Nato-Gipfel : Kleinklein auf hohem Niveau

Der Bukarester Gipfel ist der größte der Geschichte und doch ein kleiner. Damit ist er ganz und gar typisch für die Allianz der Zukunft. Aber das alles beweist nicht, dass die Nato nicht funktioniert. Sie funktioniert nur anders.

Robert Birnbaum

Sinn für Ironie vermutet man nicht bei den Staats- und Regierungschefs der Nato. Es steckt also wohl doch keine Absicht dahinter, dass der Gipfel der Allianz im Palast des einstigen rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu stattfand. Macht und Stärke des Erbauers sollte das Marmormonstrum verewigen. Es wurde zum Denkmal des Scheiterns. Ein Gleichnis für das mächtigste und stärkste Militärbündnis der Welt? Das nicht, aber eine Mahnung.

Der Bukarester Gipfel ist der größte der Geschichte und doch ein kleiner. Damit ist er ganz und gar typisch für die Allianz der Zukunft. Wir waren jahrzehntelang gewohnt, den Nordatlantikpakt als Hort von Stabilität und Klarheit zu verstehen. Es gab zwar Zank, aber einen gemeinsamen Feind und ein gemeinsames sicherheitspolitisches Ziel. Als Ceausescus Palast seine Funktion verlor, kam der Nato die ihre mit abhanden. Die neue Nato wird zu ähnlicher Klarheit nicht mehr finden.

Der Gipfel zeigt das exemplarisch in seinem Kleinklein. Da findet ein Gezerre kein Ende um den Namen eines künftigen Kleinstmitglieds, das Mazedonien heißen will und nicht soll, weil Griechenland sein Alleinerbe auf Alexander den Großen in Gefahr wähnt. Da wird weiter um den Einsatz in Afghanistan geschachert – das größte, angeblich identitätsstiftende Projekt krankt daran, dass ein paar Hubschrauber, ein paar Sanitäter, ein paar hundert Soldaten mehr zusammenzubringen ein Kraftakt bleibt.

Also ist der Riese in Wahrheit hohl? Aus der Sicht der Vergangenheit – ja. Doch Nostalgie verstellt den Blick. Wer vom Früher nichts wüsste, was sähe er? Ein Bündnis, in dem unter der vagen Überschrift einer gemeinsamen Sicherheit jedes Mitglied seine Interessen verfolgt. Geradezu mustergültig ist der Streit um einen schnellen Beitritt der Ukraine und Georgiens: Osteuropa und die USA dafür, Westeuropa dagegen. Das klingt, zumal mit George W. Bushs energischem Ton im Ohr, nach einer transatlantischen Krise mit Angela Merkel als Bush-Bezwingerin.

Die Wahrheit ist schlichter und unspektakulärer. Amerikaner und neue Europäer sehen unsichere Nachbarn lieber im eigenen Lager als draußen. Das alte Westeuropa, Deutschland voran, will ein passables Verhältnis zum Gasgroßlieferanten im Osten und hat keine Lust, sich auf dem Umweg über instabile Neumitglieder Konflikte mit Russland ins eigene Haus zu holen. Beide Seiten haben ihre Argumente. Aber keine kann für sich ein überragendes gemeinsames Bündnisinteresse reklamieren. Deshalb kann diesmal Merkel Arm in Arm mit dem Franzosen Nicolas Sarkozy gegen Bush gewinnen. Das Gewicht der Europäer wächst.

Aber das alles beweist nicht, dass die Nato nicht funktioniert. Sie funktioniert nur anders. Das Bündnis entwickelt sich zu einer Art Verhandlungsplattform mit angeschlossener militärischer Dienstleistungszentrale. Das entscheidende Wort ist „Verhandlung“. Verhandlungssache ist ja inzwischen nicht bloß, wer welche Mittel für die gemeinsamen Zwecke stellt. Verhandelt wird, und jedes Mal neu, was denn der Zweck ist. Der Einsatz in Afghanistan war, so gesehen, noch ein Stück alte Nato, geboren aus dem Reflex der uneingeschränkten Solidarität. Die neue Nato definiert sich jedes Mal neu. Allerdings muss sie das dann auch tun. Merkel hat den Gipfel als einen bezeichnet, der die Gemeinsamkeiten voranstellt. Das war eine höfliche Umschreibung für einen Gipfel des kleinsten gemeinsamen Nenners.

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