Nationalsozialismus : Mit bebendem Herzen

Am 23. März 1933 wählte der Reichstag die Nazi-Diktatur. Nur Sozialdemokraten stimmten gegen das Ermächtigungsgesetz. Warum sich die Abgeordnete Toni Pfülf das Leben nahm.

Ernst Piper
Pfuelf
Die SPD-Abgeordnete Toni Pfülf -Foto: Ullstein

Es war der 16. Mai 1933, zum letzten Mal bereitete sich die SPD auf eine Reichstagssitzung vor. Toni Pfülf, Abgeordnete aus Bayern, appellierte mit großer Leidenschaft an die Genossen: "Es geht jetzt nur noch darum, den Widerstand zu organisieren", rief sie zum Schluss, "das ist es, was die Arbeiterklasse von uns erwartet".

Ihr Ruf verhallte ungehört, niemand antwortete der kämpferischen Sozialdemokratin. Pfülf war tief enttäuscht. Sie entschloss sich, an der für den nächsten Tag angesetzten Reichtagssitzung nicht teilzunehmen. Lange spazierte sie gedankenverloren durch den Tiergarten. Schließlich war es nach Mitternacht, zu spät, um noch den Zug nach München zu nehmen.

Pfülf ging zu ihrer Pension am Anhalter Bahnhof, setzte sich an den kahlen Tisch in ihrem Zimmer und schrieb einen Brief an den bayerischen Landtagsabgeordneten Alfons Bayerer, einen Mitstreiter aus alten Tagen: "Lieber Alfons, ich bitte dich, unseren Freunden meinen letzten Gruß zu bestellen. Sie sollen den Mut nicht sinken lassen. Das Banner bleibt stehen, wenn der Mensch auch fällt. (...) Den Weg, den die Partei heute geht, kann ich nicht mitgehen. Ich sterbe im Glauben an die sozialistische Zukunft Deutschlands und der Welt. Freiheit! Toni Pfülf."

Am nächsten Tag schluckte sie alle Schlaftabletten, die sie gesammelt hatte.

Die Verzweiflung der Toni Pfülf spiegelt die dramatische Lage der SPD in jenem Mai. Endzeitstimmung, die ihren Anfang ein knappes Jahr zuvor genommen hatte, als die Partei eine ihrer wichtigsten Bastionen verlor.

Im Juli 1932 setzte Reichspräsident Hindenburg mit dem sogenannten Preußenschlag die sozialdemokratisch geführte Regierung Preußens ab. Bis dahin hatte die zur Verteidigung der Republik entschlossene preußische Polizei unter Leitung des tatkräftigen Innenministers Carl Severing den Nazis immer wieder zu schaffen gemacht. Nun war das wichtigste Land Deutschlands, das zwölf Jahre lang eine stabile demokratische Regierung gehabt hatte, neutralisiert. Schlimmer noch, seit der nationalsozialistischen "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 saß Hermann Göring als Reichskommissar im preußischen Innenministerium. Er hatte die Parole ausgegeben, die Polizeibehörden sollten "jede Betätigung für nationale Zwecke und die nationale Propaganda mit allen Kräften unterstützen" und zugleich mit aller Strenge gegen kommunistische Terrorakte vorgehen. Göring betonte, dass jeglicher Schusswaffengebrauch ohne Rücksicht auf die Folgen von ihm gedeckt sei.

Die Lage spitzte sich vor den Reichstagswahlen am 5. März weiter zu. An einen normalen Wahlkampf war kaum noch zu denken. Helfer wurden verhaftet, Versammlungen verboten oder unter nichtigem Vorwand abgebrochen, die Zeitungen der Kommunisten, aber auch der Sozialdemokraten und des katholischen Zentrums immer wieder verboten.

Die Nationalsozialisten, die erstmals als Regierungspartei agieren konnten, erreichten mit 43,9 Prozent ein Rekordergebnis. Zusammen mit seinem deutschnationalen Koalitionspartner, der auf acht Prozent kam, verfügte Hitler nun über eine parlamentarische Mehrheit. Die Sozialdemokraten hatten ihren Wählerstamm halten können und kamen auf 18,3 Prozent. Ähnliches galt für das Zentrum, das 14 Prozent erreichte. Die anderen bürgerlichen Parteien waren dagegen völlig marginalisiert. Die KPD, die dem Terror der neuen Obrigkeit ganz besonders ausgesetzt war, erreichte 12,3 Prozent, sie stellte noch 81 Abgeordnete, deren Mandate aber auf der Grundlage der Notverordnungen des Reichspräsidenten drei Tage nach der Wahl für ungültig erklärt wurden, sodass die NSDAP eine knappe absolute Mehrheit der Sitze hatte.

Ein entscheidendes Datum auf dem Weg in die Diktatur wurde der 23. März 1933. Damit die Regierung bei ihrem weiteren Vorgehen freie Hand hatte, sollte der Reichstag sich durch ein "Ermächtigungsgesetz" selbst entmündigen. Die SPD war entschlossen, die Rolle der Opposition anzunehmen. Ihre Fraktion blieb der feierlichen Eröffnungssitzung des Reichstags in der Potsdamer Garnisonkirche fern. Und sie hatte beschlossen, das Ermächtigungsgesetz abzulehnen. Damit hatte Hitler gerechnet, umso wichtiger war es daher für ihn, das schwankende Zentrum auf seine Seite zu ziehen. Sonst hätte er die für eine Verfassungsänderung notwendige Zweidrittelmehrheit nicht erreichen können.

Adolf Hitler hatte deshalb am 23. März im Reichstag eine bewusst maßvolle, staatsmännische Rede gehalten. Um sich zu zügeln, hatte er ganz gegen seine Gewohnheit vom Blatt abgelesen, was ihm nicht leicht gefallen war. Hitler hatte innen- und außenpolitische Zusagen gemacht, verbunden mit dem Hinweis auf das Weiterbestehen von Reichstag und Reichsrat und die Rechte des Reichspräsidenten. Auf Hitlers vage Zusicherung hin, die nationale Regierung sehe in den christlichen Religionsgemeinschaften wichtige Faktoren zum Erhalt des Volkstums, hatte sich das katholische Zentrum schließlich zur Zustimmung bewegen lassen. Wohlmeinende Zentrumsabgeordnete hatten die sozialdemokratischen Kollegen sogar gewarnt, sie sollten ebenfalls zustimmen oder abreisen, ihr Leben sei sonst in Gefahr. So in Gefahr wie das der Kommunisten, die bereits auf der Flucht waren, wenn man sie nicht schon verhaftet hatte.

Tatsächlich hatten von den 120 Abgeordneten der SPD nur 94 an der Sitzung am 23. März teilnehmen können. Nicht dabei war Ludwig Marum, der seit dem 10. März im Polizeigefängnis Karlsruhe einsaß. Marum sollte die Freiheit nicht wiedererlangen. Ein Jahr später wurde er im KZ Kislau von Wachmannschaften erdrosselt. Ebenfalls abwesend war Friedrich Husemann, den sie einen Tag nach Marum geholt hatten. Husemann erlag 1935 den Folgen schwerer Misshandlungen. Die beiden stehen beispielhaft für weitere Abgeordnete, die bedroht, verhaftet und misshandelt worden waren, andere hatten sich zur Flucht entschlossen.

Die, die nach Berlin gekommen waren, kehrten nach dreistündiger Beratungspause zur Abstimmung in den Sitzungssaal zurück, "viele mit bebendem Herzen", wie der Abgeordnete Josef Felder sich später erinnerte. SA- und SS-Leute drängten in den Plenarsaal und bildeten einen dichten Kordon um die Parlamentarier der SPD. Der schwerkranke Parteivorsitzende Otto Wels ließ es sich nicht nehmen, die Ablehnung des Gesetzentwurfs in einer mutigen Rede zu begründen. Es entsprach der im Saal herrschenden Stimmung, als er rief: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht."

Das Gesetz wurde schließlich mit 441 Stimmen gegen die 94 Stimmen der SPD angenommen; bereits am nächsten Tag trat es in Kraft. Von jetzt an konnte die Reichsregierung selbst Gesetze erlassen.

Die Gewaltenteilung, Grundlage jeder Demokratie, war aufgehoben, der Reichstag hatte sich selbst entmachtet. Das Ermächtigungsgesetz war so etwas wie der Totenschein für die Weimarer Republik. Die Abgeordneten aller bürgerlichen Parteien haben diesem demokratischen Suizid am Ende zugestimmt. Manche aus Überzeugung, andere aus Opportunismus, nicht wenige vielleicht aus Angst.

Zu den 94 Tapferen, die Nein sagten, gehörte auch Toni Pfülf. Ursprünglich hatte sie in München als Volksschullehrerin gearbeitet. Seit Frauen das aktive und passive Wahlrecht hatten, seit Januar 1919, hatte sie erst der Nationalversammlung und dann dem Reichstag angehört, wie auch ihre Freundin Louise Schroeder aus Hamburg-Altona, die nach dem Krieg für kurze Zeit Oberbürgermeisterin von Berlin wurde. Während der Sitzungswochen hatten sie gemeinsam in der geräumigen Dienstwohnung des Reichstagspräsidenten Paul Löbe gewohnt, der sie wegen ihrer engen politischen Zusammenarbeit die Zwillinge nannte.

Pfülf gab sich keinen Illusionen über die weitere Entwicklung hin. Bereits im Februar hatte sie ihr Testament verfasst. Sie wollte eingeäschert werden, in den Parteizeitungen "Volkswacht", "Münchner Post" und "Vorwärts" sollten Todesanzeigen erscheinen. Auch den Text hatte sie entworfen: "Toni Pfülf ist am ... heimgegangen. Sie hat das Leben und ihre Freunde geliebt und war ihnen dankbar. Sie ging mit dem sicheren Wissen von dem Sieg der großen Sache des Proletariats, der sie dienen durfte." Aber noch wollte sie kämpfen, auch nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes.

Da die Abhaltung eines ordentlichen Parteitags nicht mehr möglich war, berief die SPD Ende April eine Parteikonferenz ein. Sie fand im unzerstörten Teil des Reichstagsgebäudes statt. Die Partei wollte jeden Anschein von Konspiration vermeiden. Ein neuer Parteivorstand wurde gewählt, der nur ein einziges Mal vollständig zusammenkam. Um sie nicht dem Risiko einer Verhaftung auszusetzen, wurden die sechs hauptamtlichen Vorstandsmitglieder ins Ausland geschickt, unter ihnen Otto Wels. Wels und einige seiner Kollegen waren so optimistisch, nach Saarbrücken zu gehen. Das Saarland war damals vom Deutschen Reich abgetrennt und wurde mit einem Mandat des Völkerbunds von den Franzosen verwaltet. Für 1935 war eine Volksabstimmung über die Wiedereingliederung ins Deutsche Reich angesetzt, aber Wels und seine Parteifreunde glaubten, bis dahin würde es vorbei sein mit dem Nazispuk.

Sehr schnell führte die räumliche Distanz zum Dissens. Als Hitler für den 17. Mai die nächste Reichstagssitzung ansetzte, berief der Fraktionsvorsitzende Paul Löbe ohne Rücksprache mit dem Parteivorstand im Exil die Fraktion nach Berlin. Als die Vorstandsmitglieder in Saarbrücken davon erfuhren, forderten sie die Abgeordneten auf, an der Reichstagssitzung nicht teilzunehmen und stattdessen mit einer öffentlichen Erklärung das NS-Regime wegen seines Terrors und der Vernichtung der Freiheitsrechte anzuklagen. Doch die in Berlin verbliebenen Sozialdemokraten glaubten, Hitler brauche eine Atempause, sei zu Kompromissen bereit. Denn das Reich war nach dem gewaltsamen Boykott jüdischer Geschäfte, der brutalen Zerschlagung der Gewerkschaften und den Bücherverbrennungen in die außenpolitische Isolation geraten.

Von den 120 gewählten Abgeordneten der SPD konnten sich inzwischen nur noch 65 in Deutschland frei bewegen und nach Berlin kommen. Weitere waren inzwischen verhaftet worden, wie zum Beispiel Julius Rosemann aus Essen, den die Gestapo am 2. Mai holte und so schwer misshandelte, dass er zwei Tage später seinem Leben ein Ende setzte.

Von denen, die gekommen waren, plädierten 24 dafür, an der Reichstagssitzung teilzunehmen und Hitlers "Friedensrede" zuzustimmen, um zu zeigen, dass auch die SPD Deutschlands nationale Interessen bejahe. Eine gleich große Gruppe war dafür, an der Sitzung teilzunehmen, aber eine eigene Erklärung abzugeben. Nur 17 Abgeordnete, unter ihnen Toni Pfülf, votierten gegen die Teilnahme.

Erregt rief sie ihren Parteifreunden zu: "Wie vieler bitterer Erfahrungen bedarf es noch, bis ihr begreift, dass wir hier missbraucht werden sollen." Missbraucht für eine Inszenierung, die nur das Ausland täuschen sollte. Sie erinnerte an die vielen, die schon gequält, ermordet oder in den Selbstmord getrieben worden waren. Nach ihrer Überzeugung konnte es nur noch um die Organisation des Widerstands gehen: "Wir haben nicht gelernt, gegen Terror anzukämpfen. Wir müssen es lernen. Wir müssen neue Wege des Kampfes suchen. Es gibt in Deutschland keine Rechtsstaatlichkeit mehr. Die Republik ist zerschlagen. Und sie wird nicht gerettet, wenn wir so tun, als habe sich nichts geändert."

Am nächsten Morgen ging sie nicht in den Reichstag, sondern stieg in den Zug nach München und zog die Vorhänge ihres Abteils zu. Ein befreundeter Schaffner sorgte dafür, dass sie nicht gestört wurde. Pfülf schluckte Schlaftabletten, doch die Fahrt war nicht lang genug, damit die Tabletten ihre tödliche Wirkung entfalten konnten. In München kam sie in ein Krankenhaus und wurde nach ein paar Tagen nach Hause entlassen. Dort besuchten die Freunde sie, Paul Löbe, Louise Schroeder und andere. Sie versuchten, Toni umzustimmen, sie zur Emigration zu bewegen - vergebens. Auch ihr junger Parteifreund Josef Felder kam. Sie zeigte ihm eine Kästchen und sagte: "Wenn ihr noch einmal nach Berlin geht - und sei es nur zu einer Sitzung der Restfraktion -, dann sind für diesen Fall hier meine Schlaftabletten, ausreichend viele."

Am 8. Juni kommt die Nachricht, für übermorgen sei eine Sitzung der Reichstagsfraktion anberaumt. Daraufhin ordnet Pfülf die letzten Dinge in ihrer Wohnung, geht auch zum Wohnhaus ihrer Schwester, wo sie einen Abschiedsbrief in den Briefkasten wirft. Zuletzt liest sie die im Februar entworfene Todesanzeige noch einmal durch und fügt vor das Wort "heimgegangen" noch ein "fröhlich" ein. Noch am gleichen Tag setzt sie ihrem Leben ein Ende. Am 12. Juni wird Toni Pfülf beerdigt. 55 Jahre war sie alt geworden. Trauerreden hatte die Politische Polizei verboten. Lediglich ihr Name, Geburts- und Todestag durften verlesen werden. Viele Sozialdemokraten trafen einander an diesem Tag für lange Zeit zum letzten Mal.

Am 22. Juni 1933 verboten die nationalsozialistischen Machthaber die SPD, genau wie Toni Pfülf es prophezeit hatte.

Der Autor lehrt Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Zuletzt erschien sein Buch "Kurze Geschichte des Nationalsozialismus. Von 1919 bis heute." (Hoffmann und Campe)

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