Zeitung Heute : Namensvettern treffen

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das erste Mal hörte ich beim Frisör von ihm. Es war in einem dieser Kreuzberger Frisörläden, wo man für einen Termin seinen Vornamen angeben muss. Nachdem ich das getan hatte, schaute mich der Frisör mit großen Augen an und flötete dann: „Hach, wie niiiiiedlich! Genau wie der kleine Eisbär!“ Der kleine Eisbär? Wovon er sprach, verstand ich erst später, als mir jemand das erste Buch mit den gezeichneten Abenteuern von Lars, dem Eisbären, schenkte. Das hatten auch die Kinder in der Kita, wo eine Freundin arbeitete. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam, waren sie aus dem Häuschen und krakeelten „Der Eisbär ist da! Der Eisbär ist da!“ Irgendwann kam dann auch der Zoo auf die Idee, einen neu angeschafften Eisbären nach jenem gezeichneten Vorbild zu benennen.

Seitdem reißen die Eisbär-Anspielungen in meinem Umfeld nicht mehr ab. Vor allem, weil Nachrichtenagenturen und Boulevardzeitungen ständig neue Fotos des Bären verbreiten: Lars beim herbstlichen Bad, Lars beim Fischfuttern, Lars auf einer Eisscholle… Vergangenen Monat kursierten dann ein paar besonders pikante Schnappschüsse von Lars und seiner Eisbären-Frau Tosca. Die haben wir Ihnen, werte Leser, als Familienzeitung natürlich nicht zeigen können. Ein Konkurrenzblatt war weniger zimperlich und dichtete: „Klarer, blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und milde Temperaturen – das traumhafte Wetter verführte Eisbär Lars zu heftigem Engagement. Er geht hinter Tosca weich in die Knie – der Rest ist Biologie: Klammern, Schieben, Stoßen.“ Die anschließenden Kommentare der Kollegen können Sie sich vorstellen.

Letztes Wochenende habe ich ihn mal besucht. Man fühlt sich durch die Namensgleichheit ja doch irgendwie verbunden. Auch suchte ich ein wenig Ruhe vom Alltagsstress. Lars und seine vier pelzigen Partnerinnen dösten faul und bewegungslos auf ihren Felsen herum. „Der sieht ja aus wie ein Bettvorleger“, spottete eine Mutter, die mit ihren Kindern gekommen war, um das Original zum Buch-Bären zu sehen. Weil ihnen der liegende Lars zu langweilig war, riefen die Kinder „Hallo, Lars!“ und „Dicker!“. Den Angesprochenen ließ das kalt. Ich war überrascht, wie wenig der träge Eisbär seinem quirligen Bilderbuch-Vorbild entsprach. Aber irgendwie gefiel mir seine coole Lebenseinstellung auch.

Ich saß in der Wintersonne, betrachtete meinen regungslos dahindämmernden Namensvetter und verfiel bald selbst in eine Art Halbschlaf. Das alte Lied von Grauzone ging mir durch den Kopf: „Ich möchte ein Eisbär sein/im kalten Polar,/dann müsste ich nicht mehr schrei’n,/alles wär so klar./Eisbärn müssen nie weinen.“ Nach einer Stunde hatte sich Lars immer noch nicht geregt. Aber ich fühlte mich ausgeglichener und entspannter als zuvor. Am Souvenirstand kaufte ich dann noch eine Postkarte. Mit Eisbären drauf.

Eisbär Lars und seine Partnerinnen sind täglich in ihrem Außengehege im Zoologischen Garten zu sehen. Gefüttert werden Sie um 10.30 Uhr. Andere Namensvettern finden im Zoo unter anderem: Kathi und Nicole (Flusspferde), Kevin (Orang-Utan), Yolanda (Trampeltier), Franz (Seelöwe) oder Paul (Löwe). Die Bücher von Lars, dem Eisbären, gibt’s im Buchladen.

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