Zeitung Heute : Nahost: Nennen wir es Glück

Bernd Ulrich

Arafat lächelt zuerst. Das muss nichts heißen. Denn aus seiner Sicht bedeutet Nahostpolitik, dass er beinah jeden Tag irgendeinen wichtigen Menschen bei sich zu Besuch hat. Und das seit Jahrzehnten. Manchmal kommen zwei gleichzeitig. Mit Arafat und den internationalen Wichtigkeiten ist es so wie in Heinrich Bölls Weihnachtsgeschichte. Jeden Tag ruft der Engel: Frieden, Frieden. Und damit es nicht so auffällt, dass die Ausnahmen zum Alltag geworden sind, richten Arafats zahlreichen Helfer es so ein, dass jede Pressekonferenz improvisiert wirkt, auch das Felsendom-Bild im Presseraum wird jedesmal neu aufgehängt, täglich ein frischer Weihnachtsbaum. Frohe Weihnacht, Jassir Arafat.

Aber heute, beim Besuch des Friedensengels Fischer, ist Arafats Lächeln lebendiger. Er ist überhaupt sehr wach an diesem Tag. Seine dunklen Augen wandern aufmerksam hin und her bei der Pressekonferenz, die er gemeinsam mit dem deutschen Außenminister gibt. Zuerst hatte der PLO-Führer sein tief ernstes Gesicht aufgesetzt und die Litanei der jüngsten israelischen Verbrechen an seinem leidenden Volk aufgesagt: Die Besetzung des Orienthauses in Ostjerusalem dauert an, die Wahl eines Patriarchen wurde manipuliert, Schafe wurden vergiftet. Wenn man sich das anhört, glaubt man keine Sekunde mehr daran, dass Joschka Fischer auf seiner Nahost-Reise irgendetwas bewegen kann. Doch dann fängt Arafat an zu lächeln. Es ist das fast junge Lächeln eines greisen Revolutionsführers, der doch immer wieder einen Ausweg findet aus den Sackgassen, in die er selbst hineingerannt ist. Arafat begrüßt die Idee von Joschka Fischer, ein Treffen mit dem israelischen Außenminister Peres in Berlin zu veranstalten.

Nun lächelt auch Fischer, geschmeichelt, verlegen - und verschmitzt. Immerhin war auch er einmal Revolutionsführer. Jetzt aber ist er Außenminister und kann zu Arafats Selbsteinladung nach Berlin nicht Nein sagen. Er kann aber auch nicht einfach so Ja sagen, weil er sich damit zu offen in der Vermittlerrolle zeigen würde, in der er ohnehin schon ist. Also sagt er: "Es gibt auch viele andere Orte, auch hier in der Region, aber mein Büro steht jederzeit offen, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag."

Am toten Punkt

In diesem Moment vollzieht sich die Wende auf Fischers Nahost-Mission, die so nervtötend ratlos begonnen hatte. Am Montag Nachmittag in Kairo traf er mit seinem ägyptischen Amtskollegen Achmed Maher zusammen. Ein lustiger Mann, der immer einen kleinen Scherz auf den Lippen hat. Sonst hatte er aber diesmal nicht viel zu bieten außer: Ratlosigkeit. Israelis und Palästinenser haben den Konflikt systematisch angeheizt, solange bis sie nicht mehr wussten, wie sie passender Weise noch eins draufsetzen könnten, ohne gleich einen regelrechten Krieg anzuzetteln. Nun saßen sie auf ihren kleinen Feldherrenhügeln aus Blut und Geröll und formulierten Vorbedingungen für Vorgespräche über Vorverhandlungen. Scharon wollte erst anfangen zu reden, wenn mindestens sieben Tage nicht geschossen worden ist. Sieben Tage Naher Osten ohne Gewalt - das ist zurzeit so wahrscheinlich wie sieben Tage Oktoberfest ohne Bier. Arafat seinerseits wollte erst dann wieder Gespräche führen, wenn das äußerst symbolträchtige - alles ist hier äußerst symbolträchtig - Orienthaus nicht mehr besetzt ist. Dazu fiel auch dem gewitzten Achmed Maher nichts mehr ein.

Auch Fischers Gespräch mit Schimon Peres wenige Stunden später in Tel Aviv war nicht sehr erhellend. Immerhin hatte Peres eine Idee: Da man die Waffen nicht überall in den besetzten Gebieten zum Schweigen bringen kann, schon gar nicht für sieben Tage, kann man es vielleicht mit Zonen der Sicherheit probieren und darüber wieder ins Gespräch mit dem innigen Feind von nebenan kommen. Das klang gut, jedenfalls besser als nichts. Am toten Punkt klingt beinah alles besser als nichts. Nur, wer ist schon Schimon Peres?

Am Abend, auf der Terrasse des King David Hotels, gibt sich Joschka Fischer milde resignativ. Ihm ist aufgefallen, dass hier keiner mehr eine politische Strategie hat, weder die Arbeitspartei noch der Likud, weder die Israelis noch die PLO. Das beunruhigt den Strategen, der bei den Grünen oft genug erfahren hat, dass er mit falschen Strategien allemal besser umgehen kann als mit gar keinen. Im Moment scheint ihm hier keiner über den Tag hinaus zu denken. Und so füllen sich die Tage mit unsinnigen Taten.

Was hat der in dieser kriegsgehärteten Umgebung des Idealismus verdächtigte Sozialdemokrat Peres in Ariel Scharons Kabinett noch zu sagen? Mit dieser Frage ging Fischer schlafen, und die stellen ihm am nächsten Morgen auch die PLO-Vertreter im ausgestorbenen Ramallah. In dieser autonomen Palästinenserstadt sieht man nur Männer mit Waffen und Männer mit Maurerkellen, es wird hier offenbar nur gebaut oder mit Waffen Politik gemacht. "Gebt uns ein Telefongespräch mit Scharon", erwidern die PLO-Leute nach Darstellung aus Delegationskreisen, als der deutsche Außenminister ihnen die Peres-Idee schmackhaft machen will. Und dann zieht Jassir Arafat aus den zahllosen Taschen seines Kampfanzugs für alle Tage wieder kleine Zettel, lauter Zeitungsausschnitte, aus denen er die guten Taten der PLO und die bösen der Israelis vorliest. Arafat kann schon sehr nervtötend sein. Fischer aber auch: Er schwärmt, so "operativ" habe er Peres noch nie erlebt wie im Moment, und er wiederholt immerzu sein Mantra: Testet Peres, prüft selbst, was seine Worte wert sind. Und dann, als Arafats Berater gerade zögerlich von Aggressivität auf Hilflosigkeit umschalten, sagt er plötzlich, er wolle Peres doch treffen, vielleicht in Anwesenheit Fischers, vielleicht in Berlin. Seine Hoffnung ist, dass es laufen könnte wie in Beit Jala. Dort ist es nicht zuletzt mit Hilfe halboffizieller EU-Beobachter gelungen, so etwas wie Sicherheit und Stabilität zu schaffen. Beit Jala verdoppeln, vervielfachen, das könnte eine Lösung sein. Und mit einem Mal gab es für Arafat keine Vorbedingung, kein Orienthaus mehr. Was aber blieb, war die Frage, ob Ariel Scharon sich gegen ein solches Treffen stellen würde, und wie er wirklich zu dem Vorschlag sich ausweitender Sicherheitszonen steht.

Ernsthafter Vermittler

Von Ramallah geht es zurück nach Jerusalem, zum Sitz des Premierministers. Es ist dieselbe Strecke, die Fischer Anfang Juni gleich zweimal zurücklegte, als er nach dem Selbstmordattentat in Tel Aviv einen Waffenstillstand aushandelte, der immerhin einige Wochen hielt. Jetzt hat man den Eindruck, als würden die Sandsäcke in den umstrittenen Gebieten noch höher gestapelt. Man hat aufgerüstet und sich eingerichtet, alles wirkt zugleich gefährlicher und ruhiger als vor zehn Wochen. Fischers Rolle hat eine ähnliche Entwicklung genommen, sie ist leichter geworden, weil Krieg nicht unmittelbar droht. Und sie ist schwieriger geworden, weil er diesmal nicht aus Zufall Vermittler ist, einfach weil er halt da war. Jetzt ist er da, weil er zwischenzeitlich zum ernsthaften Vermittler avancierte. Insofern ist diese Fahrt zu Scharon für Fischer nicht ohne Spannung. Es ist die Begegnung mit dem eigentlich mächtigen Mann hier, er entscheidet über Erfolg oder Misserfolg des deutschen Außenministers.

Um den Amtssitz des Premierministers herum ist es viel lebendiger als in Ramallah, Menschen laufen, Autos hupen, Blumen in allen Farben wachsen hier. Das Vier-Augen-Gespräch der beiden Männer dauert lange, aber es führt zu einem bemerkenswerten Erfolg: Scharon steht hinter Peres, er hat nichts gegen ein Treffen mit Arafat. Und was diesen Peres-Plan von den sich ausweitenden Sicherheitszonen angeht, der stamme ja sowieso von ihm, Scharon, das ist doch klar, oder? So streuen es zur gleichen Zeit auch schon Scharons Spin-Doctors.

Nach dem Gespräch sitzt Fischer im King David Hotel auf dem Sofa, streicht zufrieden mit der Hand über den Stoff und lächelt wieder. Er beantwortet mit diesem sibyllinischen Lächeln die Frage, von wem die Idee mit Berlin stammt. Er könnte natürlich sagen: von Arafat. Aber das wäre womöglich eine Lüge. Er könnte sagen: von mir. Aber das wäre eine Torheit. Also sagt er nichts und freut sich. Kurz danach bricht er zum zweiten Mal zu Arafat auf. Die Pendeldiplomatie geht weiter. In Nahost wird wieder verhandelt.

Doch woher kommt dieser zweite Erfolg bei einer Nahost-Reise binnen zehn Wochen? Es geht das Gerücht, Fischer habe Arafat eine Milliarde Mark versprochen. Das Auswärtige Amt bestreitet das, doch es würde das auch tun, wenn es stimmen würde. Eine Milliarde, da hätte man doch zumindest eine plausible Erklärung, warum es Fischer wieder gelungen ist, die Konfliktparteien für einen kurzen Moment einen Millimeter vom Abgrund wegzuziehen. Eine andere Erklärung wäre: Glück.

Wie lange das diesmal hält? Kurz nach Fischers Gespräch mit Scharon explodiert in Jerusalem eine Bombe. Es ist nichts passiert.

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