Nahostkonflikt : Kriegsrecht in Hebron

Nadav Bigelman verbrachte als israelischer Soldat ein halbes Jahr in dieser Stadt – zwischen militanten jüdischen Siedlern und Palästinensern. Hier erzählt er von seinen Erlebnissen.

Protokoll
Nadav Bigelman.
Nadav Bigelman.Foto: Mike Wolff

Wenn ich an meine Zeit in Hebron denke, fällt mir spontan dieser eine Moment ein. Es war Morgen, ein nächtlicher Einsatz ging zu Ende, und ich blickte auf die Steinmauern um die Höhle der Patriarchen, wo angeblich die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob mit ihren Frauen begraben sind. Das ist eine der wichtigsten Stätten des Judentums (auch für Muslime hat sie große Bedeutung). Nicht, dass ich etwas gegen die Synagoge dort hätte, gegen Religion oder gar gegen jüdische Geschichte. Aber in dem Augenblick verstand ich, dass ich wegen dieses Gebäudes als Soldat in Hebron bin, in fremde Häuser eindringe und Leute verhafte – und dieser Gedanke war schwierig für mich. Um der Religion willen sollte man nicht hunderttausende Menschen kontrollieren.

Ich habe von 2007 bis 2010 meinen Wehrdienst in der israelischen Armee geleistet. Von Februar bis Juli 2008 war meine Einheit in Hebron stationiert. Ich komme aus einem linken Elternhaus und war schon vorher kein Anhänger der Besatzung. Die Zeit beim Militär hat meine Haltung verstärkt, und das lag vor allem an dem, was ich in Hebron erlebt habe. Ich weiß, vielen Wehrdienstleistenden, die dort Dienst getan haben, geht es ähnlich.

Hebron ist ein extremer Fall. Es ist die größte palästinensische Stadt im Westjordanland – und die einzige, in deren Mitte jüdische Siedler leben. Derzeit sind es rund 800, bei insgesamt 180 000 Einwohnern. Es ist komisch: Hebron liegt nur rund 30 Kilometer südlich von Jerusalem, wo ich aufgewachsen bin. Jede Stunde gibt es einen Bus, die Fahrt dauert höchstens 40, 45 Minuten. Doch vor meinem Wehrdienst war ich nie dort. Ich habe auch keine anderen palästinensischen Städte besucht. Nach Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 habe ich mal an einem Begegnungsprogramm mit Palästinensern teilgenommen – wir trafen uns damals in Italien!

Wie in Jerusalem, so gibt es auch in Hebron viele Hügel. Der historische Kern, die Kasbah, ist voller winziger Gassen und jahrhundertealter Häuser. Man darf sich die Altstadt aber nicht zu schön vorstellen, denn es ist ein Gebiet unter Militärherrschaft, mit Wachtürmen und Stacheldraht. Alle anderen wichtigen Städte im Westjordanland werden dank des Oslo-Abkommens seit 1994 von der Autonomiebehörde kontrolliert. Ramallah zum Beispiel, Bethlehem oder Dschenin. Hebron ist eine Ausnahme. Um die Siedler zu schützen, steht der Ostteil der Stadt, inklusive der Kasbah, unter israelischer Kontrolle. Diesen Teil nennt man H2, Hebron 2. Er macht 20 Prozent des Stadtgebiets aus. Für einzelne Aktionen darf die Armee aber auch ins palästinensische H1 vordringen.

Wir Soldaten waren in zwei Stützpunkten in H2 untergebracht. Meiner befand sich im früheren Busbahnhof. Der typische Tagesablauf sah so aus: Du rückst für sechs Stunden aus – patrouillierst zum Beispiel in den Straßen –, kannst dich dann ein paar Stunden ausruhen und musst schließlich wieder für sechs Stunden nach draußen. 17 Tage am Stück geht das so, dann darfst du für vier Tage nach Hause. Nach Jerusalem zurückzukehren, fühlte sich für mich immer wie eine Reise in eine andere Welt an. Eine Welt, in der alles intakt und demokratisch ist.

Im Winter kann es ganz schön kalt werden in Hebron. Zumindest nach meinen israelischen Maßstäben. Manchmal schneit es sogar. Im Sommer ist es dafür umso heißer. Da kommt man in seiner Uniform ins Schwitzen. Das macht den Einsatz noch unangenehmer. Die ganze Situation ist verrückt! Als Soldat in Hebron weiß man oft nicht, was man tun soll: Man ist ja dort, um die Siedler zu schützen, aber das sind die gleichen Leute, die einen selbst oder die Palästinenser angreifen. Das meiste, was ich an Gewalt erlebt habe, kam von ihrer Seite, nicht von der arabischen.

Es gibt vier Siedlungen in Hebron, diese Häuserkomplexe und Viertel machen zusammen mit unsere Militärbasen drei Prozent der Stadt aus. Manchmal handelt es sich um Neubauten, sie sehen deutlich besser aus als die palästinensischen Häuser.

Die Siedler von Hebron sind extremer als anderswo. Ich habe während meiner Zeit in der Stadt Tagebuch geführt und notiert, was ich sah. Am 6. April 2008 zum Beispiel: „Ein jüdisches Kind schreit eine palästinensische Frau an: ,Mohammed ist ein Schwein’.“ Oder am 28. Mai 2008: „Ein jüdischer Siedler tyrannisiert arabische Kinder und spuckt sie neben unserem Posten an.“ Solche Dinge habe ich unzählige Male beobachtet, mindestens einmal in der Woche. Als Soldat musst du dann beide Seiten trennen, wie im Kindergarten.

Das Komplizierte ist: Für die Siedler gilt israelisches Recht, als Soldat darf ich sie nicht verhaften, höchstens wenn es um Leben und Tod geht, sonst kann ich bloß die Polizei rufen. Für die Palästinenser hingegen gilt eine Art Kriegsrecht, gegen die kann man als Soldat vorgehen. Wenn die Siedler jemanden provozieren, sind sie deshalb immer im Vorteil.

Ein weiteres Beispiel für eine Provokation: Es gibt Siedler, die in einem Haus über Palästinensern wohnen und immer ihren Müll aus den Fenstern werfen, um die Araber zu vertreiben. Windeln, Essensreste, alles, was man sich so vorstellen kann. Die Palästinenser haben sich mittlerweile mit einem Netz über der Straße beholfen.

Nach meinem Wehrdienst bin ich erst mal einen Monat in den Urlaub nach Indien gefahren. Danach habe ich begonnen, bei der Organisation „Breaking the Silence“ zu arbeiten, die von ehemaligen israelischen Soldaten gegründet wurde. Ich interviewe junge Israelis, die mir vertraulich von ihren Erlebnissen in den besetzten Gebieten berichten. Außerdem führe ich Interessierte – Israelis wie Ausländer – zwei Mal die Woche durch den israelisch kontrollierten Teil von Hebron. Wenn wir dann auf der Hauptstraße stehen – der Shuhada Straße, die an der Kasbah entlang und zum Grab der Patriarchen führt –, sage ich den Leuten immer: Sie befinden sich jetzt im historischen Zentrum der größten palästinensischen Stadt, aber Sie werden hier keine Palästinenser sehen, weil es denen verboten ist, die Shuhada Straße zu benutzen.

Das Gleiche gilt auch für ein paar andere Straßen. Wieder andere dürfen Palästinenser zwar betreten, dort aber kein Auto fahren. Innerhalb von H2 gibt es viele Barrieren und Kontrollpunkte. Und wenn Palästinenser nach H1 gelangen wollen, müssen sie Checkpoints mit Metalldetektoren passieren. Die beiden Stadtteile sind jedoch nicht durch Mauer oder Zaun getrennt, so dass es Schleichwege gibt, um die Checkpoints zu umgehen.

Offiziell geht es bei all dem um Sicherheit. Und beide Seiten sollen voneinander getrennt werden. Hunderte Geschäfte, die sich mal an der Shuhada Straße befanden, sind jetzt dichtgemacht, die Fassaden verrammelt, auf manche haben Siedler Graffiti gesprüht, so was wie „Tod den Arabern“ oder „Hebräisches Hebron“. Dieser Teil von H2 wird oft als Geisterstadt bezeichnet. Palästinenser, die an der Straße wohnen, können ihr Haus nicht über den Haupteingang betreten oder verlassen, sondern müssen das irgendwie übers Dach oder durch einen Hinterausgang machen.

Weil sie es unter diesen Bedingungen nicht mehr ausgehalten haben, sind 42 Prozent der Palästinenser, die einst um die Siedlungen herum lebten, in den anderen Teil der Stadt gezogen. Zurück bleiben die Armen. In H1 ist inzwischen ein neues Stadtzentrum entstanden, mit einem belebten Markt. Ich kann das von Weitem beobachten. H1 betreten darf ich jedoch mittlerweile nicht mehr – als israelischer Zivilist ist mir das verboten.

Das traurigste Erlebnis meiner Wehrdienstzeit war die Räumung eines palästinensischen Hauses. Die Besitzer hatten gegen Bauauflagen verstoßen. Wir waren zehn oder 15 Soldaten an diesem Tag, zwei Siedler liefen die ganze Zeit um uns herum, und ein paar europäische Friedensaktivisten schrien uns an. „Warum macht ihr das?“, riefen sie. Es tut mir leid, sagte ich – na ja, gesagt habe ich es eigentlich nicht, aber so habe ich gefühlt. Zuerst haben wir zwei Bewohner aus dem Haus geholt und ihnen dann beim Heruntertragen von Möbeln und Kleidern geholfen. Ich fand das entsetzlich und erinnere mich bis heute daran.

Die Siedler versuchen, die Soldaten für sich zu gewinnen. Manche verteilen während der Schicht Kaffee und Kuchen. Oder sie laden einen zum Abendessen ein. Ich habe das nie angenommen. Meine Einheit stand sowieso im Ruf, politisch links zu sein – zu Recht übrigens –, so dass uns die Siedler nicht besonders leiden konnten.

Die Palästinenser sind schon so an die Besatzung gewöhnt, dass sie das alles nicht mehr zu kümmern scheint. Als ich in Hebron war, herrschte dort einfach Depression. Für die Leute ist es Alltag, dass sie ihre Ausweise vorzeigen müssen, um von einer Straße in die nächste zu kommen, dass mitten in der Nacht Soldaten in ihre Wohnung eindringen und auf der Suche nach Waffen alles auf den Kopf stellen oder dass sie an einem Checkpoint gefesselt und für Stunden festgehalten werden. Es gibt ein Foto, das das sehr gut zeigt. Darauf sind palästinensische Kinder beim Spielen zu sehen: Einer ist der Soldat, die anderen stehen an der Wand und werden durchsucht. Diese Kinder kennen nichts anderes als die Besatzung.

Hebron ist eine wichtige Stadt für Juden wie für Muslime. So viele Leute sind auf beiden Seiten gestorben. Was passieren müsste, damit die Leute dort friedlich zusammenleben können? Ich glaube, eine Lösung für die Stadt kann es nur als Teil einer größeren Lösung für Israelis und Palästinenser geben. Denn auch wenn es in Hebron besonders gewalttätig zugeht – das Grundproblem ist überall im Westjordanland das gleiche. Wenn man ein anderes Volk kontrollieren will, kommt so etwas dabei heraus.

Nadav Bigelmans Organisation zeigt im Willy-Brandt-Haus bis zum 29. September Fotos aus den besetzten Gebieten. Bigelman und einige Mitstreiter führen Besucher persönlich durch die Ausstellung. Gerade ist außerdem das Buch „Breaking the Silence“ im Econ Verlag erschienen. Für Touren durch Hebron kann man sich unter breakingthesilence.org.il anmelden.

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