Zeitung Heute : Nationale Ethikrat: Gott, die Welt und letzte Fragen

Markus Feldenkirchen

Närrischer hätte das mit dem Nationalen Ethikrat nicht beginnen können. Zumindest für Christiane Woopen nicht. Sie steht im Badezimmer mit ihren vier kleinen Töchtern und einem großen Schminktopf in der Hand. Sie selbst trägt eine venezianische Maske, die Kinder haben Ringelhemdchen an. Vorbereitung auf den Karnevalszug im Kölner Stadtteil Sülz, den Familie Woopen seit Jahren begleitet. Da klingelt das Telefon. Kanzleramt. Zunächst denkt Christiane Woopen noch an einen Karnevalsscherz. Ethikrat Alaaf! Ein paar Tage später sitzt die Medizin-Ethikerin am Abendbrottisch des Kanzlers.

"Völlig überlastet" mit Telefonanrufen sei sie seitdem, erzählt die Sekretärin des Kölner Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin. Das Interesse an Frau Woopen habe sich geradezu "explosionsartig verstärkt". Wer da für die Explosion sorgt? "Presse, Ärztekammer, Gott und die Welt." Na bitte. Wenn die anrufen, hat der Ethikrat seine Aufgabe im Prinzip schon erfüllt. Erst zwei Wochen, nachdem ihn der Kanzler einberufen hat. Noch vor der ersten Sitzung. Der Rat schafft Öffentlichkeit - und damit Interesse an Fragen der Gentechnik, die bisher zwar nur wenige verstehen, die aber bald schon alle betreffen werden. Der "gesamtgesellschaftliche Diskussionsprozess", wie das immer genannt wird, kann beginnen. Die Kölner Medizin-Ethikerin Christiane Woopen diskutiert mit. Auf höchster Ebene. Sie ist mit 38 Jahren die Jüngste im Nationalen Ethikrat.

"John hat Herrn Schmitz getötet", sagt Christiane Woopen, die Dozentin. Keiner der 16 Studenten im Seminarraum der Kölner Uni zeigt größere Bestürzung über diesen Mord. "Ethik in der Medizin" steht im Vorlesungsverzeichnis. Pflichtseminar. Man muss jetzt wissen, dass Herr Schmitz mit Johns Frau fremdging. Tötete John, weil er seine Ehe erhalten wollte, aus Verantwortung für die Kinder? Oder wollte John einfach den Nebenbuhler ausschalten? "Wenn John erfolgreich getötet hat, darf man dann sagen: John hat seine Ehe gerettet?" Schwierig, diese Ethik, dieses "wissenschaftliche Nachdenken über sittliche Qualität des Handelns", wie Christiane Woopen sie definiert. "Denken Sie nach! Streiten Sie!", fordert Woopen, folgt der mühsam in Gang kommenden Diskussion und unterbricht: "Da müssen Sie schon präziser argumentieren."

Letztlich unterscheide sich das, was hier im Seminar geschieht, nicht groß von der künftigen Arbeit im Ethikrat, sagt Christiane Woopen. Natürlich sitzt sie im Ethikrat nicht vor rosa Girlie-T-Shirts, dreifach gepiercten Ohren und roten Turnschuhen. Aber das Prinzip ist ähnlich: diskutieren, argumentieren. Aber bitte sauber und ordentlich. "Ich finde Argumentationshygiene besonders wichtig", sagt sie. Ihre Studenten gucken fragend. Argumentationshygiene. Das sagt sie oft. Hin und wieder spricht sie auch von "gedanklicher Hygiene". Widerspruchsfreie Argumentationsketten wünscht sie sich. Mit welchem Ergebnis?

Machen wir mal eine Schublade auf: Christiane Woopen ist fortschrittsgläubig, will mehr Freizügigkeit in der Genpolitik, ist eine so genannte Befürworterin. "Machen Sie die Schublade wieder zu", sagt sie. Dabei schreiben das doch jetzt alle. Der "Spiegel" zum Beispiel oder die "Frankfurter Rundschau", "Gott und die Welt" eben.

Sie hat Medizin und Gesundheitsökonomie studiert, in der Gynäkologie gearbeitet, dann vier Töchter geboren, die zwischen vier und zehn Jahren alt sind. Seit langem erforscht sie ein Feld, das heute spannender ist denn je: die ethischen Aspekte der Präimplantationsdiagnostik (PID), jenes Verfahrens, bei dem im Reagenzglas befruchtete Eizellen auf Gen-Defekte untersucht werden. Die gesunden werden in die Gebärmutter eingepflanzt, die mit Erbkrankheiten getötet. Jetzt aber: Befürworterin, ja oder nein? Sie atmet tief. "Ich halte die PID für ein ethisch sehr problematisches Verfahren", sagt Christiane Woopen. Dennoch hält sie es "unter ganz bestimmten und engen Voraussetzungen" für vertretbar. Ein Paar, das höchstwahrscheinlich eine schwere genetische Krankheit, eine Behinderung, vererbt, erfüllt nach Woopen diese Voraussetzung. Wichtig sei immer die Güterabwägung.

Mit den Händen spielt sie jetzt eine Waage. Gut eins ist das embryonale Leben, das geschützt werden muss. Gut zwei ist das emotionale und gesundheitliche Wohlergehen der Mutter, der Familie, die später für das behinderte Kind sorgen soll. Welches Gut wiegt schwerer? Statt einer eindeutigen Antwort macht sie es noch komplizierter. Leider. Aber es gibt halt keine einfachen Antworten, wenn es um die letzten Fragen geht. "Die Güter sind ungleichgewichtig", sagt Christiane Woopen. Denn die Gesellschaft würde es nie zulassen, einen Erwachsenen zu töten, nur weil es eine Last ist, ihn zu versorgen. "Andererseits", sagt sie, müsse man das frühe Entwicklungsstadium des Embryos sehen. Vielleicht wiege dessen Leben doch etwas weniger als der gesundheitliche Schutz der künftigen Mutter. Wenigstens in Einzelfällen.

Ist das nun eindeutig? Sie spricht langsam, vorsichtig, übertrieben artikuliert, als hätte sie Angst, man könnte eine entscheidende Silbe und dadurch ihre ganze Position falsch verstehen. Mit dieser Vorsicht sprechen fast alle, die in diesen Wochen zur Gentechnik befragt werden. Genpolitik, das hat man jetzt gemerkt, lässt sich leider nicht in griffige Slogans packen. Wer das will, muss Westerwelle nach der Ökosteuer fragen. Aber nicht Christiane Woopen nach der Präimplantationsdiagnostik.

Auch wer von ihr wissen möchte, wie sich das anfühlt, zuständig zu sein für etwas so Großes, so Gewaltiges wie die nationale Ethik, wird enttäuscht. Mit Stolz und Anerkennung habe das gar nichts zu tun, sagt sie in einem Damit-das-schon-mal-gleich-klar- ist-Tonfall. Wer allenfalls für gedankliche Hygiene schwärmt, schweift nicht ab in Pathos oder Verantwortungsduselei. Immerhin sagt sie noch, dass sie unsicher sei. "Unsicher, was meine Rolle im Rat und dieser ganzen Debatte sein soll." Vielleicht ist es ja ein Trost, dass der Rat selbst noch nicht genau weiß, was er eigentlich leisten soll.

Gerade deshalb warnt sie davor, den Ethikrat schon jetzt zu verurteilen, als nutzlosen Debattierclub etwa. Es müsse doch möglich sein, komplizierte Sachverhalte so zu formulieren, dass jeder sie versteht. Einfache Fragen - die sollten am Ende der Arbeit des Ethikrates stehen. "Darf man also sagen: John hat seine Ehe gerettet?" Eine Frage, fein aufbereitet, vom Ethikrat auf dem Silbertablett serviert. Die Bürger müssten dann nur noch Ja oder Nein sagen. So ähnlich könnte es gehen.

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