Nato-Generalsekretär : Einer trage des anderen Last

Selten ist ein Nato-Generalsekretär mit so viel Aplomb ins Amt gestartet. Ja, schon bevor Anders Fogh Rasmussen es überhaupt angetreten hatte, wurde deutlich: Da will einer was. Und was alles. Die Agenda des langjährigen dänischen Premiers zeigt: Er hat ein Gespür fürs Dringliche.

Michael Schmidt

Selten ist ein Nato-Generalsekretär mit so viel Aplomb ins Amt gestartet. Ja, schon bevor Anders Fogh Rasmussen es überhaupt angetreten hatte, wurde deutlich: Da will einer was.

Und was alles. Gespräche mit moderaten Taliban und zugleich mehr Soldaten am Hindukusch – der Afghanistankrieg darf, so lautet die Botschaft des Neuen vom ersten Tag an, nicht in die Geschichte eingehen als Beispiel für eine Militärallianz, die überfordert ist, der Probleme des 21. Jahrhunderts Herr zu werden. Russland will Rasmussen überzeugen, dass die Nato kein Feind ist. Und mit islamischen Ländern reden. Die Agenda des langjährigen dänischen Premiers zeigt: Er hat ein Gespür fürs Dringliche und offenbar eine Vorstellung davon, wie seine Ziele zu erreichen sein könnten. In der Sache hart, aber gesprächsbereit – Rasmussens Nato-Doppelstrategie. Und es könnte ja auch kaum um mehr gehen: um den Weltfrieden, die Zukunft Afghanistans, die Identität des mächtigsten Militärbündnisses der Geschichte.

Derzeit hängt das alles nicht ausschließlich, aber doch in erster Linie vom Ausgang des Krieges am Hindukusch ab. Afghanistan ist eben nicht nur das Problem von ein paar Millionen Afghanen, sondern von weltpolitischer Bedeutung. Ein rückständiges, armes, Drogen produzierendes Land ohne Staat, eines mit vier Atommächten zum Nachbarn: Indien, Pakistan, China, Russland. Siegen die Taliban hier, siegen sie womöglich auch in Pakistan; siegen sie in Pakistan, haben sie die Hand an der Atombombe. Schon deshalb ist Afghanistan wichtig.

Die Sicherheitslage im Land ist schlecht, die europäischen Nato-Partner müssen mehr tun, sagt Rasmussen – und fügt hinzu, das sei auch aus Gründen der Solidarität nötig. Eine Spitze, die in Richtung Berlin geht. Die Bundesregierung wird verstanden haben. Die Diskussion über eine faire Lastenverteilung nämlich begleitet den Afghanistaneinsatz von Beginn an. Deutschland ist zwar mit bis zu 4500 Soldaten drittgrößter Truppensteller, aber die Bundesregierung steht trotzdem in der Kritik: Bundeswehrsoldaten beteiligen sich nicht an der Drogenbekämpfung. Ihre Einsatzregeln waren bis vor kurzem so restriktiv, dass sie Operationen eher behinderten als erleichterten. Und sie halten sich aus jenen Gebieten fern, in denen 90 Prozent der Kämpfe stattfinden – und sich mithin das Schicksal des Landes entscheidet.

Das ist heikel. Es rührt an den Nerv der Allianz. Denn der Bündniszusammenhalt ist existenziell – er gehört zur Daseinsberechtigung. Der Einsatz in Afghanistan ist der erste Bündnisfall in der Geschichte der Nato. Nun ist Solidarität kein Erfolgsgarant. Aber ohne sie die Niederlage programmiert, in diesem Krieg genauso wie bei allen künftigen Aufgaben. Migration, Massenvernichtungswaffen, Ressourcenknappheit, Cyberterror, Energiesicherheit, Staatszerfall, asymmetrische Konflikte – viele, ja die meisten neuen Herausforderungen sind auch in Afghanistan zu Hause. Deshalb ist das Land zu dem Testfall für die Zukunftstauglichkeit der Nato geworden. Scheitert sie hier, kann das womöglich ihr Ende bedeuten.

Das aktuelle Nato-Konzept stammt aus dem Jahr 1999. Das sind zehn Jahre! Eine Anpassung an die Gegenwart ist überfällig. Sie gehört denn auch noch zu Rasmussens Aufgaben. Dass er, dessen eingedenk, am Tag seines Amtsantritts ohne Umschweife auf die Solidarität zu sprechen kommt, kann für Deutschland, historisch der größte Nutznießer der Allianz, nur eines heißen: Es wird uns noch mehr abverlangt werden. Viel mehr.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben