Zeitung Heute : Nase voll? Winterallergie: Die Pollen fliegen jetzt schon

Ingo Bach

AUCH NACHTFROST kann die Haselnusspollen nicht stoppen. Was Heuschnupfengeplagte in diesem Jahr schon im Februar spüren. Foto: Ullstein/Lange

Nachtfröste und Schneeschauer – Frühlingsgefühle wollen sich bei dem Wetter so gar nicht einstellen. Doch trotz des Wintereinbruchs leiden Pollenallergiker schon jetzt unter den typischen Frühlings- und Sommerbeschwerden. Der Heuschnupfen lässt die Nasen laufen, Augen und Rachenschleimhäute jucken unerträglich. Und bei vielen Allergikern führt der Leidensweg schnurstracks in die nächste Etappe: Auch die Lunge wird in den völlig sinnlosen Abwehrkampf des Immunsystems gegen harmlose Pollen mit einbezogen. Asthmaanfälle schnüren die Brust zusammen, machen das Atmen zur Qual.

Derzeit reizen Haselnuss- und Erlenpollen die Geplagten – lange vor der Zeit. Der Grund: Der milde Februarbeginn ließ die ersten Bäume und Sträucher blühen. Doch ist dies kein Extrem- sondern immer mehr der Normalfall. „Wir beobachten seit 1986 eine kontinuierliche Verschiebung des Pollenfluges“, sagt Karl-Christian Bergmann, Vorstand der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst.

Die Stiftung verfügt über ein deutschlandweites Netz von 55 Messstellen. „Die Blüte von Erle, Haselnuss und Birke hat sich inzwischen um rund vier Wochen nach vorne verschoben“, sagt Bergmann. „Natürlich hat der Klimawandel damit zu tun“ Die Erhöhung der durchschnittlichen Jahrestemperatur um 1,2 Grad in den letzten 18 Jahren führe auch zu einer früheren Pflanzenblüte in Mitteleuropa. Und nicht nur das. Auch die Zahl der Pollen steigt an, besonders die der Birke, die ab Ende März ihre Samen auf Reisen schickt.

In der Potsdamer Falle

Eine der Messstellen der Stiftung befindet sich in Potsdam. Diese Stelle erlaubt auch Aussagen über die Situation in Berlin, fliegen die Pollen doch teilweise bis zu 30 Kilometer weit. Die Geräte in den Pollenmessstellen arbeiten nach einem einfachen Prinzip: ein Motor zieht langsam einen Klebestreifen durch die zuvor angesaugte Luft. An dem Streifen bleiben die Pollen haften und werden unter dem Mikroskop ausgezählt. Am 3. Februar verfingen sich die ersten Pollen des Jahrgangs 2004 in der Potsdamer Falle. Ein Jahr zuvor war es erst am 8. März losgegangen.

Anfang dieser Woche wurden in Potsdam 152 Erlen- und 13 Haselnusspollen gezählt – eine winzige Stichprobe. Aber sie verrät: In diesen Tagen wirkt eine starke Erlen- und eine mittlere Haselbelastung. Der Pollenflug ist stark vom Wetter abhängig. Ein paar warme Tage, und die ersten Blüten schießen ihre Fracht in die Luft. Daran kann auch ein Nachtfrost nichts mehr ändern. Sind die Blüten erst einmal offen, bleiben sie es auch. Nur Feuchtigkeit wäscht die Luft sauber, denn die Pollen saugen sich voll, sinken zur Erde oder platzen.

Manch einer wird in diesem Jahr zum ersten Mal unter Heuschnupfen leiden, diesen vielleicht sogar zunächst mit einer Grippe verwechseln. Sind sich doch die Symptome ähnlich: laufende Nase, Husten, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und manchmal sogar Fieber. „Eine Altersgrenze für die erste Pollenallergie gibt es nicht“, sagt Torsten Zuberbier, Allergologe an der Charité. „Sogar mit 60 oder 70 kann man noch Heuschnupfen bekommen.“

Scharf gestellt

In der Regel tritt die Allergie allerdings erstmals im Kindes- und Jugendalter auf. Doch vor dem ersten Ausbruch muss das Immunsystem noch „scharf“ gestellt werden. Es bildet Antikörper gegen die Eiweißstoffe an der Oberfläche bestimmter Pollen, diese sind fortan als „Feind“ identifiziert. Dafür benötigt das Immunsystem einige Tage, es kann aber auch wesentlich länger dauern – um dann richtig zuzuschlagen. Mit allem, was er an Abwehrmechanismen zur Verfügung hat, versucht der Körper, die völlig harmlosen Pollen wieder loszuwerden. So genannte Mastzellen schütten einen Botenstoff zur Aktivierung der Abwehr aus, das Histamin. Die Schleimhäute schwellen an, weitere Abwehrzellen werden herangeschwemmt und ein Niesreiz entsteht.

Die körpereigene Abwehr muss nicht auf einen allergieauslösenden Eindringling beschränkt bleiben. Da das Immunsystem nicht hundertprozentig passgenau auf eine als gefährlich identifizierte Substanz anspringt, können im Laufe der Zeit weitere Allergene hinzukommen, etwa die Pollen anderer Pflanzen oder auch Lebensmittel wie Äpfel oder Nüsse. Denn all diese Stoffe sind sich chemisch sehr ähnlich.

Die Plage beginnt jedes Jahr von neuem. Kein Wunder, dass es Heuschnupfenopfer da schon im Winter ans Meer zieht. Denn die Küsten mit ihren Seewinden sind garantiert pollenarm.

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