Navigationsgerät : Bitte nicht wenden!

Navigationsgeräte sind auch nur Menschen. Man sollte ihnen nicht unbedingt vertrauen, meint unser Kolumnist Helmut Schümann

Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Aber wenn sie es doch sagt! Die muss es doch wissen, die guckt doch von oben. Die sieht alles. Ist schließlich ihr Job. Und wenn ich mich verfahre, sagt sie ziemlich barsch: „Bitte wenden!“ Aber sie sagt zu mir nicht „Bitte wenden“, weil ich nämlich gar kein Navigationsgerät habe. Aber wenn ich eins hätte, würde ich auf sie hören, auf die Stimme, die offensichtlich irgendwo über mir ist, mich sieht, und alle Wege sieht, und alle Abkürzungen sieht, und mich dann lenkt, sicher, punktgenau. Man muss eigentlich gar nicht mehr schauen. Die Navi denkt. Ich lenke. Die moderne Technik ist heutzutage ja so was von ausgereift. Der kann man bedingungslos trauen. Außerdem sitzt sie irgendwo oben, also da, wo auch Gott sitzt, wahrscheinlich sitzt sie neben ihm und beobachtet mich, mich und die Straßen. Sie ist nett und vertrauenswürdig und zuverlässig. Es gib nahezu keinen Grund, nicht technikhörig zu sein. Sie hilft uns enorm auf dem Weg zur Abschaffung des eigenen Denkens. Danke Navi! Aber so eine Navi ist natürlich auch nur ein Mensch, der sich manchmal einen Spaß macht und dann Schabernack treibt.

So wie jetzt gerade im Berchtesgadener Land. Der Fahrer eines Kleinbusses, ein Österreicher, sollte einen Flughafentransfer bewerkstelligen. Mag sein, dass er deswegen mit seinem Bus immer höher hinauf wollte.

Auf jeden Fall sagte ihm die Navi, wie er zu fahren habe. Der Fahrer gehorchte, wie sich das gehört. Immer weiter ging es die Berge hinauf, immer enger wurde die Straße. Die Navi wies den Weg. Bis es nicht mehr weiterging, weil die Straße zu eng geworden und der Kleinbus zwischen einem Holzgeländer und einer Steinwand eingeklemmt war. Es ist nicht überliefert, ob die Navi noch „Bitte wenden!“ gesagt hat, aber der Befehl wäre auch unsinnig und lebensgefährlich gewesen auf der steilen und engen Straße. Die Polizei korrigierte dann die Navi und ließ den Bus in einer aufwendigen Bergungsaktion per Seilwinde rückwärts den Berg runterziehen. Wer jetzt die Obrigkeitshörigkeit der Österreicher belächelt, sollte bedenken, dass vor einigen Jahren auch mal ein Hamburger auf einer Landstraße in Richtung Caputh fuhr. In blindem Gehorsam der Navi vertrauend. Das ging auch ganz gut. Bis die Straße eine kurze Lücke aufwies. Das hatte die Navi nicht erwähnt. Und der Hamburger Autofahrer plumpste samt Auto in die Havel. „Bitte schwimmen!“ Die Navi ist eben auch nur ein Mensch.

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