Zeitung Heute : Nahost-Krise: Ohne Mitleid

Charles A. Landsmann

Ich weiß wirklich nicht, was ich fühle", sagt Irena, die junge Witwe, die eine Woche lang verheiratet war. Vor wenigen Tagen ist ihr Mann Vadim Norzhich, ein israelischer Soldat, vom palästinensischen Mob gelyncht worden. Das Foto von einem der Täter mit Vadims Blut an den Händen ging um die Welt. Jetzt sind einige der Mörder gefasst. Das ist gut, sagt Irena, "aber Vadim kommt nicht mehr zu mir zurück". Wie man die Täter bestrafen solle? "Ich habe nicht darüber nachgedacht", sagt sie.

Fast gleichzeitig mit der Nachricht von der Festnahme hat Irena das Ergebnis eines Gen-Tests erreicht. Darin teilen ihre Ärzte ihr mit, dass alles in Ordnung ist mit dem Kind, das sie gebären wird. Dann heißt es noch in dem Bescheid, das Testergebnis sei auch für weitere Schwangerschaften des Paares Irena und Vadim gültig.

Vor acht Jahren ist die Familie des so grausam ermordeten Reservisten aus Sibirien eingewandert. Sie wohnt im bitterarmen Or Akiva nahe des noblen Cäsarea, und in diesen Tagen hält sie sich sehr zurück, was für diese Zeiten und für dieses Land ganz untypisch ist. Worte wie "Blutrache" oder "Todesstrafe" hat man von den Angehörigen des Vadim Norzhich nicht vernommen. Der Bruder des Toten, Michael, bleibt relativ besonnen: "Gut dass sie den mit dem Blut an den Händen gefasst haben. Was haben die sich gedacht, dass man sie mit Blumen und Tänzen empfängt? Das geschieht ihnen recht." Die Schwester Tania hatte sich nach dem Lynchmord an Ministerpräsident Ehud Barak gewandt mit der Bitte, etwas zu unternehmen. Sie ist noch nicht zufrieden. Es gebe noch viele, sagt sie, die man fassen und bestrafen müsste. Der alteingesessene Bürgermeister von Or Akiva, Yaakov Edri, wird deutlicher. Er fordert die Todesstrafe und findet: "Diese Männer haben keinerlei Mitleid verdient."

Das Urteil - bis zu 20 Jahre Haft für Beihilfe zum Mord, unter Umständen auch die Todesstrafe für Mord - wird ein Militärgericht sprechen, obwohl die Täter den Mord im palästinensischen Autonomiegebiet verübt haben. Die Todesstrafe haben israelische Militärgerichte bisher noch nie verhängt, doch diesmal fordern mehrere Ankläger, man solle sie wenigstens symbolisch verlangen.

Natürlich gibt es viele, die jetzt am liebsten auf einen Prozess verzichten würden, die sich eine schnelle und gnadenlose Rache an den Mördern von Ramallah gewünscht hätten. Aber Ministerpräsident Ehud Barak hat noch am Tag der Tat ausdrücklich darauf bestanden, sie lebend zu fassen. Dazu gab es guten Grund: Wären die Täter - wie in früheren Fällen - von Sonderkommandos liquidiert worden, so wäre das Leben der drei entführten Soldaten und des Obersts der Reserve, die sich in den Händen der Hisbollah befinden, aufs Höchste gefährdet gewesen.

Israelische Minister hatten nach der Tat geschworen: "Wir werden mit den Tätern abrechnen." Jetzt, da zumindest ein Teil von ihnen gefasst ist, verkündet der Vizeverteidigungsminister Ephraim Sneh: "Wir werden die Täter des Lynchmordes genauso bestrafen, wie wir es mit den Mördern der Sportler an der Münchner Olympiade getan haben". Die Terroristen wurden - mit einer einzigen Ausnahme - in den hintersten Winkeln der Welt aufgespürt und liquidiert.

Das wissen auch die Täter von vergangener Woche. Sie müssen in Panik geraten sein, als sie ihre Bilder in der Zeitung sahen. "Sie haben Angst, dass man kommt und sie umbringt", schilderte vor den Festnahmen ein palästinensischer Sicherheitsbeamter die Atmosphäre. Ein Dutzend Tatverdächtige sind "in den Untergrund abgetaucht", meldeten deren Familien.

Doch der Schabak-Geheimdienst hat sie gefunden. Er hat seine Undercover-Einheit "Duvdevan" (Kirsche) reaktiviert, die nach einer missglückten Aktion pausiert hatte, bei der drei eigene Soldaten von ihren Kameraden erschossen wurden. Zugeschlagen haben die Duvdevan-Leute im Dorf Lakiya im israelischen Sektor, andere geheime Spezialeinheiten übernahmen Beitin und Beit Diku (B-Sektor) sowie Issawiya (Jerusalem). Wie viele mutmaßliche Täter genau festgenommen wurden - zwischen fünf und zwölf laut palästinensischen Quellen, höchstwahrscheinlich waren es wohl acht - ist ebenso geheim wie ihr gegenwärtiger Aufenthaltsort. Zurzeit werden sie vermutlich den strengen Verhören des Schabak unterzogen, die gemäß internationalen Standards oft als Folter bezeichnet werden müssen. In 15 Tagen werden sie beim Hafttermin vor dem Westbank-Militärgericht erstmals in der Öffentlichkeit erscheinen.

Inzwischen gibt es auch eine offizielle, wenn auch sehr persönliche, dafür umso glaubwürdigere palästinensische Version des grausamen Geschehens in der Polizeistation von Ramallah. Der zweite Stock, wo die beiden Soldaten ermordet beziehungsweise schwer verwundet wurden, ist danach von Raketen israelischer Kampfhubschrauber total zerstört wurden. Im noch halbwegs intakten Nebengebäude sitzt Polizeikommandant Oberst Kamal al-Sheikh in seinem Büro, das keine Tür und keine Fensterscheiben mehr hat. Der 54-jährige Kommandant versichert: "Mein Gewissen ist rein, wir haben alles unternommen, was möglich war, um die zwei zu retten." Und dann fügt er hinzu: "Das war die größte Niederlage, die wir erlitten haben."

Als die beiden israelischen Soldaten, schon vom Mob verprügelt und verletzt, zur Polizeistation gebracht wurden, war er gerade anderswo bei einer Sitzung. Als er zurückkam, musste er sich in sein eigenes Gebäude hineinkämpfen. Was danach geschah, schildert er in nüchternen Worten: "Ich habe die zwei Israelis in das sicherste Zimmer im Gebäude gebracht, im zweiten Stock. Einem habe ich eine Zigarette angeboten. Von seiner Wange floss Blut. Sie waren verwundet, aber bei vollem Bewusstsein." Er habe sie beruhigt, erzählt der Kommandant, er habe ihnen gesagt, dass er alles tun werde, um sie zu retten. Einem der beiden, der nur ein Unterhemd trug, habe er ein Hemd angeboten, aber er habe es nicht angenommen, vielleicht habe er ihn auch nicht verstanden.

"Sie saßen auf den Stühlen, und ich dachte nach, wie ich sie hinausschmuggeln könnte", sagt Kamal al-Sheikh. Dann war von unten zu hören, wie die Menge das Eisentor aufsprengte, wie sie die Waffenkammer umzingelte. Als sie ins Zimmer stürzten, sagt der Kommandant, habe er sich auf einen der beiden Soldaten gelegt, um ihn zu schützen. "Ich schäme mich es zu sagen, doch die Menge hat mich einfach hochgehoben und an die Wand geworfen."

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