Nazi schießt Buchhändler nieder : Der Tag, der nicht vergeht

Ein Neonazi schießt einen Buchhändler nieder, tötet und verletzt Polizisten: Ein Verbrechen, das in die Kriminalgeschichte eingeht. Zehn Jahre her, aber nicht vorbei für die Betroffenen

Frank Jansen

Sie könnten zufrieden sein. Sie wollen es etwas ruhiger angehen lassen und ihren Lebensabend genießen. Das Rentnerpaar Anfang 70 sitzt auf der wuchtigen Couch im Wohnzimmer und schwärmt vom Türkeiurlaub, der gerade erst ein paar Wochen zurückliegt. „Das war schön“, sagt Klaus Baltruschat und nickt, „gesundheitlich bin ich voll da“. Wäre da nicht dieser Schmerz im linken Unterarm. Obwohl ihm doch der linke Unterarm fehlt.

Der Phantomschmerz ist eine der Folgen jenes Tages vor genau zehn Jahren, genauso wie die Angst. Lange lauert sie im Verborgenen. Aber dann gibt es diese Momente, in denen sie mit aller Wucht hervorbricht. Wenn zum Beispiel Baltruschats Frau unerwartet in seinem Rücken auftaucht. Und auch sie wird die Angst nicht los. Käthe Baltruschat reagiert panisch, wenn sie zusammen unterwegs sind und sie ihren Mann aus den Augen verliert. Als ob sie beide immer noch mit dem Schlimmsten rechnen müssten.

Am Morgen des 19. Februar 1997, kurz nach neun, betritt der Buchhändler Klaus Baltruschat seinen kleinen Laden im alten Dorfkern von Marzahn, einer kleinen Idylle in einem der größten Plattenbauviertel Berlins. Baltruschat steht im Büro, als eine schwarz gekleidete, vermummte Gestalt mit einem halbautomatischen Gewehr auftaucht. Der Fremde feuert auf Baltruschat, in den Patronen ist Streumunition. Der Buchhändler fällt um, sein linker Unterarm und der kleine Finger der rechten Hand sind zerfetzt. Die Gestalt verschwindet.

Es war der Beginn eines Amoklaufs, der in die Kriminalgeschichte der Bundesrepublik als eines der härtesten rechtsextremen Verbrechen einging. Am Ende war Baltruschat verstümmelt, ein Polizist tot, ein anderer schwer verletzt. Der Täter: Kay Diesner, Neonazi. Ein Mann, der sich im „Endkampf“ mit den Feinden der rechten Szene wähnte, mit den Linken, den Demokraten und dem Staat. Baltruschat ist Mitglied der von Diesner gehassten PDS und doch ein eher zufälliges Opfer. Diesner wollte die PDS bestrafen, nachdem Autonome in Berlin Rechtsextremisten verprügelt hatten. Über Baltruschats Buchladen hatte der PDS-Star Gregor Gysi ein Büro. Doch Diesner wartete nicht auf Gysi. Er wollte gleich das erste PDS-Mitglied töten, das am 19. Februar morgens ins Haus ging.

Nach den Schüssen steigt Diesner in seinen Mazda-Kombi. Mit der großkalibrigen Waffe, reichlich Munition und seinem Kampfhund „Willi“ auf dem Rücksitz fährt der 24-jährige Berliner, Splitterschutzweste und Patronengurt am Körper, ziellos durch Norddeutschland. Vier Tage irrt er herum, zapft an Tankstellen Benzin, ohne zu zahlen und rast weiter. Am 23. Februar folgt das grausige Finale.

Auf dem Parkplatz Roseburg an der Autobahn zwischen Hamburg und Berlin, 40 Kilometer östlich der Hansestadt, feuert Diesner auf zwei Polizisten, die ihn kontrollieren wollen. Polizeiobermeister Stefan Grage stirbt wenige Stunden später im Krankenhaus. Sein Kollege Stefan Kussauer überlebt einen Beinschuss und die Splittertreffer im Gesicht. Diesner liefert sich noch eine Verfolgungsjagd mit einem anderen Streifenwagen. Nach einer weiteren Schießerei wird er bei Lauenburg festgenommen.

In zwei Prozessen verurteilte das Landgericht Lübeck den Neonazi zu lebenslanger Haft und hob eine besondere Schwere der Schuld hervor. Der zweite Prozess war notwendig, weil Diesners Anwalt mit der Revision Erfolg hatte. Denn auch der Bundesgerichtshof konnte dem ersten Urteil nicht entnehmen, ob Diesner zweimal oder dreimal auf Baltruschat geschossen hatte. Doch auch der neue Prozess endete für Diesner, der im Gericht zynisch und pöbelnd auftrat, mit der Höchststrafe. Wahrscheinlich muss Diesner mindestens das Doppelte der bereits abgesessenen zehn Jahre verbüßen.

Völlig zu Recht, wie Ursula von Seitzberg findet. „Der darf nie wieder rauskommen.“ Die Mutter des getöteten Polizisten versucht erst gar nicht, ihren Hass zu verbergen. Die hagere Frau, 67 Jahre alt, alleinstehend, lebt in Holstein, im Städtchen Eutin. Sie hat den Verlust des Sohnes nicht verwunden. „Er war mit Leib und Seele Polizist“, von Seitzberg drückt ein Tempotuch an die Augen.

Sie musste ihre Arbeit als Verkäuferin in einem Supermarkt aufgeben. „Frau von Seitzberg, Sie sind psychisch so fertig, Sie gehen sofort in Rente“, haben die Chefs gesagt. Doch die Ruhe bekommt ihr auch nicht. Sie ist häufig krank, sie raucht viel. Immerhin brachte eine Psychotherapeutin sie davon ab, mindestens einmal am Tag zum Grab des Sohnes zu gehen. Also geht sie jeden zweiten. Außerdem besucht sie eine Trauergruppe, alle dort haben Angehörige verloren. Sie erzählen und singen, das gefällt von Seitzberg. Und es tut ihr gut, dass vor ein paar Tagen Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau von der Linkspartei/PDS bei ihr war. Sie sind gemeinsam zum Grab des Sohnes gegangen.

Womit sich von Seitzberg überhaupt nicht abfinden kann, ist der Gedanke, der Mörder ihres Sohnes könnte in der Haft Privilegien genießen. Sie hat dem Leiter des Lübecker Gefängnisses geschrieben, „dass ich nicht begreife, dass Diesner mit Neonazis korrespondieren darf“. Sie hatte davon in einer Zeitung gelesen. Von Seitzberg bekam eine höfliche Antwort, die ihre Wut nicht dämpfte.

Auf dem Grabstein des toten Polizisten, er wurde nur 33 Jahre alt, steht schlicht „Warum“. Die Frage quält offenbar auch Grages damaligen Partner noch. Stefan Kussauer wurde am 1. Januar dieses Jahres pensioniert, mit Anfang 40. Mit den Medien will er nicht sprechen. Auch die Polizeidirektion Ratzeburg äußert sich nicht. „Er ist seelisch am Ende“, sagt von Seitzberg. Sie hat ab und an Kontakt zu Kussauer.

Mit den Baltruschats aus Berlin hat sie sich angefreundet. Sie haben sich damals im Gericht kennengelernt, sie besuchen sich und telefonieren viel miteinander. So hat die Mutter erfahren, dass die Baltruschats altgediente Genossen sind, denen der Glaube an den Sozialismus damals Halt gab und es bis heute tut. Sie marschieren bei Demonstration gegen Neonazis mit und werben für eine Kampagne zum Verbot der NPD. Aktiv sein, das hilft. Klaus Baltruschat trainiert die Mädchen der Handballabteilung von Ajax Köpenick. „An der Wurfhand“, sagt er und lacht, „fehlt ja nur der kleine Finger“. Die Arbeit im Buchladen hat er aufgegeben. Dennoch ist Diesner wie ein Schatten.

Um den Dunkelmann selbst ist es ruhig geworden. Im Gefängnis fällt er nicht weiter auf. „Es sind keine Beschwerden bekannt“, sagt Günter Möller, Oberstaatsanwalt in Lübeck. Möller vertrat die Anklage gegen Diesner. Allerdings habe Diesner bislang auch nicht deutlich gemacht, „dass er seinen großen Irrtum einsieht“. Und er ist offenbar immer noch Neonazi. Ein Indiz: Auf der Homepage der braunen „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ steht Diesner weiter in der Liste jener Häftlinge, die „Briefkontakt wünschen“.

Nicht mit Journalisten allerdings. Das habe Diesner immer abgelehnt, sagt der Anwalt Thomas Schüller, der den Neonazi in beiden Prozessen verteidigte.

An diesem Montag will Klaus Baltruschat seinen „zehnten Geburtstag feiern“. Er war ja so gut wie tot damals. Ursula von Seitzberg wird am Freitag, dem zehnten Todestag ihres Sohnes, zum Tatort fahren. Am Autobahnparkplatz Roseburg wird eine Metalltafel aufgestellt. Bislang erinnert ein kleines Holzkreuz an Stefan Grage. Die Mutter findet, es sieht aus, als sei er bei einem Autounfall gestorben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar