Nana Mouskouri : "Alain Delon war halb Gott, halb Teufel"

Nana Mouskouri lernte früh, sich in einer Männerwelt zu behaupten: Ihr Vater verspielte das Geld der Familie – und sie musste neues verdienen.

Interview: Verena Friederike Hasel Ulf Lippitz
Nana Mouskouri
Nana Mouskouri. -Foto: dpa

Frau Mouskouri, Sie waren Europa-Abgeordnete der griechischen Christdemokraten. Die Jugend Griechenlands kämpfte gerade auf der Straße ….



Es tut mir leid, dazu möchte ich jetzt nichts sagen, wirklich nicht.

Schade. Sie gelten als freundlicher Mensch, und …

Bitte! Sie wollen mich doch nicht fragen, warum ich freundlich bin?

Doch, unter anderem möchten wir Sie das fragen. Weil Sie es sich in Ihrer Position locker leisten könnten, eine Diva zu sein.


Ich will mit den Menschen reden, und dazu muss man eben freundlich sein, das ist eine Frage der guten Erziehung. Und überhaupt: Was heißt „in meiner Position“?

Das heißt: Sie haben 250 Millionen Platten verkauft. Nur Madonna hat Sie überholt.

Ach, Zahlen interessieren mich nicht. Früher bekam man eine Goldene Schallplatte als Anerkennung – und nicht automatisch für eine bestimmte Anzahl von verkauften Platten.

Ihnen fehlt Anerkennung?


Ich muss schon sagen, die Arbeit hat sich verändert. Früher stand in den Briefen, die ich von meiner Plattenfirma bekam und in denen meine Veröffentlichungen aufgelistet wurden: Nana Mouskouri, Künstlerin. Heute lese ich da nur eine Produktnummer. Musik wird nicht mehr als Kunst angesehen.

Wie finden Sie eigentlich die Popstars von heute, zum Beispiel Britney Spears oder Alicia Keys?


Ich kann ihre Lieder kaum voneinander unterscheiden. Sie hören sich alle gleich an, so als wollten die Waschmittel verkaufen.

Fallen Ihnen denn keine Sängerinnen positiv auf?

Doch, Norah Jones gefällt mir. Ihre Musik klingt vertraut und neu zugleich. In ihrer Stimme schwingen Leid und Leidenschaft mit. Auch die Sängerin Duffy mag ich.

Duffy hatte dieses Jahr mit „Mercy“ einen Hit.

Wenn ich ihre Stimme höre, habe ich den Eindruck, sie singt über sich, ohne ständig provozieren zu müssen. Sie erinnert mich an mich selbst, als ich jung war.

Duffy wirft man vor, sie kopiere Dusty Springfield aus den 60er Jahren.


Was wäre so schlimm daran? Als ich jung war, habe ich Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan nachgeahmt, um dann später zu meinem Stil zu finden. Ob Sie es glauben oder nicht, Amy Winehouse finde ich auch großartig. Ich hoffe nicht, dass sie wie Billie Holiday endet.

Die starb an einer Leberzirrhose, verursacht durch starken Drogenkonsum. Könnten Sie sich vorstellen, ein Lied über die Angst vor dem Entzug zu singen wie Amy Winehouse?

Ich würde es nicht grundsätzlich ablehnen, aber ich fürchte, das passt einfach nicht zu mir. Die Gefühle, von denen sie singt, gehören nicht zu meinem Erfahrungsschatz.

Sie haben also nie Drogen genommen?


Schon wieder so eine Frage! Ich wollte mich von schlechten Einflüssen fern halten. Klar habe ich auch geraucht, aber das hat keinen guten Einfluss auf die Stimme. Ich habe in den frühen 60er Jahren auch Vitamin-C-Präparate genommen. Einmal hat man mir vorgeworfen, ich sei Alkoholikerin. Aber ich hatte nie ein ernsthaftes Alkoholproblem, und …

... das ist ziemlich boshaft. Wann hat man das denn über Sie erzählt?

Also, als ich zum ersten Mal in den USA war, das war 1962, habe ich manchmal ein Glas Whiskey getrunken, weil ich so nervös war. Quincy Jones nahm mit mir im Studio auf, einer der wichtigsten Produzenten. Quincy trank auch mal ein Glas, aber er übertrieb es nie. Harry Belafonte, mit dem ich später in den USA tourte, benahm sich ähnlich. Wir wussten damals alle, dass Judy Garland ein großes Alkoholproblem hatte – und natürlich Edith Piaf.

Hatten Sie Angst davor, auch süchtig zu werden?


Ich komme aus einer armen Familie. Da lernte ich: Bleib immer auf dem richtigen Weg! Ich gab acht, nicht abhängig zu werden, weil das für mich bedeutet hätte, die menschliche Würde zu verlieren. Eine Sucht wäre mein größter Albtraum gewesen, aber ich habe natürlich auch Verständnis für menschliche Schwächen.

Ihr Vater war spielsüchtig.

Das ist doch etwas anderes. Na ja, es war eine Sucht, aber ich möchte sie nicht mit harten Drogen vergleichen. Und in einem Punkt ähnelten wir uns: Wenn mein Vater spielte, wollte er perfekt sein. Wenn ich singe, will ich perfekt sein.

Können Sie eigentlich heute unbefangen nach Las Vegas reisen?


Nein, wegen der schlechten Erinnerungen nicht. Mein Vater verspielte oft unser ganzes Geld. Mir fällt es sogar extrem schwer, anderen Menschen beim Spielen zuzusehen. Nur einmal überredete mich Alain Delon, an seiner Seite zu bleiben, während er spielte.

Kein Wunder, Delon galt ja auch als unverbesserlicher Charmeur.

Absolut, da konnte ich nicht nein sagen. Alain Delon war halb Gott, halb Teufel. Wir waren im Casino von Megève, einem Ort in der Nähe des Mont Blanc, es muss um 1965 gewesen sein. Ich wollte eigentlich zurück nach Genf, das waren rund 50 Kilometer, aber er sagte immer: „Nein, Nana, bleiben Sie, ich fahre Sie mit dem Auto nach Hause. Sie bringen mir Glück.“

Und Sie blieben?


Ja, weil er einige Runden gewann. Irgendwann rappelte ich mich auf, gab ihm eine Medaille, die ich auf einem Gesangswettbewerb in Barcelona gewonnen hatte – und sagte: Hier, die wird Ihnen Glück bringen! Einige Tage später schickte er mir ein großes Blumenbouquet, darin steckte eine Notiz: „Trotz allem habe ich verloren.“ Als wir uns später wiedersahen, fragte er mich: „Warum sind Sie fortgegangen?“ Ich antworte ihm: „Egal, ob Sie gewinnen oder verlieren, schon die Karten zu sehen, tut mir weh.“

Sie haben zwei Kinder, Nicola und Elena. Hatten die beiden mal mit Drogen zu tun?


Nein, in der Beziehung hatte ich Glück. Ich wollte immer korrekt sein, das habe ich hoffentlich an meine Kinder weitergegeben.

Für viele Künstler waren Alkohol und Drogen ein Weg, mit dem Druck fertig zu werden.


Junge Künstler reden sich das vielleicht ein, um mehr Mut und Sicherheit zu erlangen. Aber Musik kann auch ein Ausweg sein. So fing ich ja überhaupt mit dem Singen an.

Wovon wollten Sie sich befreien, als Sie Ende der 50er Jahre begannen, in Radiosendungen und Jazzkneipen zu singen?


Als Kind fürchtete ich mich vor meiner Umwelt. Wir waren arm, ich sah nicht so gut aus und hatte Minderwertigkeitskomplexe. Später, als junges Mädchen, erlebte ich immer wieder, wie sich meine Eltern fürchterlich stritten. Wenn man solche Dramen erlebt, wächst man voller Scham auf. Ich ging in die Schule und fürchtete, dass man mir ansehen könne, was bei mir zu Hause passierte. Und nur wenn ich sang, hörten die anderen mir zu und vergaßen ihre Vorurteile oder Erwartungen an mich. Erst dann fühlte ich mich als Mädchen und später als Frau.

Sie mussten schon früh erwachsen werden und Geld nach Hause bringen.

Ich hatte nur Verpflichtungen. Zuerst musste ich Geld für unsere Familie verdienen, für meine Eltern, dann für meine ältere Schwester. Jeder sollte abgesichert sein. Aber das nehme ich ihnen nicht übel. Ich akzeptiere sie so, wie sie sind. Mein Vater war ein sehr liebevoller Mann. Er wusste nicht, wie er mit mir umgehen sollte, aber ich weiß, dass er mich sehr geliebt hat, auch wenn er mir das nie sagen konnte. All die Jahre, in denen ich auf der Bühne stand, habe ich eine Art Psychoanalyse erlebt. Die Bühne war der Ort, an dem ich lernte, meine Ängste zu akzeptieren.

Dabei waren Ihre Eltern gar nicht glücklich, als Sie den Jazz für sich entdeckten.


Damals gab es noch eine starke Rassentrennung, auch in der Musik. Jazz, das war die Musik der Schwarzen. Er war nichts für gute Menschen, wer Jazz machte, nahm Drogen und war ein fragwürdiges Subjekt. Meine Eltern fürchteten, ich könnte als Prostituierte enden. Ich besuchte damals das Konservatorium für klassische Musik, weil meine Eltern wollten, dass ich Opernsängerin werde. Und ich liebte diese Musik auch, ich hörte Schubert, Mozart, Schumann, ich lernte Noten lesen, Klavier spielen, aber ich konnte es einfach nicht lassen, Jazz zu hören. Als ich das Konservatorium verlassen musste, weil ich meine Engagements in den Clubs nicht aufgeben wollte, waren meine Eltern sehr enttäuscht.

Obwohl Sie Ihre Eltern mitfinanzierten?

Ja, ich arbeitete, als wäre ich der Mann in der Familie. Leider war mein Vater nie bereit, mich zu verteidigen. Ich habe mir am Anfang meiner Karriere so gewünscht, dass er mich beschützen würde, auch manchmal in Geschäftsdingen, wenn es um Verhandlungen über Verträge ging. Aber er sagte nichts. Deshalb habe ich gelernt, mich in einer Männerwelt zu behaupten.

Ihr Vater war Filmvorführer, Ihre Mutter arbeitete als Platzanweiserin. Sie sind praktisch mit dem Kino aufgewachsen. Woran erinnern Sie sich?

An Judy Garland in „Der Zauberer von Oz“. Ich fühlte mich genauso wie ihre Figur Dorothy, unverstanden und nur glücklich, wenn ich sang.

Haben Sie im Kino geweint?


Ich habe wie ein Schlosshund geheult und tue es immer noch, wenn ich einen berührenden Film sehe.

Wann flossen das letzte Mal Tränen?

Ich weiß, bei „Love Story“ habe ich viel geweint. Ins Kino schaffe ich es zurzeit nicht so oft, aber vorgestern Abend habe ich eine Folge der Krimiserie „Cold Case“ gesehen. Es ging darum, dass ein Kind ein anderes aus reiner Eifersucht in den Tod stürzt. Das hat mich zum Weinen gebracht. Es war einfach so ungerecht, und Ungerechtigkeit regt mich auf.

Was finden Sie für Ihre Arbeit wichtiger: Disziplin oder Talent?

Disziplin. Wenn Sie Talent haben, aber keine Disziplin, hilft das Ihrer Karriere wenig. Auf der anderen Seite gibt es sehr disziplinierte Menschen, die wenig Talent besitzen, aber das Bisschen sehr geschickt einsetzen.

Bei Ihrem ersten großen Auftritt beschwerte sich der Veranstalter über Ihre Figur. Heute quälen sich weibliche Popstars oft durch ein rigides Fitnessprogramm. Hatten Sie auch mal eine solche Sport-Phase?

Ich glaube, ich bin eher in anderen Dingen diszipliniert, nicht so sehr, was meinen Körper angeht. Da sind die Kilos jahrelang immer rauf- und runtergewandert, das war ein ewiges Hin und Her. Ich besitze Disziplin, wenn es um meine Stimme geht. Ich würde vieles nicht machen, was Madonna macht – ich tanze gerne, aber nur wenn ich für mich alleine bin, nie auf der Bühne. Meine Konzerte sind keine Broadway-Show.

Sie sind auch ohne öffentliches Tanzen reich geworden: Laut „Focus“ besitzen Sie ein Vermögen zwischen 100 und 200 Millionen Schweizer Franken.

Ich war nie eine Geschäftsfrau, ich habe einfach viel gearbeitet, ich habe viele Konzerte gegeben und verprasse kein Geld. Nur meinen Eltern habe ich eine Wohnung gekauft, meiner Schwester auch, die Eltern meines Ex-Mannes bekamen auch eine.

Sie haben sich 1972 von Ihrem ersten Mann Georgios Petsilas getrennt, weil er zurück nach Griechenland wollte und Sie nicht.

Ach, er bekam viel Geld. Lassen Sie mich nur ein Beispiel nennen: Von all dem Geld, das ich mit „Weiße Rosen aus Athen“ verdiente …

… Ihr erster großer Hit 1961 ging in Deutschland mehr als eine Million Mal über den Ladentisch …

... kaufte ich mir die erste eigene Wohnung meines Lebens in Paris. Für Möbel reichte das Geld dann nicht mehr, aber das war der erste Ort, der mir allein gehörte. Und selbst für diese Wohnung habe ich meinem Mann bei der Scheidung 200 000 Francs gegeben, damit ich sie behalten konnte.

Wie ist das finanzielle Verhältnis zu Ihrem zweiten Mann, André Chapelle?


Mein erster Mann und ich teilten ein Bankkonto, er war total abhängig von mit. Er war als Musiker bei mir angestellt. Mit André ist es ganz anders, er hat sein eigenes Konto, seine eigene Welt. Er produziert auch andere Künstler. Diesmal bin ich von ihm abhängig – jedenfalls künstlerisch, denn er hat mich mitentdeckt und gefördert.

Wer bezahlt im Urlaub?

Das ist ja lächerlich. Wir haben natürlich ein Konto zusammen für das Haus in Genf, auch für unsere gemeinsame Musikproduktionsfirma. Und wenn wir in Urlaub fahren, nehmen wir das Geld von unserem gemeinsamen Konto. Er bezahlt immer das Essen. Ich finde, das ist auch eine sehr noble Geste. Denken Sie bitte daran, dass ich in einer Zeit aufgewachsen bin, in der man nichts geschenkt bekam, wir Hunger litten. Deshalb liebe ich heute noch Bohnen und Kartoffeln – das erste Essen, das wir nach der deutschen Besatzung bekamen.

In der Besatzungszeit mussten Sie Schnecken sammeln und essen. Haben Sie sie je wieder angerührt?

Nein, nie, ich schaue weg, wenn ich sie auf den Tellern nur sehe. In Restaurants ist das kein Problem, da kann man auch etwas anderes bestellen, aber zu Weihnachten ist es immer problematisch. Mein Mann ist ein wunderbarer Koch, jedes Jahr bereitet er am Heiligabend ein traditionelles Schneckenessen für die gesamte Familie in Frankreich zu. Für mich kocht er dann eine separate Mahlzeit, Lachs, ich will ihm nicht zu viel Mühe machen.

Wir können das Interview nicht beenden, ohne Sie nach Ihrer Brille zu fragen.

Wissen Sie, ich mag sie, mochte sie schon immer. Weil sie mein Gesicht veränderte, weil Menschen nicht mehr sehen konnten, wie ich mich fühlte. Aber ich brauche sie auch wirklich, setzen Sie die Brille mal auf, dann wissen Sie warum.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar