Zeitung Heute : Napster: Bertelsmann will kostenlose Musik-Tauschbörse bändigen

Kurt Sagatz

Der Streit um die kostenlose Musik-Tauschbörse Napster hat eine überraschende Wendung genommen: Der Medienkonzern Bertelsmann erklärte am Dienstag in New York, er habe eine Allianz mit Napster geschlossen, um zahlenden Kunden über das Internet Musikstücke anzubieten. Im Zusammenhang mit der Kooperation werde die Bertelsmann-Musik-Tochter BMG ihre Klage gegen Napster wegen der angeblich illegalen Verbreitung von Musikstücken zurückziehen. Beide Unternehmen luden andere Musikanbieter und Plattenfirmen dazu ein, sich an dem Projekt zu beteiligen und Napster als Abonnement-Dienst für Musik aus dem Internet zu etablieren.

"Diese strategische Allianz mit Bertelsmann ist der richtige nächste Schritt für Napster", erklärte der Chef der Musiktauschbörse, Hank Barry. Mit dem neuen Service bekämen die Napster-Fans einen Dienst in derselben Qualität wie bisher, gleichzeitig blieben aber die Rechte von Plattenfirmen und Künstlern gewahrt.

Zum großen Erfolg von Napster trug unter anderem die extrem einfache Nutzung des Programms bei. Nach der Installation der Software und der Anmeldung bei dem Dienst kann über Napster auf die Archive sämtlicher anderer eingeloggter Internet-Nutzer zugegriffen werden. Bei der Installation wurde dazu von jedem neuen Nutzer abgefragt, welche Verzeichnisse mit Musiktiteln er selbst freischalten wollte. Der großen Nutzerzahl von Napster entsprechend reicht die Bandbreite der zur Verfügung stehenden Titel von aktuellen Chart-Hits bis zu deutscher Volksmusik. Über die erweiterten Einstellungen kann überdies festgelegt werden, welche Anforderungen hinsichtlich der Übertragungsgeschwindigkeit und Erreichbarkeit an die Gegenseite gestellt werden. Steht auf beiden Seiten eine schnelle Datenleitung zum Beispiel über DSL, Kabel oder eine Standleitung zur Verfügung, lassen sich die Titel in einem Bruchteil der echten Abspielzeit herunterladen.

Dies schlägt sich auch in den Download-Zahlen nieder. Täglich werden zwischen zwölf und 30 Millionen Songs kopiert und damit die Urheberrechte der Künstler verletzt, so der US-Musikverband. Napster bestreitet jedoch, dass die kostenlose Verbreitung die Verkaufszahlen der Plattenindustrie beeinträchtigt. Gegen das 1999 von dem Studenten Shawn Fanning aus Boston gegründete Unternehmen läuft in den USA ein Prozess wegen der Verbreitung von Raubkopien. Am 30. Juli hatte ein Gericht in San Francisco in letzter Minute die Schließung der Website verhindert.

Begleitend zur neuen Partnerschaft zog nach Angaben des Medienkonzerns die Bertelsmann Music Group (BMG) ihre Klage gegen Napster zurück. Sie werde vielmehr Napster den kompletten Katalog ihrer digitalisierten Musiktitel zur Verfügung stellen. Napster solle ferner einen Kredit zum Aufbau des neuen Abonnementsystems sowie Hilfen bei der Erstellung des Business-Modells erhalten; der Medienkonzern erhält dafür eine garantierte Option auf Anteile an Napster.

Über die Details der Übereinkunft schwieg sich der Gütersloher Medienkonzern allerdings aus. Weder wurde bekannt gegeben, um welche Summe es sich bei dem Kredit handelt, noch wurde verlautbart, wie hoch künftig die Abonnement-Gebühren für den Musik-Download sein werden. Offen ist zudem, welche Chancen Bertelsmann hat, die anderen großen Musiklabels von einer Beteiligung am Napster-Umbau zu überzeugen. Dies wäre jedoch notwendig, damit der US-Musikverband ebenfalls die Klage gegen Napster fallen lassen würde.

Napster verfügt nach jüngsten Angaben über rund 38 Millionen Nutzer. Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender Thomas Middelhoff erklärte, Napster habe einen neuartigen Weg des Musikvertriebs aufgezeigt. Bertelsmann sei der festen Überzeugung, dass das so genannte Filesharing die Basis für künftige Geschäftsmodelle der Musikindustrie darstelle.

Bertelsmann-Sprecher Oliver Hergesell äußerte sich zuversichtlich, dass die Umstellung von Napster trotz der damit für die Kunden verbundenen Kosten ein Erfolg werden kann. "Wir glauben, dass die Leute keine Diebe sind. Sie wollen Musik digital, und holen sie eben von Napster", sagte er. Wenn nur zehn Prozent der 38 Millionen Nutzer die legale Möglichkeit der Musik aus dem Internet nutzen würden, wäre es bereits "ein irres Geschäft". (Mit Material von AFP und AP)

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben