Zeitung Heute : Nakagin Capsule Tower (1972), Ginza

Foto: picture-alliance/ dpa

Es gibt keinen Architekturstudenten, der dieses Gebäude nicht kennt. Es stellt den Höhepunkt der metabolistischen Bewegung dar, die in den 60ern entstand, als Japans Wirtschaft boomte, die Bevölkerung wuchs und sich das Land rasant veränderte. Die Idee war, diese Dynamik in Architektur zu übersetzen – und schnell billigen Wohnraum zu schaffen. Die Metabolisten unterschieden zwischen bleibender Infrastruktur (etwa Treppenhäusern) und austauschbaren Elementen. Den dauerhaften Kern des Nakagin Capsule Towers bilden zwei Türme, an denen 140 vorgefertigte Raumkapseln hängen, die man bei Bedarf einfach abnehmen und durch neue ersetzen wollte. Gedacht waren sie als Unterkunft für Junggesellen aus den Vorstädten, wenn diese in der Nacht den letzten Zug verpasst hatten. Die winzigen Kabinen sind mit Bett, Duschkabine und Tonbandgerät ausgestattet. Die metabolistische Idee konnte sich aber nie durchsetzen und verschwand schnell. Der Nakagin Capsule Tower soll jetzt sogar abgerissen werden, was ich sehr bedauere. Denkmalschutz hat in Tokio, wo die meisten Gebäude keine 20 Jahre alt sind, kaum Bedeutung. Die Stadt wurde im 20. Jahrhundert zweimal fast völlig zerstört: 1923 durch ein großes Erdbeben, 1945 durch amerikanische Bomben. Und ein neues verheerendes Beben ist überfällig, sagen die Geologen. Das erklärt, warum man hier schneller wieder abreißt und architektonisch stärker experimentiert als anderswo. Ich sage immer: Fahren Sie nach

Tokio, solange es noch existiert!

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar