Zeitung Heute : Napolitano soll es richten

Italiens Alt-Parteien drängen den greisen Präsidenten zur Wiederwahl / Sozialdemokraten vor dem Zerfall.

Foto: Guido Montani/dpa
Foto: Guido Montani/dpaFoto: dpa

Die Wallfahrt auf den höchsten der römischen Hügel begann am späten Samstagvormittag. Ratlos und verzweifelt pilgerten die Chefs der Parlamentsparteien, einer nach dem anderen, auf den Quirinal. Dort residiert Staatspräsident Giorgio Napolitano. 88 Jahre alt wird er im Juni – und jetzt sollte er sich bis 2020 im Amt bestätigen lassen. Denn auf keinen anderen Kandidaten hatten sich die tausend Delegierten der Wahlversammlung einigen können. Und obwohl Napolitano seit Wochen jeden Tag wiederholt hat, er stehe keinesfalls für eine Wiederwahl zur Verfügung – vierzig Minuten vor dem sechsten Wahlgang ließ er sich dann doch breitschlagen, „aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Nation“.

Zuvor waren die Sozialdemokraten, die relativ stärkste Kraft im Parlament, praktisch zerfallen. „Wir sind eine Art Somalia geworden“, stöhnten Abgeordnete. „Ein bewaffneter Stamm kämpft gegen den anderen.“ Zurückgetreten ist bereits die Ehrenpräsidentin Rosy Bindi; noch am Samstag wollte auch Parteichef Pier Luigi Bersani gehen. Zwei Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten hatte er dem Parlament vorgeschlagen; zwei wurden zunächst beklatscht, doch dann gingen sie im Hauen und Stechen der eigenen Partei unter – zuletzt, am Freitagabend, der Gründer der Partei und frühere Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi.

Es war eine Intrige, wieder einmal – genauso wie es innerparteiliche Intrigen waren, die Prodi bereits zweimal (1998 und 2008) das Amt des Ministerpräsidenten gekostet haben. Und alle geben allen die Schuld: Der linke Flügel, heißt es, sei den Sirenengesängen des Politikrebellen Beppe Grillo erlegen und sei zu dessen Kandidaten übergelaufen – aber die Linken haben wohlweislich die eigenen Stimmzettel gekennzeichnet, um zu beweisen, dass sie der Parteilinie treu geblieben sind. Dann heißt es, der junge, gegen Bersani rebellierende Matteo Renzi habe Prodi zunächst vehement gefordert, um ihn dann – zum Imageschaden des Parteichefs und zugunsten seines eigenen Aufstiegs – im entscheidenden Augenblick zu versenken. Der katholische Zirkel wiederum soll Prodi verhindert haben, weil am Donnerstag der „katholische“ Kandidat Franco Marini unter den Querschüssen der „Laikalen“ gefallen sei.

Am wahrscheinlichsten ist, dass die graue Eminenz der Sozialdemokraten, Massimo D’Alema, wieder einmal seine geübten Finger im Spiel hatte, um seinen Langzeit- Gegner Prodi auszumanövrieren und um selbst – beim „Erzfeind“ Silvio Berlusconi wohlgelitten – Staatspräsident zu werden. D’Alema hatte schon 1998 das Amt des Regierungschefs übernommen, als Prodi nach über einen Koalitionskrach mit den Kommunisten stürzte.

Der Einzige, der im Wahlchaos vom Samstag nicht zu Napolitano ging, war Beppe Grillo. Er hielt eisern an seinem eigenen Kandidaten fest, dem Jura-Professor Stefano Rodotà. Der, so behauptet Grillo, sei der Einzige, der wirklich „von den Bürgern gewollt“ sei und außerhalb der „politischen Kaste“ stehe. Grillo behauptet, die Mitglieder seiner „Fünf-Sterne-Bewegung“ hätten Rodotà per Internet-Abstimmung gewählt. Details dazu hat Grillo aber nie offengelegt.

Erstaunlich war am Samstag auch dies: In einer Eil-Umfrage des unabhängigen Nachrichtensenders „Sky TG 24“ sprachen sich 80 Prozent gegen eine weitere Amtszeit von Napolitano aus. Das Volk, das hatte sich schon bei der Parlamentswahl im Februar gezeigt, verlangt einen grundlegenden Wandel in Italiens Politik. Diese aber landet immer wieder beim Alten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar