Nazivergangenheit : Das umstrittene Gedächtnis

Forscher am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin untersuchen Erinnerungskonflikte in Europa nach 1945.

Ortrun Huber
Schutz vor deutschen Bombenangriffen: König Haakon VII. und Kronprinz Olav im April 1940 in der Gegend von Molde. Die „Königsbirke“ (norweg.: Kongebjorka) ist ein norwegischer Erinnerungsort, der nach 1945 den Widerstand gegen die deutschen Besatzer symbolisieren sollte. Foto: Per Bratland (1907-1988)/ Public Domain
Schutz vor deutschen Bombenangriffen: König Haakon VII. und Kronprinz Olav im April 1940 in der Gegend von Molde. Die...

Mit Erinnerungen ist das so eine Sache. Ob die Einschulung eines Kindes, die Frauenfußball-WM oder die deutsche Vereinigung im Nachhinein als Meilensteine oder eher zweitrangige Begebenheiten betrachtet werden, hängt von der Sicht des Betrachters ab. Erinnerungen spiegeln subjektiv erlebte Geschichte. Historiker hingegen versuchen, die Vergangenheit des Menschen objektiv zu beschreiben. Doch wer entscheidet, welche Perspektive die richtige ist? Und welche Dimension bekommt das Ganze, wenn es nicht nur um individuelles Erinnern geht, sondern um die Erinnerungskulturen ganzer Nationen?

Arnd Bauerkämper, Professor am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, befasst sich mit jenen Erinnerungen, die nach 1945 gesellschaftliche und politische Gruppen in Europa prägten. Denn seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Antwort auf die Frage, was zwischen Spitzbergen und Sizilien in der Zeit des Nationalsozialismus geschah, nach wie vor äußerst umstritten. „Regierungen, gesellschaftliche Gruppen, Organisationen, aber auch Einzelpersonen entwickeln durch ihre subjektive Sicht auf die Vergangenheit unterschiedliche Erinnerungskulturen“, sagt der Historiker. Das vom Stipendienfonds E.ON Ruhrgas im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft geförderte Projekt „Das umstrittene Gedächtnis – transnationale und innergesellschaftliche Erinnerungskonflikte in Europa nach 1945“ bezieht deshalb Erinnerungen, Geschichte und Geschichtsschreibung aufeinander, um die unterschiedlichen Perspektiven von Erinnerungen an eine gemeinsame, aber oft auch trennende Vergangenheit in den Blickpunkt zu rücken.

„Wir wollen in einem grenzüberschreitenden Ansatz die Vielfalt und Konkurrenz der Erinnerungen, die politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über Erinnern und Vergessen ebenso untersuchen, wie die ihnen zugrunde liegenden Machtverhältnisse“, erklärt Arnd Bauerkämper, der gemeinsam mit Doktoranden an dem auf drei Jahre angelegten Projekt arbeitet.

Beispiel Norwegen: Das Land stand im Mittelpunkt eines Workshops, den die Wissenschaftler im Rahmen des Forschungsprojekts an der Freien Universität veranstalteten. Die Diskussion konzentrierte sich auf Studien zu politischen und gesellschaftlichen Spannungen, die beim Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in und mit Norwegen innerhalb Europas auftraten. So erforscht Doktorand Robert Zimmermann die Kontroversen zwischen norwegischen und dänischen Veteranenverbänden, die ihr gemeinsames Ziel – deutsche Entschädigungszahlungen – aufgrund verschiedener Gedächtniskulturen auf unterschiedliche Weise verfolgten.

Um politische Interessen geht es im deutsch-italienischen Erinnerungskonflikt, den Projektleiter Bauerkämper zum Gegenstand einer Arbeit gemacht hat. Er befasst sich in seinem Forschungsbeitrag mit jenen politischen Irritationen, die 1977 von der Flucht des ehemaligen SS-Chefs von Rom, Herbert Kappler, aus italienischer Haft ausgingen. Kappler hatte als Vergeltung für einen Partisanenüberfall im März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom 335 Italiener erschießen lassen und war dafür von italienischen Richtern im Juli 1948 als Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Im August 1977 konnte Kappler aus der Haft in die Bundesrepublik Deutschland fliehen. Die damalige Bundesregierung unter Helmut Schmidt verweigerte seine Auslieferung an Italien mit dem Hinweis auf das Grundgesetz, das dies verbiete. „Der Konflikt ließ damals nicht nur ein Gipfeltreffen zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti platzen. Er zeigt auch, wie unterschiedliche nationale Gedächtniskulturen transnationale Erinnerungskonflikte heraufbeschwören können“, sagt Arnd Bauerkämper. Hinter den Auseinandersetzungen standen nämlich unterschiedliche Erinnerungen an den italienischen Widerstand: die glorreiche „Resistenza“ aus Sicht Italiens und der „hinterhältige“ Kampf der Partisanen aus Sicht vieler Deutscher in der Bundesrepublik – darunter auch ehemaliger Soldaten – also von Kombattanten mit umstrittenem Status, weil sie nach Auslegung der Haager Landkriegsordnung nicht zu den regulären Streitkräften Italiens gehörten. Bei der Berufung auf das Grundgesetz könne auch die Vergangenheit Schmidts als Offizier der Wehrmacht und die Rücksicht auf die Befindlichkeiten älterer Wähler eine Rolle gespielt haben. Um einen möglichst breiten und auch internationalen Forschungsansatz aus unterschiedlichen Perspektiven zu gewährleisten, bezieht „Das umstrittene Gedächtnis“ eine Reihe europäischer Gastwissenschaftler ein. Darunter die beiden norwegischen Professoren Odd-Bjørn Fure vom Holocaust-Zentrum in Oslo und Hans Otto Frøland von der Universität Trondheim sowie Heidemarie Uhl (Österreichische Akademie der Wissenschaften) und Gustavo Corni (Universität Trento). Gemeinsam wollen die Wissenschaftler dabei nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über das Erinnern und Vergessen analysieren, sondern auch die Aufarbeitung von Erinnerungskonflikten aus dem Blickwinkel der Justiz thematisieren. „Durch die Einbeziehung rechtswissenschaftlicher Fragestellungen können wir nicht nur einen Beitrag zur historischen Forschung leisten, sondern auch die anhaltende Diskussion über den Umgang mit Diktaturen nach deren Zusammenbruch bereichern“, sagt Arnd Bauerkämper. Eine Debatte, die im „Forum historische Erinnerung“ geführt werden könnte, einer Einrichtung, in der die Wissenschaftler in Vorträgen und Podiumsdiskussionen ihre Erkenntnisse öffentlich präsentieren und damit den Dialog über eine europäische Erinnerungskultur fördern wollen.

Die Historiker berühren damit auch eine ganz aktuelle Frage: Wie können Europäer ihren gemeinsamen – und getrennten – Erinnerungen gerecht werden und gleichzeitig einen gemeinsamen kulturellen Bezugsrahmen herstellen, der die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration des Kontinents ermöglicht? Sollte dies überhaupt angestrebt werden? „Erinnerungen können weder verordnet noch normiert werden“, meint Arnd Bauerkämper. „Was wir in Europa brauchen, ist Empathie und das Wissen um die jeweils andere Erinnerungskultur. Denn ein inhaltlicher Konsens über die eine Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wird sich letztlich nicht finden lassen.“

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