Zeitung Heute : Namen fälschen

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es ist nun schon ein paar Jahre her, da fühlte ich mich in meiner Ehre als Berlinerin verletzt. Es war die Zeit, in der die Leute massenhaft in die Hauptstadt zogen und sich Bewohner ganzer Hamburger Stadtteile in Prenzlauer Berg wiedertrafen. Damals kam auch eine junge Frau nach Berlin, die trotz jenes Vorfalls bald meine Freundin werden sollte.

Bei einer unserer ersten Begegnungen schwärmte sie von den vielen Vorzügen Berlins und besonders von ihrer Wohnlage. Sie könne direkt auf den „Alex“ schauen, sagte sie, obwohl von ihrem Fenster der Alexanderplatz beim besten Willen nicht zu sehen war. Ich begriff schnell, dass sie mit „Alex“ den Fernsehturm meinte. In dem Moment glaubte ich noch, ich würde die verwirrte Neuberlinerin mit ein paar Worten Heimatkunde belehren können. Aber es war zu spät. All die Zugezogenen aus den Hamburger und Münchner Kreisen hatten sich wohl beim gegenseitigen Wohnungsbesichtigen den Namen für das falsche Objekt weitergesagt und nun steckte er in den Köpfen und war Allgemeingut geworden. Ohnmächtig gegen die unbekümmerte Umbenennung hörte man schon bald die ersten Stadtführer, die ihren Reisegruppen öffentlich und hemmungslos den „Alexturm“ vorstellten. Es war passiert, der neue Name vergeben.

Ausgerechnet jener Freundin, die meine Heimatgeschichten stets ertragen musste, passierte letzte Woche etwas Eigenartiges. Kinder vom Bodensee besuchten sie, und sie wollten unbedingt zum „Max“. Dank Nachfrage und Kombinationsgabe war schließlich klar, dass die beiden den „Alex“, also den Fernsehturm meinten. Wie sie auf „Max“ gekommen waren, ließ sich nicht nachvollziehen, aber als Berliner ahnt man schon wieder Schlimmes. Busladungen voller bayrischen Touristen werden demnächst auf den „Maxl“ wollen.

Dabei sind es ausgerechnet die Neuberliner, die sich an Umbenennungen stören. Was haben die Leute gejammert, als vor gut einem halben Jahr das andere Wahrzeichen am Himmel von Mitte, das Forum-Hotel, einen neuen Betreiber und damit einen anderen Namen bekam. Ganze Abende wurde diskutiert, als der rot leuchtende Schriftzug gegen einen in hellblau-weiß eingetauscht wurde, der zu allem Übel „park inn“ hieß. Was für ein Name! „VEB Parkgarage“ spotteten sie, die Westler, und unsereins hat nur gelächelt und sich daran erinnert, dass das Hotel vor zwölf Jahren noch „Stadt Berlin“ geheißen hatte und wie alle Einrichtungen und fast die Hälfte aller Straßen, Plätze und Bahnhöfe seit der Wende neu benannt worden war. Da muss man doch nicht zu jammern.

Für alle Verwirrten, die wissen wollen, wie was geheißen hat und seit wann auch wieder anders, gibt es eine fabelhafte Adresse im Netz. Dort wird akribisch aufgelistet, wann welche Straße in Berlin ihren Namen bekam und von wem. Der Alexanderplatz heißt übrigens nach Zar Alexander I., der Berlin 1815 kurz besucht hat. Vorher hieß er auch mal Ochsen- und Königsplatz.

Berliner Straßennamen, auch die es nicht mehr gibt, findet man unter www.luise-berlin.de , in der Rubrik „Straßenlexikon “.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben