Nairobi : Der größte Slum der Welt

Nairobi hat seit den Wahlen drei Wochen der Gewalt erlebt. Jeder vierte Einwohner von Kenias Hauptstadt lebt in Kibera. Ein Ortstermin.

Toni Keppeler

Kibera ein Armenviertel zu nennen, wäre schmeichelhaft. Kibera ist Schlamm, Müll und Gestank. Eine Jauchegrube, vollgestopft mit Menschen. Auf der Anhöhe über Soweto, einem der elendesten Teile dieses elenden Fleckens, kann man sie hören: Über den Lehmhütten unten im Tal liegt ein Teppich aus Gemurmel. Fast feierlich klingt das, wie das Geplauder im Foyer eines Opernhauses während der Pause. So dicht, wie sich die Opernbesucher einer ausverkauften Vorstellung im Foyer drängen, so dicht gedrängt leben die Menschen in Kibera.

Kibera ist ein Teil von Kenias Hauptstadt Nairobi. Aber es gibt hier keine Straßen und Wege. Nur Zwischenräume, die zufällig übrig blieben, nachdem die Häuser gebaut waren. Manchmal sind sie so eng, dass sich gerade noch Kinder durchzwängen können, manchmal so steil, dass sie nach einem Regenguss zu unpassierbaren glitschigen Schlammrutschen werden. Doch neuerdings, vor allem dort, wo sich vor drei Wochen noch die Märkte befanden, vor jenem 27. Dezember, dem Tag der Präsidentenwahl, weiten sich die Zwischenräume zu einer Schneise der Verwüstung.

In Kibera hat Raila Odinga seinen Wahlkreis, der Mann, der als Oppositionsführer den Präsidenten Mwai Kibaki herausforderte. Odinga verteidigte seinen Kreis mühelos. Und als die Wahlkommission am 30. Dezember Kibaki entgegen allen Voraussagen zum Sieger erklärte, brach über Kibera die Hölle los. Vor allem die jungen Männer tobten ihre Wut an Häusern, Kiosken und kleinen Betrieben aus. Es ist nicht schwer, die armseligen Hütten aus Holz, Wellblech und Karton zu zerstören, Tausende gingen in Flammen auf, Läden wurden geplündert, die Angehörigen der Gikuyus, dem Stamm des Präsidenten Kibaki, dem sie Wahlbetrug vorwerfen, wurden durch den Slum geprügelt. Nach Angaben der Polizei gab es mindestens 50 Tote, aber wer weiß das schon so genau in diesem Viertel, von dem Teile nun einer Mondlandschaft gleichen.

Im Innern Kiberas verbinden sich die Hütten zu langen Zeilen, die Wände aus einem mit Lehm verschmierten Gerüst aus Knüppeln, darüber ein vom Rost rotes Wellblechdach. Ein Zimmer reiht sich ans nächste, fünf, acht oder zehn in einem Haus. Aus jedem Raum führt eine Tür nach draußen; nur die größeren haben ein kleines mit Stöcken vergittertes Fenster. Ein Zimmer ist eine Wohnung. Es gibt kein Wasser und keinen Strom, nicht erst seit den Ausschreitungen, das war schon immer so. Nur die wenigsten dieser Häuser haben eine Latrine, die Notdurft landet auf der Straße.

Niemand, der nicht in Kibera wohnt, geht dort hin. Der Ort ist auf keiner Karte verzeichnet. Offiziell gibt es ihn gar nicht. Das Land gehört dem Staat. Nie wurden Grundstücke ausgewiesen, geschweige denn Baugenehmigungen erteilt. Und doch lebt rund ein Viertel der drei Millionen Einwohner Nairobis dort. Genaue Zahlen gibt es nicht. Selbst Grace Wanyonyi, die für Slums zuständige Staatssekretärin im Wohnungsbauministerium, kann die Einwohnerzahl nur schätzen: „Ungefähr 700 000. Vielleicht 200 000 mehr, vielleicht 200 000 weniger." Vor allem jetzt, wo viele Gikuyu in eines der zahlreichen Flüchtlingslager ausgewichen sind. Doch immer noch ist Kibera das größte der 135 Slumgebiete von Nairobi. Sicher auch das größte in Afrika. Wahrscheinlich sogar das größte der Welt.

Lange Zeit wusste man nur, dass es überall in der armen Welt Slums gibt. Aber es ist erst fünf Jahre her, dass eine internationale Konferenz in Nairobi definiert hat, was ein Wohnquartier zum Slum macht: kein Zugang zu Trinkwasser, kein Zugang zu sanitären Anlagen, unsichere Besitzverhältnisse, kein ausreichender Wohnraum. Nur eines dieser Kriterien muss erfüllt sein. Auf dieser Basis hat UN-Habitat, das Siedlungswerk der Vereinten Nationen, den ersten weltweiten Bericht über solche Elendsviertel erarbeitet („The Challenge of Slums“, Earthscan Publications, London und Sterling). Das Ergebnis: Derzeit wohnt rund eine Milliarde Menschen in Slums. Kommt es zu keinem grundlegenden wirtschaftspolitischen Richtungswechsel, werden es in 20 Jahren zwei Milliarden sein.

Zuleika Anisa wohnt in einer Wohnung, die alle Kriterien der Uno-Definition erfüllt: kein Wasser, kein Strom, keine Toilette. Ihr Zimmer hat vielleicht 15 Quadratmeter und ebensoviele Menschen wohnen dort: Sie, ihre Schwägerin, deren Schwester und die drei Männer der Frauen. Dazu neun Kinder. Die Lehmwände sind mit Zeitungspapier und Stoffen abgehängt, auf dem Boden zwei einfache Pritschen. Eine Holzplanke, die auf vier Steinen liegt, dient als Tisch. Es ist muffig. Luft und Licht kommen nur durch die Tür. „Ich wohne in Kibera, weil ich mir etwas anderes nicht leisten kann", sagt Anisa. Ihr Mann ist Hilfsarbeiter bei der Post, alle anderen in der Großfamilie sind arbeitslos. „Die Männer finden ab und zu für einen oder zwei Tage Arbeit auf dem Bau. Und ich gehe Feuerholz sammeln, um es zu verkaufen. Auch wenn das kaum lohnt. Man muss immer weiter hinaus gehen, um Brennholz zu finden.“

Rund um Kibera stehen nur noch wenige Akazien. Alles wurde längst verfeuert. Ökologisch gesehen ist das Areal eine Wüste. Das Flüsschen, das mitten durch die Siedlung fließt, ist eine stinkende Kloake von undefinierbarer Farbe, irgendwo zwischen grau, braun und grün.

Anisa, 24, und ihr Mann waren die ersten aus der Großfamilie, die aus dem Westen Kenias in die Hauptstadt zogen. Dort, wo sie herkommen, gibt es noch weniger Hoffnung auf Arbeit als in Nairobi. „Und wenn du keine Arbeit hast, hast du kein Geld und kannst dir keine Kleider und keine Schuhe kaufen.“ Das zumindest hat sie sich in Kibera schon bald leisten können. Und als sie und ihr Mann das erste Mal zurück in ihr Dorf im Stammesgebiet der Luo fuhren und sie passable Kleider hatte und ihr Mann seine Freunde zum Schnaps einladen konnte, da entschlossen sich auch ihre Schwägerin und deren Schwester, mit Männern und Kindern nach Kibera zu kommen. Seither leben alle vom Lohn, den Anisas Mann verdient. 400 Kenia-Schilling im Monat bezahlen sie für das Zimmer, umgerechnet rund vier Euro. Dazu kommen fünf Schilling für jeden 20-Liter-Eimer Wasser. Das hört sich nach wenig an, ist aber viel: „Wenn wir 3000 Schilling (30 Euro) im Monat hätten, würde es reichen“, rechnet Anisa. Aber die haben sie nicht immer.

Anisa lacht viel und kann Stunden damit verbringen, ihrer Schwägerin die Haare zu kämmen und sich von ihr Zöpfchen flechten zu lassen. Sie klagt nicht. Schließlich muss jeder sehen, wie er durchs Leben kommt, und anderen geht es schlechter. „Hast du die Huren gesehen, drüben an der Bahnlinie?“ fragt sie. „Da sind Mädchen dabei, die sind noch keine zehn Jahre alt. Die kannst du für 100 Schilling haben.“

Die Jungen schließen sich in Banden zusammen und ziehen, mit Messern und Macheten bewaffnet, durch den Slum. „Nach sieben Uhr abends geht keiner mehr aus dem Haus. Jeder ist hier schon einmal überfallen worden.“ Selbst in den Häusern ist es nicht sicher. „Sie klopfen an die Tür und zeigen dir einen Polizeiausweis, aber der ist gefälscht. Wenn du sie nicht hereinlässt, treten sie die Tür ein. Dann befehlen sie dir, auf den Boden zu blicken, dass du ihre Gesichter nicht erkennen kannst. Und sie nehmen alles mit, was du hast.“ Die Öllampe, das verbeulte Blechgeschirr, den zusammengenagelten Tisch und die Hocker, die dünnen fleckigen Matratzen. „Vor zwei Jahren sind sie zu uns gekommen und haben den ganzen Hausrat mitgenommen. Im vergangenen Monat waren sie bei den Nachbarn.“

Anisa hofft, dass irgendwann auch die Männer ihrer Schwägerinnen eine richtige Arbeit finden werden. Und dann, dann könnten sie es sich vielleicht sogar leisten, hinauf zu ziehen in den besseren Teil von Kibera. Dorthin, wo die Nubier wohnen; wo Kibera vor über 100 Jahren gegründet wurde und wo es in manchen Ecken noch heute so aussieht wie in einem Dorf. 1897 hatte die britische Kolonialmacht dort die nubischen Söldner des „3rd Battalion of the Kings African Rifle“ angesiedelt. Sie nannten den Ort „Kibra“, was in der nubischen Sprache „Buschgebiet“ bedeutet. Ein Dorf, damals weit außerhalb von Nairobi.

Bis vor 15 Jahren hat es seinen ländlichen Charakter erhalten. Yusuf Noah hat das noch erlebt. „Als ich ein Kind war, standen hier noch viele Bäume. Wir jagten Vögel mit Schleudern und gingen zum Fluss, um zu baden. Es gab viele große Plätze, wo die Kinder Fußall spielten. Heute kann ich die Bäume in Kibera an den Fingern abzählen, und der Fluss ist verseucht.“ Der 25-Jährige ist Hip-Hopper, schlaksig und cool; in viel zu weiten Klamotten und mit Wollmütze. Mit 16 hat Noah angefangen, Musik zu machen. Heute kennt man ihn in den Nachtclubs von Nairobi unter seinem Künstlernamen Refigah. Er nimmt eigene CDs auf. Mit Auftritten in Clubs verdient er „mehr oder weniger 500 Dollar im Monat. Damit bin ich hier ein reicher Mann.“ Er weiß, dass Kibera keine gute Adresse ist. „Aber es ist meine Heimat. Ich habe nichts anderes.“

Er lebt im besseren Teil von Kibera; dort, wo alles angefangen hat. Im Haus, das sein Großvater gebaut hat: gemauert und verputzt, drei Zimmer, Strom und eine Latrine; nur das Wasser muss er wie alle anderen bei den durchfahrenden Tankwagen kaufen. Das Haus rahmt zusammen mit anderen einen kleinen Hof ein. Zwischen den Dächern trocknet Wäsche; Frauen sitzen in den Türen und plaudern. Kibera ist erst Ende der 80er Jahre explodiert. „Als immer mehr kamen, haben die Nubier Häuser gebaut und die Zimmer vermietet“, erzählt Refigah. „Die meisten von uns leben heute davon.“

In Afrika hat der Verstädterungsprozess viel später eingesetzt als etwa in Lateinamerika. Dort leben heute fast 80 Prozent der Menschen in Städten. Bevölkerungswissenschaftler gehen davon aus, dass damit die Umschichtung zwischen Stadt und Land weitgehend abgeschlossen ist. Die Slums in Lateinamerika wachsen kaum mehr. In Afrika und Asien dagegen lebt erst ein Drittel der Bevölkerung in urbanen Gebieten. Nach den UN-Prognosen wird sich die Einwohnerzahl der Megastädte dieser beiden Kontinente in den nächsten 15 Jahren verdoppeln.

Der Beginn des explosionsartigen Wachstums der afrikanischen Elendsviertel ist laut UN-Habitat eine direkte Folge der neoliberalen Politik von Weltbank und Internationalem Währungsfonds. In den 60er Jahren noch waren die armen Länder aufgefordert worden, Handelsschranken zu errichten. Hinter deren Schutz sollte sich eine eigene Industrie entwickeln. Die Regierungen finanzierten mit geliehenem Geld Investitionsprogramme, doch die Rezeptur führte geradewegs in die Schuldenkrise. Und die wird seit dem Beginn der 80er Jahre mit einem nicht weniger schädlichen Gegengift bekämpft: Handelsschranken werden abgebaut, die armen Länder in den Weltmarkt integriert. Der Staat soll sich aus der Wirtschaft zurückziehen. Privatisierungen und Massenentlassungen sind die Folge.

Allein in den 80er Jahren hat der Internationale Währungsfonds den afrikanischen Ländern 156 Strukturanpassungsprogramme verordnet. Die Bilanz laut UN-Habitat: „Die öffentlichen Etats sind heute ausgeglichen, aber die langfristige wirtschaftliche Perspektive ist düster.“ Die dem Weltmarkt ausgelieferte städtische Industrie ist zusammengebrochen. Die ländliche Lebensmittelproduktion wurde industrialisiert und auf Agrarexporte umgestellt. Mit dem dort verdienten Geld werden die zuvor angehäuften Schulden bedient. Die Agrarindustrie aber benötigt weit weniger Arbeitskräfte als vorher die kleinbäuerliche Landwirtschaft. So ziehen die Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Stadt – und treffen dort auf die Entlassenen der Industrie und der privatisierten Staatsbetriebe. Alle zusammen enden sie in den Elendsvierteln.

Im Grunde funktioniert ein Slum wie Kibera getreu nach dem Grundsatz der neoliberalen Doktrin: Alles, was die Privatwirtschaft tun kann, darf der Staat nicht tun. Der Staat existiert nicht in Kibera. Die Elendshütten wurden privat finanziert, die Minimal-Investition amortisiert sich schnell. In Kibera haben die Nubier mit diesem Geschäft angefangen. Dann haben politisch einflussreiche Unternehmer entdeckt, wie viel Geld dort zu machen ist und Elendshütten zu Hunderten errichten lassen. Sie heißen „Landlords“, obwohl diese das Land, auf dem die Unterkünfte stehen, gar nicht besitzen. Sie sind eines der beiden großen Probleme der für die Slums zuständigen Staatssekretärin Grace Wanyonyi. Was auch immer sie an Verbesserungsvorschlägen hat – etwa Platz zu schaffen für Straßen, Wasserleitungen oder Strom: Sie hat erstens kein Geld und zweitens sind die Landlords dagegen. „Ich kenne persönlich drei Männer, von denen jeder mindestens 3000 Slumwohnungen besitzt“, sagt Wanyonyi. Das Problem: „Sie sitzen in den höchsten Entscheidungsgremien des Staates.“ Und dort blockieren sie jeden Versuch, die Verhältnisse zu ändern.

Nur wenn Wahlkampf ist, wird die Macht der Landlords bisweilen in Frage gestellt. „Dann sagen die Kandidaten den Leuten, dass sie keine Miete bezahlen müssten, weil das Land nicht den Landlords gehört“, erzählt Refigah. Also wird nicht mehr bezahlt. Es gibt Streit, Unruhen, Tote. Schon bei Regionalwahlen vor einem Jahr starben in Kibera 20 Menschen. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie vor Wut rasende Mieter einen Nubier umgebracht haben“, erinnert sich Refigah.

Damals hatten die Landlords Kibera schnell wieder im Griff. Ihre Helfer, junge Männer mit Muskelshirts und verspiegelten Sonnenbrillen, „die schlagen alles kaputt, was du hast, und werfen dich aus der Wohnung“, sagt Zuleika Anisa. Diesmal entlud sich der Zorn nicht nur gegen die Landlords. Diesmal richtete er sich auch gegen ihre Häuser.

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