Zeitung Heute : Naumanns Erbe: und allen eine gute Zeit

Harald Martenstein

Während der Bundeskanzler sich frühmorgens die Zähne putzte, wurde in den amerikanischen Küchen gerade Tausenden von Truthähnen der Hals umgedreht, für das große Thanksgiving-Dinner am folgenden Abend. Auch auf Gerhard Schröder wartete ein schwieriger Tag. In den Nachrichten haben sie ihm vorgerechnet, den wievielten Minister er jetzt aus seinem Kabinett verabschieden muss, es ist der fünfte. Einem guten Kanzler sieht man so etwas natürlich nicht an.

Gerhard Schröder strahlte. Prächtige Laune, Pressekonferenz. Links neben ihm stand sein Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, der eine gepunktete Krawatte trug und das Amt zum Jahresende aufgibt. Naumann schmunzelte, aber nur leicht. Rechts stand, sehr ernst und pfeilgerade, der künftige Staatsminister für Kultur, Julian Nida-Rümelin, zurzeit Kulturreferent von München. Seine Krawatte war gestreift, und er hatte als einziger eine Aktentasche dabei, die er vorsichtig auf den Boden stellte. Sie war prall gefüllt.

Erst einmal lobte Gerhard Schröder seinen alten Minister. Die Zusammenarbeit sei anregend gewesen, "auch für mich selbst". Wer allerdings glaube, dass er über Naumanns Denkanstöße immer vorab Bescheid gewusst habe, der irre. Diese ironische Bemerkung zielte vermutlich auf die Attacke des Ministers gegen den deutschen Kulturföderalismus. Mit seinen Thesen zur Kulturhoheit der Länder, veröffentlicht in der "Zeit", hat Naumann eine lebhafte Debatte angestoßen. Das Manuskript aber, das sich als so brisant herausstellte, lag zuvor drei Monate lang unveröffentlicht in der Redaktion. Dergleichen wird in Zukunft wohl nicht mehr vorkommen, ganz bestimmt nicht bei Manuskripten von Michael Naumann. Herausgeber der "Zeit": Das sei natürlich ein Traumjob, sagte der Kanzler. Er selber habe allerdings kein Talent für solche Dinge. "Ich wünsche uns allen eine gute Zeit", sagte Schröder abschließend. Danach war Naumann an der Reihe.

In den Morgenzeitungen standen bereits die Nachrufe auf seine Amtszeit. Der erste Kulturminister, den die Bundesrepublik hatte. War Michael Naumann ein mächtiger Mann, hat er viel bewegt? Die Nähe zu Schröder war sicher eine Voraussetzung für den Erfolg, der Naumann von den meisten Nachrufern bestätigt wurde. Aber zu seiner Rolle gehörte auch etwas anderes, etwas, das wenig mit der Höhe des Etats oder mit Schröders Gunst oder Gesetzesentwürfen zu tun hat. Naumann war der Paradiesvogel in Schröders Garten, einer, der eine neue Nähe des Geistes zur Sozialdemokratie zu verkörpern hatte, ein Image- und Charisma-Träger, ein elegantes Parfüm, das sich die altehrwürdige Partei der kleinen Leute hinters Ohr getupft hat.

Wo es so wenig Ideologie gibt und so viel Pragmatismus wie bei Schröder, ist die Aura um so wichtiger, deshalb war Naumann, egal, wie klein seine Macht war, eine der Säulen des Kabinetts. In den Fernsehbildern der Nacht sah man ihn wieder und wieder, wie er durch irgendeine Gemäldegalerie streifte, einen Schal um den Hals geschlungen, mit dieser typischen Naumann-Melancholie, dazu hätte gut ein Soundtrack mit den "Vier Jahreszeiten" gepasst, ersatzweise "As Time goes by". Gerhard Schröder nannte diese Amtsführung in seiner Abschiedsrede "nicht konventionell". Naumann sagte, er sei glücklich gewesen "in dieser Gruppe", dem Kabinett, es sei oft gelacht worden.

Auch Julian Nida-Rümelin war nur kurz in seinem letzten Amt, zweieinhalb Jahre als Kulturreferent. Er hat eine Parteilaufbahn hinter sich, war heftig Juso, mit der SPD ist er sicher inniger verwachsen als Naumann. Naumann kam aus dem Journalismus und aus New York, Nida-Rümelin kommt aus der Hochschule und aus München. Naumann hat unter anderem über Boxkämpfe geschrieben, Nida-Rümelin über Philosophie.

Der Neue trug - das war einigermaßen überraschend - ein Programm vor, gepunktet wie Naumanns Krawatte, nein, eher ein Thesenpapier, künftige Prioritäten der Bundeskulturpolitik. Erster Punkt, zum nationalen Diskurs beitragen, zweiter Punkt, Ordnungspolitik sein, dritter Punkt ... Man wird ja sehen, was dabei herauskommt. Das neue Parfüm der Regierung. Trockener, herber, ein Duft von Wissenschaft. Präziser? In den Feuilletonredaktionen der Republik lesen sie sich jetzt gegenseitig aus Nida-Rümelins philosophischen Schriften vor - wer das auch nur ansatzweise verstehen will, muss schon ein sehr kluger Feuilletonredakteur sein. Jedenfalls wird die Öffentlichkeit sich umstellen müssen.

Zuletzt war es für Naumann beinahe so gut gelaufen wie im Fußball für den Trainer Rudi Völler. Sein jüngster Sieg waren die Barenboim-Millionen, ein Eingriff des Bundes in die Berlin-Kultur, gegen den man kaum etwas sagen konnte, das will in der Kulturpolitik viel heißen.

Naumanns Umstieg aber verlief ein wenig überstürzter als geplant. Der Minister hatte seinen Wechsel zur "Zeit" tagelang dementiert. Dann rief ein Journalist einfach im Büro von Nida-Rümelin an und erhielt dort aus Versehen eine Bestätigung für dessen bevorstehenden Jobwechsel. Damit war alles klar. Das sei eben ein Rechercheerfolg des Journalismus gewesen, sagte Schröder, und keinesweg ein Zeichen von Missmanagement. Es ging dann auch in der Pressekonferenz alles recht schnell, und für eine Frage nach dem politischen Schicksal von Naumanns Staatssekretär Knut Nevermann reichte die Zeit nicht mehr. Für den Abend plante Naumann ein Truthahnessen mit Freunden.

Es wird bestimmt ein besonders weltmännisches Truthahnessen daraus geworden sein. Wie hieß es immer: Bonn ist nicht Weimar. Berlin ist nicht Bonn. Und "Berlin wird München": So lautet die Schlagzeile des Tages auf den Berliner Seiten der "Frankfurter Allgemeinen", im Text darunter wurde vorgerechnet, wie viele ehemalige oder zeitweilige Münchner jetzt schon in der deutschen Hauptstadt in wichtigen Positionen sitzen - der Kultursenator, der Generaldirektor der Staatlichen Museen, der Reichstags-Gastronom, auch der Chefredakteur des Tagesspiegel war darunter, Dieter Hoeneß hatten sie vergessen. Nida-Rümelins Rede ist deutlich bayerisch gefärbt, und wahrscheinlich ist der Satz "Berlin wird München" mehr als ein Witz. Eine heimliche Hauptstadt wie München ist eben nicht mehr erforderlich, und wo die Macht sitzt, wandert automatisch auch der Rest hin, Glamour inklusive. Berlin, Berlin: War das, zumindest in der letzten Phase, nicht die Leitmelodie von Michael Naumanns Amtszeit? Als Nächstes kriegen wir auch noch Uschi Glas. Denn wir sind wir.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!