer davon hatte angeblich sogar eine palästinensische Polizeiuniform an. Kurz darauf zeigte sich einer der Angreifer am Fenster und signalisierte der Menge mit erhobenen Armen und zwei gespreizten Fingern das Siegeszeichen. Seine Hände waren mit Blut beschmiert, mit dem Blut des israelischen Soldaten.

Die Vergeltungsaktion der Israelis haben die Palästinenser indes nur weiter auf die Barrikaden getrieben. "Israelis haben in den vergangenen Wochen Dutzende von uns umgebracht, und da waren auch unschuldige Kinder dabei", sagt Khtara, "nun hat es drei Israelis erwischt und das waren Soldaten." Beim Lynchmord war er persönlich übrigens nicht dabei. "Leider", sagt er.

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