Zeitung Heute : Nase vorn

Sie konnte besser riechen, besser sehen, besser hören: die Autorin Virginia Woolf. Jetzt läuft ihre Geschichte im Kino. Was erfahren wir daraus über die Frauen von heute?/Von Susanne Kippenberger

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„Wie eine Märtyrerin erschien sie uns, für die intellektuelle Unabhängigkeit der Frau. Ja, wir haben sie bewundert, angehimmelt, verehrt. Gelesen haben wir sie nicht.“

Diese Nase! Dieser Mut! Kein Kritiker, der darauf hinzuweisen versäumt: dass Nicole Kidman, Hollywoodstar, sich diese lange Nase ankleben ließ. Nur, um Virginia Woolf zu spielen in dem Film „The Hours“, der soeben in die Kinos kam. Viele Opfer, sagt die Schauspielerin in einem Interview, habe sie für die Rolle bringen müssen: mit links schreiben, Zigaretten selber drehen… Für ihren Mut und ihre Opfer wurde Nicole Kidman nun mit dem Oscar belohnt.

Nase, welche Nase? Die haben wir gar nicht gesehen. Wir hatten nur Augen für Virginias Augen, diese riesigen Augen, die immer größer wurden, je hagerer das Gesicht war. Augen, mit denen sie einen ganz neuen Blick warf auf die Welt.

Jedes Studentinnenzimmer hat sie in den 70er Jahren geschmückt, als großes Poster hing sie überall, die Dichterin als junge Frau. Ein Mädchen noch, fast jünger als wir, voller Unschuld und Hoffnung und Melancholie, die vollen Haare zum lockeren Knoten geschlungen, in einem romantischverspielten Kleid. Wir saßen in Tübingen und tranken Tee und trugen Kleider wie sie, die hatten wir bei Laura Ashley gekauft, und wir guckten auf Virginia, wie sie mit ihren großen Augen in die Ferne sah, den ersten Nervenzusammenbruch längst hinter sich, das ganze Leben und die Literatur noch vor sich.

Wir sahen sie. Und wollten so sein wie sie.

Feministinnen, so wurde uns erklärt, sind hässlich, ungepflegt, schlabberig, mehr Mann als Frau, ohne Makeup, Charme und BH. Wir haben es besser gewusst. Jeden Tag hatten wir ja den Beweis vor Augen. Virginia Woolf, Sufragette und Schriftstellerin, Jahrgang 1882, demonstrierte uns, dass man – nein: frau, wie wir damals zu schreiben anfingen – schön und klug sein konnte. Politisch und romantisch. Glücklich und traurig. Zart und stark. Dass man radikal moderne Literatur schreiben und mit Wonne Unkraut jäten kann.

„Wir sind sehr glücklich hier“, schrieb die Städterin vom Land. So glücklich, dass sie alle Kleider weglegen wollte, um sich „in eine Art schlammige Rübe zu verwandeln“. Nur, um sich danach wieder voller Begeisterung auf London zu stürzen. Von der Stadt zehrte sie. „Ich bin sicher, ich verbrauche mehr Gallonen Luft pro Minute, wenn ich einmal um den Platz gehe, als sämtliche Börsenmakler in London, die man gerade beim Sex erwischt.“

Der Vater ein Tyrann

Wir taten damals das, was ihr verwehrt worden war: Wir besuchten die Universität. Das durfte die höhere Tochter nicht, nur ihre Brüder. Ihr Vater war ein großer Gelehrter und Kritiker, aber auch ein Tyrann, und wenn er nicht gestorben wäre, er hätte Virginia und Schwester Vanessa weiter in dem düsteren Kasten am Hyde Park eingesperrt.

So aber verließen die Geschwister nach seinem Tod schleunigst die Familienresidenz, verschafften sich Luft und Licht, im Londoner Stadtteil Bloomsbury, und scharten Künstler, Dichter und Denker um sich herum. So trafen die „Bloomsberries“ sich spätabends, tranken Whisky und Kakao und „hatten lange Diskussionen, endlose Streitgespräche und ungeheuren Spaß“, wie eine Teilnehmerin schrieb. Virginia zog mit lauter geistreichen Männern unter ein Dach, unerhört!, eine Kommune – aber eine mit Dienstmädchen. Wer hätte sonst den Spargel geschält? Sie warfen alle viktorianischen Anstandsregeln über Bord, aber lebten gerne bürgerlich.

Nein, sie war nicht so wie unsere Mütter, die Beruf und Studium an den Nagel hingen, als das erste Kind kam, dem meist weitere folgten. Unsere Mütter, die Gattinnen waren und höchstens wieder zu arbeiten anfingen, wenn die Männer sie verlassen hatten.

Virginia Woolf dagegen gab es ihrem Verlobten gleich schriftlich: Sie betrachte die Ehe nicht als Beruf.

Sie war das, woran es uns – nicht viel anders als ihr selbst Jahrzehnte zuvor – fehlte: ein weibliches Vorbild. Und sie lebte uns die Quadratur des Kreises vor, nahm sich aus allen Welten, was sie haben wollte. Sie, die mit James Joyce in einem Atemzug genannt wurde als Mitbegründerin der modernen Literatur, hat sich mit Begeisterung auf jeden Tratsch gestürzt. Und sie brauchte weder „Bunte“ noch „Gala“ dazu. Sie hatte ja ihre Freunde und Verwandte: Vanessa, Clive Bell, Lytton Strachey, Dora Carrington, E.M. Forster, T.S. Eliot, Roger Fry, die sich kreuz und quer liebten… „Alles musste neu, alles musste anders sein,“ schrieb Virginia Woolf, die die Einsamkeit genauso brauchte wie die Geselligkeit. „Alles wurde ausprobiert.“

Sie war, durchaus glücklich, verheiratet und liebte doch zwischendurch leidenschaftlich eine Frau, die sie in einer fiktiven Biografie verewigte, die alle Grenzen, von Zeit, Raum und Geschlecht überschritt: „Orlando“. Ihre Freiheit erschien uns grenzenlos: Eine mutige Frau, Sozialistin und Pazifistin, die dachte, was sie wollte, laut sagte, was sie dachte, und die ihren Weg ging, entschlossen bis zum Schluss. Nicht, dass wir ihr in den Selbstmord hätten folgen wollen. Aber das tragische Ende, 1941, die Verbindung von Genie und Wahnsinn, machte sie nur noch interessanter für uns. Wie eine Märtyrerin erschien sie uns, für die intellektuelle Unabhängigkeit der Frau.

Ja, wir haben sie bewundert, angehimmelt, verehrt. Gelesen haben wir sie nicht. Vielleicht fingen wir „To the Lighthouse“ an, aber hörten schnell wieder auf, zu anstrengend für uns. „Mrs. Dalloway“ war zu alt für uns, „Eine Frau von 50 Jahren“, wie die deutsche Übersetzung hieß, was interessierte uns die? „A Room of One’s Own“, 1978 – 60 Jahre nach Erscheinen – ins Deutsche übersetzt, als Schlachtruf reichte der Titel uns schon: ein Zimmer für uns allein, darauf erhoben wir Anspruch als Frau. Mehr brauchten wir nicht zu wissen von dem Buch. Und nicht genug damit, dass wir selber sie nicht lasen – wir hielten auch die Jungs vom Lesen ab. Die Allgegenwärtigkeit ihres Gesichts in unseren Buden reichte ihnen, um zu wissen: Das ist Mädchenkram. „Joyce für Damen“, wie schon Klaus Mann einen Kritiker zitierte. Das fand er ungerecht. „Virginia Woolf ist ein Opfer der Verehrung, die ihr entgegengebracht wurde“, schrieb die Kritikerin Verena Auffermann vor ein paar Jahren. „Die Frauenbewegung kaperte sie als Musterbeispiel weiblichen Leids und nahm sie in Einzelzimmerhaft („A Room of One’s Own“). Ihre Biografen ergänzten den Nimbus.“

Und heute? Heute macht Laura Ashley alle Läden auf dem Kontinent dicht, heute können Frauen zum ersten Mal Rundfunksender leiten, der CDU vorsitzen und Oscars gewinnen, selbst wenn sie hinter der Kamera stehen; nur Physikprofessorinnen können sie kaum werden. Da sind die Chancen in Deutschland schlechter als in der Türkei, konnte man diese Woche der Zeitung entnehmen. Heute trinken wir Kräutertee und sind so alt wie Virginia Woolf, als sie „Mrs. Dalloway“ schrieb: Mitte 40.

Auch deshalb hat uns „The Hours“, der Roman von Michael Cunningham, auf dem der gleichnamige Film beruht, so gepackt, als er vor ein paar Jahren erschien. Und wer war auf dem Titelbild? Unsere Virginia von einst. Cunningham hält Virginia Woolf „für eine sehr bedeutende Schriftstellerin. Aber sie wird unterschätzt. Weil sie eine Frau war. Weil sie oft über Frauen schrieb. Und weil sie darauf bestand, ihre literarischen Themen im Hausfrauenleben zu suchen.“ Michael Cunningham (ein schwuler Mann) hat uns Lust gemacht, Virginias Bücher zu lesen. Nicht nur Bücher über sie.

Das eigene Leben fehlte

So nahm ich „A Room of One’s Own“ aus dem Regal, ganz morsch war die Taschenbuchausgabe schon, gekauft im London der 70er Jahre, als wir, auf einer Uni-Exkursion, in Bloomsbury residierten, stolz, die Luft der Dichterin zu atmen. Die Seiten fielen mir beim Umblättern entgegen. Und doch wirkte das Buch ziemlich frisch.

In ihrem Essay berichtet Virginia Woolf von ihrer – weitgehend vergeblichen – Suche nach Schriftstellerinnen im Bibliotheksregal. Bücher zu schreiben, dazu fehlte den Frauen von einst die Grundlage: ein eigenes Zimmer und Geld zum Leben. Ihnen fehlte ein eigenes Leben.

Und heute? Heute verdienen die meisten von uns eigenes Geld, immer noch weniger als die Männer, aber mehr als die 500 Pfund im Jahr, die Virginia Woolf gefordert hat. Heute lesen wir in den Zeitungen, dass die Männer nun leiden unter dem starken Geschlecht, und an Schriftstellerinnen herrscht längst kein Mangel mehr. Auf aktuellen Besten- und Bestsellerlisten sind sie bestens vertreten, aus dem – von Männern so postulierten – literarischen Fräuleinwunder vor ein paar Jahren ist deutscher Frauenalltag geworden. Schriftstellerinnen dichten über alles, was sie wollen, auch den Krieg, bekommen, wie Judith Hermann, Kinder und siehe da: Sie schreiben immer noch. Die Frauenbuchhandlungen, in denen wir einst unsere Poster kauften, gibt es fast nur noch in der Provinz. So was braucht man in der Großstadt nicht mehr, spezielle Frauenecken haben die meisten Läden sowieso eingerichtet (manche auch eine für den Mann), ansonsten sind Frauen ja überall präsent.

Aber dann guckt man sich ein bisschen genauer um, in Bestsellerlisten und Buchhandlungen. Bei Belletristik und Poesie, Biografie und Tagebüchern wimmelt’s nur so vor Frauen. Nur bei historischen, politischen und Sachbüchern nicht. Die Männer auf der aktuellen Bestsellerliste schreiben über „Bush at War“, „Deutschland im Bombenkrieg“, „Die Ego AG“ und, gleich in mehreren Varianten, über das Glück. Wenn überhaupt, schreiben Sachbuch-Autorinnen über das eigene Geschlecht („Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen“) oder eigene Erlebnisse und Erfahrungen („Zonenkinder“). Im aktuellen Jubiläumsprogramm der Edition Suhrkamp stehen auf der einen Seite Wittgenstein, Adorno, Sloterdijk&Co – auf der anderen Silvia Bovenschen über „Die imaginierte Weiblichkeit“, Judith Butler über „Das Unbehagen der Geschlechter“. In der Non-Fiction-Ecke der Buchhandlung liegen Thilo Bode und Ralf Dahrendorf, Alfred Grosser und Jeremy Rifkin. Und dazwischen, fast als einzige Frau: Ulla Ackermann über ihre Erlebnisse „Mitten in Afrika“. Auf ein Dutzend Namen wie Walter Laqueur, Jean Baudrillard und Dan Diner kommt eine einzige Naomi Klein.

Wir sind, ganz offensichtlich, ein Volk der Dichterinnen. Aber nicht der Denkerinnen. Als Donald Rumsfeld das Neue Europa dem Alten vorhielt, da bat die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in ihrem Feuilleton Intellektuelle um ihre Reaktion „auf eine amerikanische Provokation“. Und wie sah es aus, das Alte Europa? Ziemlich alt: 23 Intellektuelle kamen zu Wort – 22 Männer und eine einzige Frau. Habermas und Sloterdijk, Friedrich Kittler und Jorge Semprun, Paul Virilio, Jaques Derrida… und: Alice Schwarzer.

„Können Frauen denken?“, fragte die Künstlerin Anna Blume vor Jahrzehnten auf einem ironischen Bild. Das hielten wir für einen guten Witz. Als Gerhard Schröder nach dem 11. September zum ersten Mal Intellektuelle ins Bundeskanzleramt einlud, sah die Auswahl zwar anders aus als in der „FAZ“, die Proportionen aber genauso: zwei Dutzend Intellektuelle saßen am Tisch der Macht. 21 Männer und Christa Wolf. Angesprochen auf ihre männerlastige Autorenschaft, erklärt „Lettre“, die Intellektuellen-Zeitschrift der Nation, sie könnte die Hunde doch nicht auch noch zum Jagen tragen.

Also, was denn nun: Können wir nicht? Wollen wir nicht? Oder sollen wir nicht? Trauen wir uns nicht? Oder trauen die anderen es uns nicht zu? Ist es mangelnde Eitelkeit, zu jedem Thema ein Statement abgeben zu müssen? Oder was?

Der weibliche Blick

Vielleicht ist auch wieder ein Bild schuld, das Bild einer weiblichen Intellektuellen, das nicht aussieht wie unsere Virginia, sondern eher so wie Nicole Kidmans Woolf: eine Frau mit langer Nase, grimmig, grübelnd und verkrampft. Fehlt nur noch die Brille auf der Nase. Die setzte sich Nicole Kidman zur Präsentation des Films auf der Berlinale-Pressekonferenz auf. Keine Sonnenbrille, wie Filmstars sie normalerweise dort tragen, nein, eine echte Brille.

Nichts gegen den Film, trotz einiger Schwächen, es ist ein schöner Film, vor allem wegen Julianne Moore und Meryl Streep. Und er bietet, wie das Buch, eine große Chance: Virginia Woolf zu entdecken. Und es gibt noch viel zu entdecken. Seit 1989 macht der Fischer Verlag sich verdient mit seiner Werkausgabe, letzte Woche ist der dritte Band der Tagebücher erschienen (und nicht der letzte), aus den Jahren 1931 bis 35: die Schriftstellerin als reife Frau.

Fast verblüfft schwärmen die Kritiker der Gesammelten Werke in ihren Besprechungen von der Frische und Leichtigkeit und Lust, die ihre Texte versprühen, den Spott, den Snobismus auch und die Selbstironie. Wer Virginia Woolf liest, wird entdecken, dass eine weibliche Intellektuelle viel lebendiger, komischer und komplexer ist, als unsere Fantasie erlaubt. Virginia Woolf bereitete das Leben nicht nur Leid. Sie hatte das Gefühl, einen kräftigen Schluck vom Leben genommen zu haben – „und entdecke eine Menge Champagner darin“. Manchmal war sie von ihrer Depression völlig gelähmt. Dann wieder fühlte die Schriftstellerin sich, als hätte sie „eine Ölquelle angebohrt. Ich habe jetzt mindestens sechs Geschichten, die in mir sprudeln.“ In solchen Zeiten konnte sie einer Freundin schreiben: „Als Erfahrung ist der Wahnsinn großartig, das kannst Du mir glauben, und nicht zu verachten; in seiner Lava finde ich immer noch die meisten Dinge, über die ich schreibe.“ Poesie und Witz, Literatur und Alltag widersprachen sich nicht, gehörten zusammen bei ihr.

In ihrem Essay „A Room of One’s Own“ erweist die Intellektuelle sich als ebenso kluge wie pragmatische Frau. Geistige Freiheit, so ihre zentrale These, kann nur auf einer materiellen Basis gedeihen: „Eine Frau muss Geld – 500 Pfund im Jahr – und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können.“ Männer, so notiert die Feministin – die übrigens auch für „Vogue“ Kritiken schrieb, um mit dem üppigen Honorar dann ihrer Nichte hübsche Kleider zu kaufen – Männer schreiben anders als Frauen: Sie schreiben über Schlachten und Politik und manchmal auch über eine Gesellschaft beim Lunch und ihre geistreiche Konversation. Aber dann vergessen sie immer zu erwähnen, was es zum Essen gab.

Nun kannte sie offenbar Fontane nicht, und auch nicht die Belletristik der Männer von heute. Sie bezog sich dabei auf die schöne englische Literatur. Aber vielleicht täte es auch Essays und Sachbüchern gut, ein bisschen irdischer, pragmatischer zu werden. Ein weiblicher Blick kann nicht schaden.

Ja, Virginia Woolf hatte eine große Nase, so wie sie große Augen und große Ohren hatte. Aus den selben Gründen wie der böse Wolf: um besser hören zu können, besser riechen, besser sehen. In ihren Romanen, so schreibt ein deutscher Kritiker in den 50er Jahren erstaunt, zeichnete sie eine neue Wirklichkeit, „schwebend, ungreifbar und doch ganz wirklich“. Also: Keine Angst vor Virginia Woolf.

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