Naturschutz : Die Eier der anderen

Er brütet nicht, er lässt brüten. Und kaum auf der Welt, vernichtet er seine Konkurrenz. Das ist seine biologische Nische. Doch die wird nun enger. Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald – nur wie lange noch?

Ariane Bemmer[Speyer]
kuckuck
Wie lange ruft's noch "Kuckuck" aus dem Wald? -Foto: Archiv

Er ist ganz neu auf dieser Welt, rot, nackt und blind, und sein Kreuz ist breit. Ein hässlicher Vogel. Und das einzige, was er jetzt schon kann, das macht ihn dazu noch unsympathisch.

Der kleine rote Nackte kriecht durchs Nest zu den anderen hin, daumennagelkleine Eier, nur ein paar Gramm schwer. Er ist als erster geschlüpft und das nutzt er aus. Blind wie er ist, die Augen verklebte schwarze Beulen, schiebt er sich ein Ei auf den breiten Rücken. Das erste der drei, mit denen er die vergangenen elf Tage unter dem Bauch der Mutter Wärme und Geborgenheit teilte. Er spreizt seine Flügelstummel nach hinten, damit das Ei nicht wegrollt. Dann astet er damit zum Nestrand. Er schiebt es hoch und immer höher. Es ist zur Vernichtung vorgesehen. Dann liegt es oben. Es kippelt, und es fällt. Da ist der kleine rote Nackte schon auf dem Weg zurück in die Nestmitte, das nächste holen und rauswerfen, dann das dritte. Dann ist der Vernichtungsfeldzug beendet. Und er endlich allein. Rot, nackt, blind. Ein Kuckuckskind in einem Teichrohrsängernest.

Joachim Zech, ein kleiner Mann von 72 Jahren, Autor zahlreicher Natur- und Kuckucksbücher, braust mit seinem grünen Mittelklassewagen über die gepflegten Landstraßen der Südpfalz. Der Kofferraum ist wie immer voll. Mit Klappstuhl, Decken, Gummistiefeln, zwei Kamerastativen, Regenschirm, einem olivfarbenen Parka, langgriffigen Heckenscheren – Zech war bei seiner Pensionierung Gartenbauoberamtsrat, ein gehobener Beamter des Landes – und einem Tarnzelt, das man in unter einer Minute aufbauen kann.

Zech fährt zum Römerberg nahe Speyer. Er zieht zügig an einem Lkw vorbei, die Klimaanlage pustet kalt. Er will etwas beweisen.

Der Kuckuck ist bedroht. Was dem Kuckuck mal Heimat war, ist dabei, ihm fremd zu werden. Ausgerechnet ihm. Wo doch das Aufwachsen in fremder Tiere Nestern zu seiner Biografie gehört. Aber die neue Fremdheit trifft ihn unvorbereitet. Es sieht aus, als habe er Mühe, das auszugleichen.

Seit Mitte der 60er Jahre schrumpfen die Bestände. In manchen Regionen um bis zu 30 Prozent. 2008 machten der Naturschutzbund Nabu und der Landesbund Vogelschutz (LBV) ihn zum „Vogel des Jahres“. Parallel läuft eine bundesweite Kuckuckszählaktion, deren Ergebnis 2009 vorliegen soll. Schätzungen schwanken zwischen 50 000 und 97 000 Kuckuckspaaren in Deutschland. Damit steht der Vogel, dessen Name doch auch Grußwort ist, der in Kinderliedern vorkommt, die alle irgendwann mal gesungen haben, auf der Vorwarnliste.

Der Kuckuck ist bedroht, das weiß Zech auch ohne Nabu und LBV. Das weiß er aus Anschauung. Er spürt dem Vogel seit Jahrzehnten nach und sieht ja, was er sieht.

Jetzt ist er angekommen. Der Wagen rollt von der schmalen, unbefestigten Seitenstraße auf ein kurzes, vertrocknetes Wiesenstück, an das sich ein kleines Wäldchen anschließt. Dahinter gibt es mehrere Tümpel und Teiche, umrahmt von Schilfgürteln, von Weiden und leise, aber ununterbrochen raschelnden Pappeln, hohen Pappeln. Auch Ahornbäume ragen hoch hinauf. Dazwischen machen sich Birken schmal, und unten wuchern Sträucher. Man hört Vögel, aber Vögel, das würde Zech so nie sagen. Er hört: ein Pirolweibchen, einen Grünspecht, eine Wacholderdrossel und im Holunderbusch eine Mönchsgrasmücke. Es riecht nach feuchtem Boden und ein bisschen brackig vom Teich her, in dem Biber schwimmen. Und solange nicht vom nächsten Tennisplatz das Ploppen der Bälle herüberdringt, ist hier ein winziger Rest Wildnis übrig geblieben. „Das Gebiet habe ich entdeckt“, sagt Zech, dessen drollige Miene unter dem schütterem Haar einer lauernden Gespanntheit weicht, als er meint, etwas Besonderes zu sehen. „Da! Ein Purpurreiher!“, wispert er. 15 Brutpaare gibt es noch in Deutschland. „Eine absolute Rarität.“ Schon breitet der seltene Vogel die Flügel aus und schwingt sich hinauf in den Himmel.

Noch ein paar Meter geht Zech, bis runter zum Teich, dann hat er ihn in der Hand: den Beweis.

Er hat nach dem Schilfrohr gegriffen. Nach hohen, dünnen Stängeln, biegsam und leicht. Gleich mehrere Halme hat er genommen, und nun schüttelt er sie. Nachgiebig wehen sie der Bewegung seiner Hand hinterher. Damit ist ja wohl alles klar. In solch schwächlich-wehende Halme baut doch kein vernünftiger Teichrohrsänger mehr ein Nest. Das segelt ihm doch mitsamt Gelege bei der ersten Böe davon. Nein, der Teichrohrsänger wohnt hier nicht mehr gern.

21 Nester finden Zech und seine Ornithologen-Freunde nur noch, hier am Römerberg. In den 60er Jahren waren es 55. Ein dramatischer Rückgang, denn der Teichrohrsänger, der wegen seines Gezeters auch Rohrspatz heißt, ist einer der wichtigsten Wirte des Kuckucks.

Beim Nabu heißt es dazu: „Eine Ursache für die Gefährdung des Kuckucks ist der Mangel an Wirtsvögeln.“ Gehe Schilfbestand zurück, wirke sich das über den Teichrohrsänger auch auf den Kuckuck aus. Genauso sei es, sagt Zech. Und der Grund heiße: Klimawandel.

Zech, der seit Jahrzehnten durchs südpfälzische Unterholz kriecht, weist mit ausgestrecktem Arm einmal um sich herum und sagt: „Hier war früher überall Wasser.“ Jetzt wachsen am Ufer eines Teichs schon zwei Kiefern, typische Trockenbodenbäume.

Der „Klimabericht Rheinland-Pfalz 2007“ stellt fest, dass es in den vergangenen 100 Jahren zu einer Erhöhung der Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad Celsius gekommen sei. Je wärmer, desto trockener, desto mehr muss künstlich bewässert werden, desto mehr Wasser wird dem Boden entzogen. Und die Niederschläge gebe es immer öfter als „sintflutartige Starkregenereignisse“, schrieb der Bund Rheinland-Pfalz 2006. Allein in den vergangenen drei Jahren sei der Grundwasserspiegel der Region über einen Meter gesunken.

„Ich habe die Veränderungen miterlebt“, sagt Zech. Frühjahr für Frühjahr, Sommer für Sommer, Herbst für Herbst.

Immer weniger Wasser im Boden.

Immer schwächer das Schilf.

Immer rarer der Teichrohrsänger, der Richtung Osteuropa wandert.

Immer prekärer die Situation für den Kuckuck.

Am Ende so einer Aufzählung kann es vorkommen, dass die Stimme von Joachim Zech ganz tief wird vor Trauer. Weil er durch das, was doch sein Hobby ist, unfreiwillig zum Zeugen wird, wie etwas zugrunde geht, und er nichts ausrichten kann.

Dabei würde er so gern, und er hat auch schon. 1974 hat er die große Schwalbenrettungsaktion organisiert. Da war der Winter früh eingebrochen, die Mehlschwalbenküken saßen noch in ihren Nestern, aber ihre Eltern fanden keine Nahrung mehr. Zech mobilisierte mehrere Fluglinien und das THW, und am Ende wurden 70 000 Vögel nach Frankreich geflogen.

Später hat er mit dem von ihm gegründeten Naturschutzverband Wiesengrundstücke gekauft, wenn er mitbekam, dass über diese Straßen gezogen werden sollten. Er hat auch – allerdings erfolglos – Bauern verklagt, die im Naturschutzgebiet Mais für die Biospritherstellung angebaut haben.

Aber inzwischen gehört eigentlich auch Zech selbst auf eine Vorwarnliste. Geht es ihm doch wie dem Kuckuck: Räume für ihn werden knapp, seine Gewohnheiten sind bedroht, weil Vertrautes sich verändert. Wo früher unberührte Wiesen waren, die Zech durchstreifen konnte, sind heute Häuser, Straßen, Äcker. Menschen gehen mit ihren Hunden spazieren, fahren Rad, machen Lärm und Dreck. Sie okkupieren und zerstören. Aber Zech ist hier, er beobachtet die immerselben Gegenden. Wenn es in denen nichts mehr zu beobachten gibt oder vor jeder Beobachtung ein Hund bellt, müsste Zech aufgeben – oder sich ein neues Hobby suchen.

Beides will er nicht. Seinen Töchtern erklärte er früher, wenn die aufbegehrten, weil sie nicht schon wieder ihre Schulferien im Vogelschutzgebiet verbringen wollten, dass dies eine Lebensform für ihn sei. Dieses Verschwinden in der Natur, dieses Unsichtbarwerden. Dinge sehen, die ein Mensch sonst nie sieht.

Er hat das Kuckucksküken fotografiert, das die Wirtsvogeleier aus dem Nest schmiss, und einmal auch ein Kuckucksmännchen mit Nistmaterial im Schnabel. Unmengen „Schtorys“ habe er erlebt, sagt Zech. Er saß zwölf Stunden in einem grün angemalten Waschmaschinenkarton, um eine weiße Amsel zu knipsen, die aber nicht kam. Er kniete vier Stunden vor einer Wiedehopfhöhle, und als der endlich kam, konnte Zech sich nicht mehr bewegen. Er hat sich ein Tarnschaf gebastelt, mit dem er sich Wiesenvögeln bis auf wenige Meter nähern kann. Einmal habe er zwei gleich aussehende Kuckuckseier in zwei benachbarten Nestern gefunden, eins gehörte einem Teichrohrsänger, das andere einer Bachstelze. Vielleicht weiche der Kuckuck in seiner Not ja auf die Bachstelze aus, sagt Zech.

Der Landesbund Vogelschutz verbreitete vergangenen Herbst ebenfalls eine Erklärung zur Kuckucksbedrohung durchs veränderte Klima: Wegen des wärmeren Wetters, hieß es da, brüteten die Wirtsvögel eher, so dass der Kuckuck, wenn er im April aus Afrika zurückkehre, kein Nest mehr fände, in dem noch Platz für seine Mogel-Eier wären.

Das hält Zech für Unsinn. Der Teichrohrsänger sei schließlich auch ein Langstreckenflieger. Warum sollte der eher aus Afrika heimkehren als der Kuckuck? Außerdem brüteten fast alle Vögel zwei Mal pro Frühjahr, und für die zweite Brut im Mai sei der Kuckuck allemal zeitig genug wieder da.

Die LBV-Erklärung sei bloße Theorie, Zech hat da grundsätzliche Vorbehalte. Man solle ruhig ihm vertrauen, dem Praktiker, dem Mann am Teich.

Um Vogelnester, die meist gut versteckt sind, denn ein brütender Vogel ist leichte Beute, zu finden, machen Zech und seine Freunde es wie die Kuckucke. Sie legen sich in ihren Tarnzelten vor Schilfgürteln auf die Lauer. Stundenlang, möglichst geräuschlos, beobachten sie Flugbewegungen. Bis zu 100 Anflüge mit Ästchen, Wolle, Halmen im Schnabel braucht ein Singvogel, der ein Nest baut. Kommt er nicht mehr, ist es fertig. Dann guckt Zech, ob die Kamera bereit ist, und der Kuckuck geht zum Angriff über.

Zu zweit machen sie sich auf den Weg. Männchen und Weibchen. Das Männchen lenkt die Wirtsvögel ab, das Weibchen hockt sich ans Nest, holt mit dem Schnabel ein Ei raus, das schon drin war, und legt in Sekundenschnelle ihr eigenes an dessen Stelle. Dann, husch, sind sie weg, fliegen sie weiter zum nächsten Nest. Damit zwei bis drei Kuckucke überleben, belegt das Weibchen gut 18 fremde Nester mit ihren Eiern, zerstört also 18 Eier der anderen.

Doch wenn es nun immer weniger Teichrohrsängernester gibt, wohin noch mit den Eiern, die doch in Form und Farbe bestmöglich an eben diesen Wirt angepasst sind? Der Kuckuck muss den Teichrohrsänger suchen. Oder neue Wirte.

Zech ist bei seiner Teichwanderung an einer alten Fischerhütte angekommen. Schief steht sie auf einer kleinen Landzunge, die ins Wasser ragt. Die Bohlen sind morsch, der Boden teilweise eingetreten, die dünnen Holzwände sind mit Graffiti besprüht. Hier oben im dunklen Giebel des Spitzdaches hatte einst ein Zaunkönig sein Nest. Da hinein schob ihm ein Kuckucksweibchen ein Ei. Der kleine Zaunkönig hat das nicht gemerkt. Aber Zech. Denn irgendwann lagen winzige Eischalen unter dem Giebel auf dem Boden. Der Brudermord war vollzogen.

Dann wuchs der Kuckuck und sprengte das kleine Zaunkönignest, er segelte hinab auf den Boden. Vor Zechs Augen. Er griff ein. Nahm das Küken, setzte es auf den kahlen Ast eines Bodengestrüpps und hoffte auf Fotos.

Der kleine Vogel sperrte seinen Schnabel weit auf und zeigte den blutroten Schlund. Doch das Zaunkönigweibchen, das mit Futter angeflogen kam, wollte das dicke, schwarzgefiederte Monstrum, das längst drei-, viermal so groß war wie es selbst, nicht füttern. Wegfliegen ging aber auch nicht, zu stark ist der Füttertrieb. Zwei Stunden widerstand der kleine Zaunkönig, dann hat er das dicke Küken doch gefüttert.

In diesen Tagen fliegen die Kuckucke, die am Römerberg zur Welt kamen, Richtung Ostafrika, zurück in ihr Winterquartier. Dann hört man in Kenia ihren typischen Ruf, bis im kommenden Frühjahr die Tage wieder eine bestimmte Länge haben und dem Kuckuck signalisieren: Jetzt ist es an der Zeit. Er muss dann auf niemanden warten. Ein Kuckuck reist allein und meistens nachts. Wochen verbringt er in der Luft. Er sieht die Wüste der Sahara, er überquert das weite Mittelmeer und die 3000 Meter hohen Alpen. Und wenn er dann, seiner inneren Uhr nach planmäßig, am Römerberg nahe Speyer ankommt, wird er „Ku-kuck“ rufen, und bei Zech zu Hause werden die Menschen anrufen und sagen: „Ich habe den Kuckuck gehört!“

Vielleicht wird sich einer der Kuckucke dann an die Bachstelze erinnern, bei der er aufgewachsen ist, und ein Ei in ihr Nest legen.

Und vielleicht wird Joachim Zech das, was er in der Natur beobachtet hat, akademisch nutzen.

Vielleicht haben beide da schon ihre neue Nische gefunden.

Dies ist der sechste und vorletzte Teil unserer Sommerserie, in der Menschen es mit der Fremde und dem Fremden zu tun bekommen. Die abschließende Folge erscheint in Kürze.

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