Naturschutz : Das Herbstzeitlos

Deutschlands bekanntester Baum: Seit Jahren stirbt er, Stück für Stück – und beendet damit selbst den Streit darüber, auf welche Weise er es tun soll

Torsten Hampel[Ingolstadt]
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Bavaria-Buche Ein Baum baut ab. -Foto: Imago

Sie hat sich vorbereitet, auf die Kälte, den Winter, den Tod, sie hat ihre Schulden beglichen und ihr Erbe verteilt und, Herr: es ist Zeit, Abschied gefeiert. Ein Haus hatte sie nie, und allein ist sie sowieso schon lange.

Die Leute, die sie gut kennen, sagen in aller Klarheit, sie hat Farbstoffmoleküle – Chlorophyll, ihren Energieversorger – und Eiweiß zerlegt in Phosphor, Stickstoff und Magnesium, in chemische Elemente, die ihr oder anderen später vielleicht noch einmal nützlich sind, sie hat sie aus ihren Blättern durch die Zweige und Äste und den Stamm in ihre Wurzeln gesogen, hat dann flache Korkscheiben am Ende jedes einzelnen ihrer Blattstiele wachsen lassen und damit deren Verbindung zum Holz gekappt. Sie hat Samen hergestellt, die nun herunterfallen oder in Vogelschnäbeln weit fortgebracht werden, und sie hat ihr am Ende bronzeleuchtendes Laub denen zum Fressen gegeben, die bis zuletzt für sie gearbeitet haben, den Regenwürmern. 250 Mal hat sie all dies schon getan, sagen die Leute, sie sagen auch oft: 900 Mal, oder sie nennen eine Zahl dazwischen. Sie selbst sagt nichts. Sie ist doch nur ein Baum. Und dieser Baum stirbt also.

Er stirbt gerade doppelt. Seinen jährlichen Herbsttod und einen endgültigen.

Von Eichen sollst du weichen, die Weiden sollst du meiden!
Zu Fichten flieh mitnichten, doch Buchen musst du suchen!

Die Bavaria-Buche steht verborgen in einer wie von einem Riesenhintern in die Hochfläche der Fränkischen Alb hineingedrückten Mulde, am Rand des Naturparks Altmühltal. Die nächste Stadt ist Ingolstadt, das nächste Dorf heißt Pondorf, und wer es auf der Bundesstraße 299 Richtung Norden verlässt, kommt 200 Meter nach dem Ortsausgangsschild an eine Abzweigung. Ein Wegweiser, das spitze Ende links, „Bavaria-Buche“. Der Baum, der mindestens 250 Mal einen Herbst erlebt hat, ist ein Naturdenkmal. Er ist der bekannteste Baum Deutschlands.

Das muss er sein, denn wer nach einem Baum sucht, der wie diese Buche zehntausendfach im Jahr besucht wurde, dessen Foto wie ihres millionenfach auf Zeitschriftencover, Postkarten, Schulbuchseiten und Kalender gedruckt oder das Erkennungsmotiv von Waschmittelwerbung und einer Fernsehsendung war, der findet keinen. In einem der vielen Gutachten über ihn steht: „Die ebenmäßige, auffallend runde Krone steht geradezu ikonografisch für den ,Baum‘ schlechthin.“ Folgerichtig führt ihn das Deutsche Baumarchiv in Gießen in seiner Liste der „national bedeutsamen Bäume“.

Die Abzweigung also, dann noch einmal 200 Meter, die Mulde, und da:

Die Buche seh’ ich schwinden
Im Froste, lebenssatt,
Wie sie den kalten Winden
Hinwirft das letzte Blatt.

Ein zerbrochener Riese. Äste, baumgroß, liegen im Gras, unter einer Krone, die keine mehr ist. Martin Kolb sagt: „Schon schade drum.“ Rudolf Wittmann sagt: „Es ist ein ziemlich unangenehmes Gefühl, nicht couragiert genug gehandelt zu haben damals.“ Rudolf Pfuhler sagt: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht.“

Die drei Männer sind diejenigen, die die sterbende Buche vielleicht am besten kennen. Pfuhler von Amts wegen, Wittmann gefühlsmäßig, und Kolb ist ihr Nachbar. Sie wissen, wie sie ausgesehen hat, bevor im August 2006 ein Sturm die Hälfte ihrer Krone brach, im Januar 1999 ein Ast unter der Raureiflast und im Juli 1995 einer bei Windstille, einfach so. Kurz vorher standen dort noch drei Reisebusse, und ein paar Leute kletterten in der Buche herum.

Von ihrem Sterben war Jahre zuvor schon regelmäßig die Rede gewesen, doch von diesem Julitag 1995 an wurde nur noch laut darüber gesprochen. Ein Lärm hob an, ein Streit über Leben und Tod, über langsames und schnelles Sterben, doch was heißt schon schnell bei einem Baum, der ganz offenbar zäh ist, dessen Herbst seit 40, 50 Jahren anhält, bis heute. Damals war der erste große Ast aus ihm herausgebrochen.

Der Astbruch im Juli 1995 war auch der Moment, in dem die Menschen angefangen haben, den Baum wie ihresgleichen behandeln zu wollen, so über ihn zu reden und wohl auch von ihm zu denken. Als sei er ein Mensch. Im Landratsamt Eichstätt, da, wo Pfuhler arbeitet, spricht man seitdem davon, ihn „in Würde“ sterben zu lassen. Wittmann, der ihn mit Seilen vor dem Auseinanderbrechen bewahren wollte, sagt, „Raureif, Eis, das sich nachts um die Äste legt und tagsüber nicht mehr abtaut, Schmerzen sind das, in meiner Vorstellung.“ Nur Kolb sagt nichts dergleichen, das ist überhaupt nicht sein Vokabular, mag sein deshalb, weil er Bauer ist. Kolb sagt, Würde hin, Würde her, man soll den Baum einfach in Ruhe lassen. Er befindet sich damit in der Gesellschaft des einstigen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der nach dem Astbruch 1999 in einem Brief schrieb: „Wir sollten bedenken, dass der Baum als Organismus einem natürlichen Alterungsprozess unterworfen ist“, Naturgesetz, man müsse das respektieren.

Wenn man so will, steht Wittmann auf der Seite der lebensverlängernden Apparatemedizin, und Pfuhler ist der Fürsprecher von Patientenverfügungen. In einem der Bavaria-Buche-Gutachten steht der Satz: „Offensichtlich werden Bäume jenseits einer gewissen Größe nicht mehr nur als Bäume, sondern als Symbole für das Leben schlechthin wahrgenommen.“

Neun Meter Stammumfang, Höhe 22, Kronendurchmesser 31, bei hohem Sonnenstand überschattete Fläche: 750 Quadratmeter. Gemessen von Rudolf Wittmann im Jahr 1994, also im Jahr vor jenem Astbruch bei Windstille. Wittmann ist ein Baumexperte. Sein Gutachten von damals ist das detailreichste aller Gutachten, die über die Bavaria-Buche gemacht worden sind. Und er hat die Gefahr kommen sehen. Er fand den Brandkrustenpilz.

Der Pilz frisst sich durch das Holz, lässt es faulen, der Baum zerbricht unter seinem eigenen Gewicht.

Ein paar Mal im Jahr kommt Wittmann noch aus Ingolstadt herüber, in diese „ziemlich minimalistische Landschaft“. Er hat hier einst gelebt, und wenn er wieder einmal vor dem Baum steht, dann bewundert er ihn, und er verachtet sich selbst. „Von heute aus betrachtet“, sagt er, „würde ich die Seile in die Krone einfach eingebaut haben, an einem Wochenende. Und ich würde sehr gelassen darauf warten, wie die Naturschutzbehörde reagiert“, die Behörde, die damals das mit der Würde, also gegen Wittmanns Vorschlag entschieden hat, die verfügt hat, was die Würde dieses „Schwerkraftauseinandersetzungswunders“ ist, eines Baums, „der nicht bestrebt war, die Erdoberfläche zu verlassen, die weit ausladenden Äste, die fast den Boden berührten, der hat es sich nicht leicht gemacht, Tonnengewichte, wenn ich jetzt noch die Hebelwirkung am Stamm rechne“, sagt Wittmann, er sagt es leise und langsam, denn er ist tatsächlich ein gelassener Mann, „von den Ästen auf den Stamm, da muss ja Kraft sein, Potenzial, das ist gigantisch.“

Ich kenne meinen ganzen Wert,
und weil mich fremdes Lob nicht ehrt,
so will ich selbst mich loben,
so will ich selbst mich loben.

Geht aber nicht, hört jedenfalls keiner, und falls doch, dann wohl nur Wittmann allein, der Förstersohn, der Motorsägengeräusche schon als Kind nicht ertragen konnte, der eine Menge einzigartiger Bäume auf der Welt kennt, und auch eine Menge unorthodoxer Erforschungsmethoden. Er kann mit Wünschelruten umgehen und daraus seine Schlüsse ziehen.

„Wir alle haben ein inneres Bild des Waldes in uns“, sagt er. „Wir haben alle ein paar 100 000 Jahre in Wäldern gelebt.“

Aus dem „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm:

Buch, pl. Bücher … Dies wort führt unmittelbar in die heidnische zeit … so gieng unsern vorfahren, die ihre schrift auf steine und zum gewöhnlichen gebrauch auf büchene breter ritzten, die vorstellung des eingeritzten über auf buche, den namen des baums, aus dessen holz breter und tafeln am leichtesten geschnitten werden konnten; noch im heutigen buchstab weist stab auf den hölzernen deutlich hin.

Rudolf Pfuhler hat einen Aktenordner mit beschriebenem Papier mitgebracht. Unterlagen über die Landratsamtsaktion „Kinder der Bavaria-Buche“, erfolgreich abgeschlossen, hunderte Bavaria-Buchen-Keimlinge an Interessenten im ganzen Land abgegeben, vor allem aber Briefe, Beschimpfungen, auch von überall, über Jahre gingen die bei ihm ein. Auf einem der Blätter hat dessen Absender, quasi die Unlesbarkeit der Schrift entschuldigend, eine Anmerkung hinzugefügt: „Schlechte Kopie, dieses Rundschreiben. Ne ordentliche Bombe wär besser!!“

Dabei hat Pfuhler doch alles richtig gemacht. Er ist Fachreferent für Naturschutz, und Naturschutz bedeutet, die Natur vor allem zu schützen, was nicht aus ihr kommt. Und wenn er wie jetzt vor der Buche steht, sieht er dort, wo Wittmann als erstes vielleicht eine final bedrohliche Hebelwirkung auf der Westseite des Baumes sehen würde – denn nur dort wachsen noch Äste aus dem Stamm – etwas ganz anderes. Leben nämlich.

Mietegäste vier im Haus
Hat die alte Buche.
Tief im Keller wohnt die Maus,
Nagt am Hungertuche.

Stolz auf seinen roten Rock
Und gesparten Samen
sitzt ein Protz im ersten Stock;
Eichhorn ist sein Namen.

Weiter oben hat der Specht
Seine Werkstatt liegen,
Hackt und zimmert kunstgerecht,
Dass die Späne fliegen.

Auf dem Wipfel im Geäst
Pfeift ein winzig kleiner
Musikante froh im Nest.
Miete zahlt nicht einer.

Pfuhler weiß noch von hunderten anderen in den abgestorbenen und heruntergefallenen Baumteilen, von Insekten, Pilzen, Moosen, alles superselten und gefährdet, denn totes und sterbendes Holz ist deren Lebensgrundlage, und totes und sterbendes Holz liegt in Deutschland kaum herum. Holz stirbt hier nicht, Holz wird gefällt und weggeschafft.

Und seit die Buchenkrone nicht mehr so viel Schatten wirft, kommt Holunder unter ihr hoch, Weißdorn, Hartriegel, Schlehe, Wildkirschen.

„Ich hab Fichten“, sagt Martin Kolb, der Nachbar. Der Acker nebenan gehört seiner Familie, einen Wald besitzt sie auch, und weil Kolb auch noch 30 Jahre lang im Ingolstädter Audi-Werk gearbeitet hat, also alles in allem ziemlich fleißig gewesen sein muss in seinem Leben, hat er auch einen großen Audi.

Aus all diesen Gründen ist er gewissermaßen der Gegenspieler Wittmanns, obwohl beide das nie so sagen würden. Sie haben der Buche schon gemeinsam die Hand aufgelegt, um etwas zu spüren, vor Jahren war das, und etwas spürten sie beide, Kolb sogar so sehr, wird berichtet, dass er aufgewühlt war. Die beiden sind Gefühlsbrüder. Doch was macht ein Audi? Einen fossilen Rohstoff verbrennen. Er produziert also Kohlendioxid. Und was macht Kohlendioxid? Es lässt Bäume wachsen. Und je höher der Anteil von Kohlendioxid am Atmosphärengasgemisch ist, umso schneller wachsen sie, schneller, als es ihnen guttut. Und was macht ein Bauer? Seine Felder düngen. Und was macht Dünger? „Am Ende wuchs die Buche wie blöd“, sagt Wittmann, die Äste wurden schwerer und ihre Hebelwirkung am Stamm immer größer. Alte Buchen wachsen eigentlich nicht mehr so sehr. Und was machen Fichten?

Willst du einen Wald vernichten,
pflanze Fichten, Fichten, Fichten.

Kolb ist fast jeden Tag bei der Buche, schon immer. Als Kind hat er in ihr gespielt, ist mit seinen Freunden durch ihre Äste geklettert, „wie die Affen“, sagt er. All die Jahre danach hat er sie vom Acker aus ständig gesehen, und heute, Kolb ist Pensionär, führt der Weg von seinem Hof zu seinen Bienenstöcken an ihr vorbei. Vor ein paar Jahren noch, an Samstagen, ist hier alles voller Leute gewesen. Heute, rechter Hand das Feld, umgepflügt von seinem Sohn, Weizensaat, linker Hand der Baum, da vorne irgendwo die Bienen, ist Kolb der einzige Mensch weit und breit. Es ist still, und Kolb sagt, dass ihm das gefällt. „Das ist die Natur. Stille.“

Es ist das, was die drei Männer eint. Sie schauen, jeder aus seiner Richtung, auf die Natur. Und sie sind froh, dass es in ihr endlich ruhig geworden ist.

Die Gedicht- und Liedstrophen sind Werken von Nikolaus Lenau, Philipp Ludwig Bunsen und Rudolf Baumbach entnommen.

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