Zeitung Heute : Natürlich gesund

Antje Vollmer

TRIALOG

Die Akzeptanz großer Gesetzeswerke wie der Gesundheitsreform hängt nicht zuletzt von der sorgfältigen Ausgestaltung des „Kleingedruckten“ ab. In den vergangenen Wochen hat die Politik viel Prügel wegen bestimmter Auswirkungen dieser Reform bezogen. Allerdings stammt hier ein Teil des Kleingedruckten vom Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen. Entscheidungen, die sich dort abzeichnen, sind hoch bedenklich und stehen im Widerspruch zu einer Stärkung der Patientenautonomie, zum besonderen Schutz von chronisch Kranken und von Menschen mit Behinderungen – und zur Therapievielfalt.

Da ist zum einen der Entwurf der Heilmittelrichtlinien, in denen unter anderem niedergelegt ist, wer unter welchen Bedingungen Anspruch auf welcherart Heilmittel hat. Der Entwurf verfolgt das begrüßenswerte Ziel, den starken Anstieg der Heilmittelverordnungen und damit der Kostenerstattungen durch Krankenkassen zu drosseln. Ich warne allerdings davor, hier das Kind mit dem Bade auszuschütten. Sparpotenziale sind in diesem Bereich gewiss vorhanden, aber das Sparen auf Kosten von chronisch Kranken und behinderten Menschen lehne ich ab. Die Festlegung von Höchstmengen und einer Pause von zwölf Wochen nach Erreichen einer definierten Höchstmenge eines Heilmittels ist einfach lebens- und praxisfremd. Außerdem bedeuten sie für Ärzte und Kassen zusätzlichen bürokratischen Aufwand – und das ohne Not und Nutzen.

Schlecht für uns alle

Werden die Pläne des Bundesausschusses unverändert umgesetzt, so sind die anderen großen Verlierergruppen die Patienten und Ärzte, die Naturheilmitteln den Vorrang vor anderen Medikamenten geben – und die sind mit dem Anwachsen des ökologischen Bewusstseins von Jahr zu Jahr mehr und selbstbewusster geworden. Besonders für die Behandlung von Kindern und Allergikern sind Naturarzneien oft von zentraler Bedeutung. Ab April diesen Jahres, so die Pläne, sollen die Kosten für fast alle nicht verschreibungspflichtigen Medikamente – und hierzu gehören wegen ihres geringen Nebenwirkungspotenzials über 90 Prozent aller Naturheilmittel – nicht mehr durch die Kassen erstattet werden! Pflanzliche, homöopathische und anthroposophische Medikamente werden zum Luxusgut für diejenigen, die sie sich leisten können. Nach und nach würden Naturarzneimittel aus der Wahrnehmung der Ärzte gedrängt und vom heiß umkämpften Pharma-Markt verschwinden. Auch das ist ein Wirtschaftskrieg – wenn auch von anderer Art. Patienten und Ärzte werden in ihrer Entscheidungsfreiheit für oder gegen Naturheilmittel dramatisch eingeschränkt.

Will man den Pluralismus in der Medizin in Deutschland erhalten, so müssen die wichtigsten Arzneimittel der natürlichen Therapierichtungen auf der „Ausnahmeliste“ des Bundesausschusses berücksichtigt werden. Selbstbewusste und informierte Patienten müssen auch künftig die Wahlfreiheit bezüglich der von ihnen bevorzugten Therapierichtung haben. Schließlich zahlen doch auch sie treu ihre Beiträge in die Kassen!

Die Gesundheitsreform will eine bessere Behandlung zu geringeren Kosten. Mit der Nichtberücksichtigung von Naturarzneimitteln auf der geplanten Ausnahmeliste würde das Gegenteil erreicht: sinkende Behandlungsqualität bei steigenden Kosten! Das ist schlecht für uns alle – und borniert dazu!

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Bundestags und Grüne.

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