Naturschutzgipfel : Lebenswert

Zum ersten Mal sind die wirtschaftlichen Folgen der Naturzerstörung berechnet worden. Was kostet die Welt?

Dagmar Dehmer[Bonn]

Viele Entwicklungsorganisationen werben mit dieser Weisheit für ihre Sache: „Wenn man einem hungrigen Mann zu essen gibt, bleibt er arm. Wenn man ihn lehrt, zu fischen, bekommt er eine Existenzgrundlage.“ Der Sache näher kommt aber wohl Gunter Pauli, Chef der Genfer Zeri-Umweltstiftung: „Wenn man einem hungrigen Mann einen Fisch gibt, bleibt er arm. Wenn man ihn lehrt zu fischen, wird er überfischen.“

Während des Weltnaturschutzgipfels in Bonn präsentierte am Donnerstag der indische Ökonom Pavan Sukhdev, der als Investmentbanker bei der Deutschen Bank in London arbeitet, einen ersten Zwischenbericht der Studie „Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität“. Nach dem Vorbild von Nicholas Stern soll Sukhdev im Auftrag der deutschen Regierung und der EU-Kommission den Wert der Natur und die Kosten ihres Verlustes berechnen. Stern hatte vor zwei Jahren für die britische Regierung einen viel beachteten Bericht über die Kosten des Klimawandels vorgelegt. In der neuen Studie geht es um genau das Dilemma, das Pauli beschreibt: Die Leistungen der Ökosysteme sind oft öffentliche Güter. Sie gehören allen, ihre Nutzung hat in der Regel keinen Preis.

Sukhdev beschreibt das Problem in seiner Studie am Beispiel von Korallenriffen. Etwa 500 Millionen Menschen profitieren von deren „Dienstleistungen“. Neun bis zwölf Prozent der Fischerei weltweit finden direkt an Riffen statt. Riffe sind auch Entwicklungsort und Nahrungsbasis vieler Fischarten. Tauchtouristen lassen im Schnitt 184 US-Dollar pro Besuchstag in der Region. Und Riffe sind die Heimat von Arten, die für die medizinische Forschung interessant sind. Außerdem haben sie eine wichtige Funktion im Küstenschutz: Sie können hohe Wellen bei Stürmen bremsen und damit deren zerstörerische Wirkung mindern.

Allein diese Dienstleistung ist für Südostasien mit 55 bis 1100 US-Dollar pro Hektar und Jahr berechnet worden. Doch die Riffe sind in höchster Gefahr. Bis 2030 könnten weltweit 60 Prozent verschwunden sein – zerstört durch Fischerei, Verschmutzung, Krankheiten, fremde Arten, die den angestammten Tieren den Lebensraum streitig machen, und die Korallenbleiche (eine Folge des Klimawandels und der Meereserwärmung). Allein die Korallenriffe der Karibik sind bereits zu 80 Prozent zerstört. Die Einnahmen aus dem Tourismus gingen um 20 Prozent zurück, rund 300 Millionen Dollar pro Jahr.

In der Karibik verlief der Niedergang so: 1983 hörten die Korallen vor Jamaika auf, die dominierende Lebensform zu sein. Die Algen nahmen überhand. Zuvor war durch Überfischung der Anteil von Fischen gesunken, die sich von Algen ernährten. Nur noch Seegurken waren übrig geblieben, um die Algen zu dezimieren. Doch auch deren Population brach zusammen. Die karibischen Riffe sind inzwischen nicht mehr zu retten. Der Chef des UN-Umweltprogramms, Achim Steiner, sagt: „Was verloren ist, ist verloren.“

An einem eindrucksvollen Beispiel beschreibt Sukhdev auch, welchen Nutzen eine Großstadt wie London direkt und indirekt aus Ökosystemen in aller Welt ziehen kann. Eine Heilpflanze, die im Regenwald auf Madagaskar vorkommt und dort durch ein Schutzgebiet erhalten wird, ist eine wirksame Medizin gegen Leukämie bei Kindern. Von 392 leukämiekranken Kindern in London haben 312 eine Chance zu überleben, weil sie mit Wirkstoffen dieser Pflanze behandelt wurden, die traditionelle Heiler auf Madagaskar schon seit Jahrhunderten verwenden. Die Londoner essen außerdem jedes Jahr rund 72 000 Tonnen Fisch und produzieren rund 53 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2). Der Masoala-Nationalpark auf Madagaskar speichert im Gegenzug 44 Millionen Tonnen CO2. Für diesen Nationalpark haben Forscher bereits versucht, Werte zu ermitteln. Allein der geschätzte Wert der Heilpflanzen wird auf 1,58 Millionen Dollar geschätzt. Der Wert des gespeicherten CO2 beläuft sich auf rund 105 Millionen Dollar. Die vermiedene Erosion ist etwa 380 000 Dollar wert. Die Produkte aus dem Wald, von denen die Bewohner leben, sind rund 4,27 Millionen Dollar wert, und der Erholungswert des Parks beträgt 5,16 Millionen Dollar.

Wie die Natur bewertet und zu einem Wirtschaftsgut gemacht werden kann, hat Sukhdev noch an einigen anderen Beispielen beschrieben. Die wichtigste Botschaft des Berichts: Subventionen sollten auf ihre negativen Wirkungen für die Umwelt geprüft werden. Als krasses Beispiel nennt der Ökonom die Fischereisubventionen. Weltweit werden jährlich zwischen 20 und 50 Milliarden Dollar gezahlt. Diese Summe liegt bedenklich nahe an den Umsätzen der Fischereiindustrie, die 2004 bei 83 Milliarden Dollar lagen. Die Subventionen sind einer der Gründe für die Überfischung der Meere. Die Hälfte der weltweiten Fischvorkommen wird heute schon voll ausgenutzt, ein Viertel der ursprünglichen Fischbestände ist bereits verschwunden. Und angesichts der Fischereiflotten, die immer effizienter jegliches Leben aus dem Ozean herausziehen, sind die Chancen, dass sich diese Bestände erholen, gering. Etwa eine Milliarde Menschen weltweit ist aber auf das Fischprotein zum Überleben angewiesen. So wird eine wirtschaftliche Frage zur Frage der Moral.

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