Zeitung Heute : Narrenfrei

Margot Sommerfeldt war damals 23 Jahre alt

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Wir haben damals in Kreuzberg am Görlitzer Bahnhof gewohnt. Mein Mann Hugo war verwundet aus dem Krieg zurückgekommen, aber bei den Bombenangriffen war ich meistens mit unserer Tochter allein. Monika war damals noch nicht mal drei. Wenn es Alarm gab, griff ich sie, wickelte ein Kopfkissen um sie – und war mit ihr auf dem Arm meistens die Letzte im Keller.

Am 3. Februar hatten wir noch Glück. Aber am Nachbarhaus ist eine Bombe runtergekommen. Da sind alle Leute im Keller draufgegangen. Es war da auch eine Familie mit fünf oder sechs Kindern dabei. Die hatte ich manchmal zu uns zum Essen eingeladen. Nach dem Angriff trug man die Toten aus dem Keller.

Die Wohnung meiner Eltern, drüben in Friedrichshain, die ist an diesem Tag kaputt gegangen. Uns hat es am 18. März getroffen: Als Entwarnung kam, und wir gerade aus dem Keller rauswollten, kam mein Mann und brüllte: „Alle zurück, da kommen noch welche.“ Der hatte von der Straße aus schon die nächsten Bomben in der Sonne blitzen gesehen. Er warf eine Decke auf mich und das Kind und sich selbst oben drauf. Jetzt hatte es unser Haus getroffen, oben brannte es, unten war ein Ausgang bis auf ein kleines Loch zugeschüttet. Die Leute rannten aus dem anderen Tor, als plötzlich, direkt vor mir, das brennende Dach in den Hof hinunterkam. Jetzt musste ich mit dem Kind auf dem Arm beim zugeschütteten Ausgang durch den kleinen Spalt nach draußen. Irgendwie habe ich es geschafft, und dann bin ich nur gerannt. Alles brannte, Luftschutzhelfer hatten das Viertel abgesperrt, da durfte niemand hinein, weil es zu gefährlich war. Als ich mit Monika die Sperre erreicht habe, bin ich zusammengeklappt.

Für die Nacht sind wir in einer Schule untergebracht worden, und da hatte Hugo dann seinen Nervenzusammenbruch. Der hat rumgebrüllt. „Das haben wir alles unserem großen Führer zu verdanken!“, lauter solche Sachen. Mensch, das hätte uns den Kopf kosten können. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, und der hat immer weitergebrüllt. Ein Uniformierter hat das mitbekommen – und hat mich beruhigt: „Lassen Sie mal“, hat er gesagt, „wenn jemand ausgebombt wurde, kann er 24 Stunden lang erzählen, was er will.“ Da haben sie die Leute für Irre erklärt. Na, für uns war das ein Glück. Dass der Hitler Schuld an dem ganzen Mist war, das war klar. Aber trotzdem hatten wir eine Stinkwut auf die Amerikaner und die Briten. In Regensburg habe ich einen Angriff miterlebt, da haben sie die ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt, aber die Flugzeugwerke daneben haben sie geschont.

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