Zeitung Heute : Naturkundemuseum: Vom Glück und der Tragik Neues zu entdecken

Ferdinand Damaschun

Ende des 18. Jahrhunderts war die Chemie eine junge Wissenschaft. Der Elementbegriff, wie wir ihn heute kennen, war noch nicht definiert und die Chemiker benutzten noch keine chemischen Formeln. Einer der Ersten, die versuchten die chemische Zusammensetzung der Minerale und Gesteine aufzuklären, war der Berliner Apotheker Martin Heinrich Klaproth (1747 - 1817). Seit 1780 besaß er die Apotheke "Zum Bären" in der Spandauer Straße. Apotheken stellten damals die meisten Medikamente in ihren Laboren selbst her. Dort konnte man natürlich hervorragend analysieren. Und so ließen die ersten Ergebnisse nicht lange auf sich warten. Im Jahre 1789 entdeckte Klaproth in Erzen von der Grube Georg Wagsfort zu Johanngeorgenstadt im Erzgebirge ein neues Metall. Bei der Benennung erinnerte er sich an antike und alchemistische Traditionen, die die Planeten mit den Göttern und den Metallen in Verbindung brachten. Und so benannte er sein Metall Uranium - nach dem 1781 von dem in England wirkenden Organisten, Komponisten, Dirigenten und Astronomen Wilhelm Herschel (1738 -1822) unter wesentlicher Mithilfe seiner Schwester Caroline (1750 - 1848) entdeckten neuen Planeten Uranus.

Die natürliche Radioaktivität dieses Elements wurde erst 100 Jahre später durch Alexander-Edmont Bequerel (1820 - 1891) und seinen Sohn festgestellt. Der Name Klaproths ist auch mit der Entdeckung der Elemente Zirkonium, Cer, Titan, Strontium, Beryllium, Chrom und Tellur verbunden.

Diese Erfolge brachten ihm Professuren an mehreren Berliner Lehreinrichtungen und den ersten Lehrstuhl für Chemie an der 1810 gegründeten Berliner Universität ein. 1815 verkaufte er seine bedeutende Mineraliensammlung, die natürlich auch sein Untersuchungsmaterial enthielt, an den Preußischen Staat. Sie kam in das "Königliche Mineralienkabinett". Diesen Titel trug die heutige Mineralsammlung des Museums für Naturkunde der Humboldt-Universität bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. In der Ausstellung kann man noch heute die Proben zu Klaproths Elemententdeckungen bewundern. Wenige Vitrinen daneben liegt eine Probe, die das Museum Alexander von Humboldt (1769 - 1859) verdankt und die ebenfalls zur Entdeckung eines neuen Elements diente. Doch sein Entdecker hatte weitaus weniger Glück als Klaproth. Der spanische Mineraloge Andrés Manuel del Rio y Fernandez (1764 -1849) war ein Studienkollege Humboldts in Freiberg.

Als dieser ihn 1803 in Mexiko besuchte, präsentierte ihm del Rio stolz eine Mineralprobe aus dem Norden des Landes. Er glaubte, im Jahr 1801 darin ein neues, dem Chrom ähnliches Element entdeckt zu haben. Wegen der schönen Farbe seiner chemischen Verbindungen nannte er es zunächst Panchromium (das "Allfarbige") und später Erythronium (griech. erythros = rot). Eine Untersuchung der Probe in Frankreich bestätigte dieses Ergebnis zunächst nicht und del Rio widerrief seine Entdeckung. Nahezu dreißig Jahre später entdeckte der Schwede Nils Gabriel Sefstöm (1787 - 1845) in Eisenerzrückständen ein neues Element, das er Vanadium nannte.

Die von dem Berliner Chemie-Professor Friedrich Wöhler (1800 - 1882) und dem schwedischen Chemiker Jöns Jakob Berzelius (1779 - 1848) daraufhin neuerdings untersuchte Probe del Rios zeigte, dass dieser das scheinbar neue Element bereits entdeckt hatte. Da er jedoch seine Entdeckung widerrufen hatte, blieb es bei der Benennung zur Ehre der nordischen Gottheit und das Mineral, in dem del Rio das neue Element entdeckt hatte, erhielt den Namen Vanadinit.

Del Rios Vorwürfe an Humboldt, ihn um die Früchte seiner Arbeit gebracht zu haben, sind zwar verständlich, waren aber unberechtigt. Nachforschungen in der Literatur und in Briefen Humboldts zeigen, dass es sich um die Verkettung unglücklicher Umstände handelte. In den letzten Jahren ist das Interesse an der Wissenschaftsgeschichte deutlich gestiegen. Museumsobjekte, wie die oben beschriebenen, rücken deshalb neben wertvollen Schaustufen und Proben, die die Vielfalt der unbelebten Natur belegen, immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

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