Zeitung Heute : Napster: Der Countdown läuft

Rita Neubauer

Der Countdown läuft: Am Montag begann in San Francisco vor einem Berufungsgericht der Prozess, ob Napster - die umstrittene Internet-Musiktauschbörse - dicht gemacht wird oder nicht. Schon sitzen andere P2p(Peer-to-Peer)-Dienste in den Startlöchern, um Napsters Erbe von annähernd 30 Millionen Usern anzutreten.

Die bekanntesten sind Freenet und Gnutella. Aber unzählige andere mit Namen MyNapster, INapster, Gnotella oder Gnapster können vom Netz heruntergeladen werden. Alle erfüllen die gleiche Funktion, das kostenlose Downloaden von Musiktiteln, bieten jedoch aufgrund unterschiedlicher Technologie weniger Angriffsfläche für die klagefreudige Musikindustrie.

Während Napster argumentiert, dass seine Software nur als Kommunikationsplattform dient, verfolgt der Musikverlegerverband RIAA die Zwangsschließung wegen Urheberrechtsverletzungen. Nach Schätzungen des Verbandes sind ihr durch die Piraterie angeblich bereits mehr als 300 Millionen Dollar an Einnahmen entgangen.

RIAA glaubte bereits im Juli gegen Napster einen kleinen Sieg errungen zu haben, als ein Gericht in San Francisco Napster aufforderte, seine Dienste einzustellen. Die einstweilige Verfügung wurde jedoch zwei Tage später aufgehoben. Nach der Anhörung am Montag werden die gleichen Richter, die Napster im Juli eine Gnadenfrist gewährten, darüber entscheiden, ob bis zu einem rechtskräftigen Urteil Napster abschalten muss.

Wenn auch die Advokaten des kostenlosen Swap Service dieser Entscheidung mit Spannung entgegenfiebern, niemand erwartet, dass mit einem Etappensieg von RIAA das Problem vom Tisch ist. Denn Programme wie Gnutella oder Freenet zu verbieten, ist ungleich schwerer.

Während bei Napster der Austausch über eine zentrale Datenbank geregelt wird, wird bei Gnutella jeder Nutzer zu einem Datenbankbetreiber - die Computer verbinden sich direkt miteinander. Wollte die Musikbranche hier einschreiten, müßte sie gegen jeden einzelnen der User Klage erheben.

Kein Wunder, daß Beobachter schon spekulieren, wo im Falle einer Napster Niederlage die Nutzer Zuflucht suchen. Viele tippen auf Gnutella, das von einem AOL-Software-Ingenieur entwickelt wurde. Bevor AOL das Programm von seinem Server nehmen konnte, hatten es clevere Computerspezialisten bereits kopiert und weitergereicht. Die Crux, so geben Experten jedoch zu bedenken, sei, daß Gnutella kaum einen Ansturm von Millionen von Musikliebhabern verkrafte. Auch hat RIAA bereits angedeutet, daß es notfalls gegen die Gnutella-Betreiber Klage einreichen werde.

Freenet, angeblich kreiert, um die Meinungsfreiheit auf dem Internet gegen Zensur zu schützen, ist ebenfalls eine, wenn auch kompliziertere, Alternative. Aber auch hier sind angeblich schon Programmierer am werkeln, um es so bedienerfreundlich wie den Netscape Browser zu gestalten.

Abgesehen von Streit über vermeintlich illegale Praktiken durch den Austausch von Musiktiteln, gewinnt die P2P-Technologie jedoch zunehmend an Legalität in anderen Anwendungsbereichen. So interessiert sich Intel für Peer-to-Peer-Netzwerke, und mehr als ein Dutzend Firmen, darunter IBM und Hewlett Packard, schlossen sich zu einer Arbeitsgruppe zusammen, um das Potential der neuen Rechenweise zu erforschen.

Was sich der Chip-Hersteller davon verspricht, wird schnell klar, wenn man sich die Zukunft der Computerindustrie und des PC vorzustellen sucht. Mit P2P verlieren zwar die Superrechner ihre Bedeutung, aber Unternehmen könnten ihre Rechner so zusammenschalten, daß die Rechenkapazitäten optimal ausgenutzt werden.

Beide Seiten hatten am Montag 20 Minuten Zeit, um ihre Sicht der Dinge vor den drei Richtern des 9. Bundesberufungsgerichts darzulegen. Eine Entscheidung wird frühestens in einem Monat erwartet. Napster gehört inzwischen zu den 50 meistbesuchten Web-Sites.

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