Nahrungsmittel-Gipfel : Den Hunger stillen

Morgen beginnt ein Gipfel zur globalen Nahrungsmittelkrise. Was ist zu tun, um eine Hungerkrise zu verhindern?

Dagmar Dehmer
Hunger
Foto: dpa

Die Hungerrevolte in Haiti und die oft gewalttätigen Demonstrationen gegen steigende Lebensmittel- und Benzinpreise in 30 Ländern der Welt haben die Regierungen aufgeschreckt. In dieser Woche veranstaltet die UN-Agrarorganisation FAO deshalb in Rom einen Gipfel, auf dem es um die globale Nahrungsmittelkrise gehen wird. Ob sich die Teilnehmer – Staats-, Regierungschefs und Fachminister aus 50 Staaten – auf eine gemeinsame Politik einigen können, die verhindert, dass aus der Preiskrise eine anhaltende Hungerkrise wird, ist schwer vorherzusehen. Denn so vielfältig die Gründe für den rapiden Anstieg der Preise sind, so unterschiedlich sind die Vorstellungen, wie der Krise begegnet werden kann.

Der Washingtoner Thinktank Ifpri (International Food Policy Research Institute) hat nun in Vorbereitung des Gipfels acht Forderungen an die internationale Politik erarbeitet, die kurz- und langfristige Vorschläge enthalten. Den meisten Forderungen würden sich die Institutionen der UN, die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) wohl anschließen. Bei der IWF- und Weltbanktagung vor wenigen Wochen wurden einige Vorschläge, wie eine verstärkte direkte Lebensmittel- und Bargeldhilfe für die Ärmsten, und die Ablehnung von Exportverboten oder hohen Exportzöllen bereits formuliert.

Joachim von Braun, Ifpri-Geschäftsführer, schlägt kurzfristig eine Ausweitung direkter Unterstützungsprogramme für Arme vor. Vor allem für Kinder sei das wichtig, weil Mangelernährung im Kindesalter die Chancen auf ein menschenwürdiges Leben mindere. Ifpri hat in einer Studie nachgewiesen, dass unterernährte Kinder ihr Leben lang benachteiligt bleiben. Joachim von Braun fordert deshalb eine Ausweitung von Schulspeisungsprogrammen, und will zudem „Mitnehm-Rationen“ anbieten. Das würde die Zahl der Kinder, die Schulen besuchen – speziell die der Mädchen – erhöhen. So würde ein bedeutender Beitrag zur Bekämpfung der Armut geleistet, argumentiert von Braun.

Das Ifpri fordert des Weiteren, Exportschranken sofort aufzugeben, weil Bauern, wenn sie von den steigenden Preisen nicht profitieren können, ihre Produktion nicht ausweiten werden. Es sollte schnelle Hilfsprogramme geben, um die Menge der produzierten Lebensmittel zu erhöhen – vor allem durch Kleinkredite für Bauern, oder die Ausgabe von Saatgut und Dünger.

Joachim von Braun hofft auch auf schnelle Änderung der Agrosprit-Politik in den USA und Europa. Seit 2003 haben sich die Preise für Mais und Weizen verdoppelt. In den vergangenen vier Monaten stieg der Reispreis um 100 Prozent. Milchprodukte, Fleisch, Geflügel, Palmöl und Cassava – eine vor allem in Afrika angebaute stärkehaltige Wurzel – wurden ebenfalls deutlich teurer. Die Preise für Butter und Milch haben sich seit 2003 verdreifacht, der für Geflügel nahezu verdoppelt. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig: hohe Energiepreise vor allem für Öl, die subventionierte Produktion von Agrartreibstoffen, steigende Einkommen in den Schwellenländern und das Bevölkerungswachstum, die Verstädterung und die Globalisierung sind die größten Preistreiber. Und angesichts des fortschreitenden Klimawandels, warnt von Braun, könnte die jetzige Lebensmittelkrise nur ein Vorspiel für kommende Hungerkrisen sein.

Etwa ein Drittel der US-Maisernte ist 2007 in die Ethanoldestillen und dann in den Tank von Fahrzeugen geflossen. Für 39 Prozent der Preiserhöhungen beim Mais ist die Biospritproduktion direkt verantwortlich. Bei Weizen sind es 22, bei Reis 21 Prozent, sagte Mark W. Rosegrant von Ifpri Anfang März bei einer Kongress-Anhörung in Washington. Der Grund: Wegen der steigenden Maispreise sind Verbraucher auf Weizen und Reis ausgewichen. Gleichzeitig macht der hohe Maispreis den Anbau für die Bauern lukrativer – und verdrängt damit Flächen, auf denen Reis und Weizen angebaut wird. Allein wegen dieser Effekte hat auch der Preisanstieg von Reis und Weizen mit der Agrosprit-Produktion zu tun, obwohl weder das eine noch das andere Getreide direkt in die Ethanolproduktion gehen. Gäbe es ein globales Moratorium für die Agrospriterzeugung aus Ölpflanzen und Mais, könnten die Preise für Mais um rund 20, für Weizen um acht, um 14 für Cassava, um elf für Zucker und um ein Prozent für Speiseöle sinken, argumentiert Rosegrant. Joachim von Braun schätzt, dass das Preisniveau für Lebensmittel im Schnitt um zehn Prozent runtergehen würde, wenn Mais und Öle nicht in den Tank kommen, sondern als Nahrung für Mensch und Vieh verwendet würden. Und: „Ein Moratorium wäre kostenlos“, sagt er.

Ein weiterer Streitpunkt ist, welchen Anteil Spekulationen an dem Preisanstieg haben. Das Ifpri schreibt, dass im ersten Quartal 2008 das Volumen von global gehandelten Getreide-Futures und Kaufoptionen in der Zukunft im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres um 32 Prozent zugelegt hat. Es sei nicht auszuschließen, „dass heißes Geld aus dem zusammengebrochenen Immobilienmarkt in den USA seinen Weg in die Rohstoffmärkte einschließlich der Lebensmittel-Futures gefunden hat“, sagt von Braun. Das Ifpri schlägt vor, den Handel mit Futures, Wetten auf die zukünftigen Preise von Getreide, im Volumen zu begrenzen. Langfristig helfe aber nur, den Weltmarkt zu vergrößern, indem mehr Handelsschranken fallen. Zudem müsse mehr Geld in die Landwirtschaft in Entwicklungsländern fließen – in die Agrarforschung sowie über Kleinkreditprogramme direkt an die Bauern.

Joachim von Braun hofft, dass in der Hochpreisphase endlich auch die marktschädlichen europäischen und amerikanischen Agrarsubventionen infrage gestellt werden, was die WTO-Verhandlungen beträchtlich erleichtern würde. Wahrscheinlich ist das aber angesichts des gerade durch den US-Kongress gebrachten Farmgesetzes und der zähen Verhandlungen in der EU über ihre Agrarpolitik nicht. Der deutsche Agrarminister Horst Seehofer droht schon seit Wochen, die Brüsseler Reformen zu blockieren. Und in den USA hat der Kongress viele Subventionen für die amerikanischen Farmer verlängert – denn im November wird nicht nur der Präsident, sondern auch die Hälfte des Kongresses gewählt.

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