Zeitung Heute : Nebel an der Küste

Schleswig-Holstein und der Tag danach

Thomas Wolgast[Kiel]

Vorher sagte sie es ihren Mitarbeitern in der Staatskanzlei, es gab Tränen, nun der konsternierten Fraktion im dritten Stockwerk des Landeshauses an der Kieler Förde. Vor den Milchglastüren der Fraktionsräume drängen sich die Fernsehteams. Aber weder kommt Heide Simonis heraus noch die Reporter hinein. Es ist also ein eher stiller Abschied. Alle wussten wohl, dass ihr Rücktritt nach den demütigenden Abstimmungen am Tag zuvor unumgänglich war. „Gegen offene Messer kann man kämpfen, gegen hinterhältige Dolchstöße aber nicht“, das sind die Worte zum Schluss, Simonis wird nicht noch einmal für das Ministerpräsidentenamt kandidieren.

Heide Simonis hatte sich zuvor beraten, mit ihrem Mann, einem emeritierten Ökologie-Professor, der einst in Berlin forschte, aber auch mit Parteifreunden. Sie rieten der Politikerin, die sich „von hinten erschossen“ fühlte, zum Ausscheiden aus der Politik. Ganz raus, kein Amt mehr und auch kein Mandat. Das ist ein ziemlicher Kontrast zu dem, was noch einen Tag zuvor möglich schien. Die Mehrheit im Parlament in größter Nähe, alle Genossen waren optimistisch, dass schon der erste Wahlgang Simonis erneut auf den Ministerpräsidenten-Sessel befördern würde. Und dann das.

In den Beratungen mit wohlmeinenden Parteigenossen am Freitag war deutlich geworden, dass die wohl einzige Option für die Zukunft Schleswig-Holsteins in einer großen Koalition besteht. Als – wenn auch knapper – Wahlsieger erhebt Peter Harry Carstensen nach dem Scheitern von Rot-Grün-SSW den Anspruch, neuer Ministerpräsident zu werden.

Wer war das „U-Boot“? Spekuliert wurde am Donnerstag, spekuliert wird auch am Freitag. Simonis sprang zuweilen hart mit ihren Leuten um, sie konnte verletzend sein. Sie entließ Minister, mit denen sie nicht zufrieden war. Von den Gekränkten sitzen auch einige in der Fraktion. Eine weitere Vermutung: Ein Anhänger oder eine Anhängerin des zurückgetretenen SPD-Wirtschaftsministers Bernd Rohwer könnte hinter der viermal ungültigen Stimme stecken. Rohwer hatte sich nach der Wahl für eine große Koalition ausgesprochen, war aber von Simonis harsch angegangen worden und hatte dann verärgert geschwiegen.

Andere Genossen mutmaßen, es könne auch ein Abgeordneter von der Nordseeküste gewesen sein, der Simonis die Gefolgschaft verweigert habe. Oft sind die Menschen im Westen Schleswig-Holsteins unzufrieden mit denen aus Kiel. Vor allem die Fischer und Landwirte opponieren häufig gegen das, was an der Ostsee ausgedacht wird, vor allem gegen Umweltvorschriften.

Am Donnerstag, nach der dritten Abstimmungsniederlage der Ministerpräsidentin, hatte FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki gesagt: „Es ist eine Frage der Selbstachtung, dass Heide Simonis jetzt zurücktritt. Ihre Ära ist zu Ende.“ Dem widersprach zwar tapfer SPD-Parteichef Claus Möller, aber er war nur ein Rufer im Walde. Im Grunde wussten alle, dass ein weiteres Verbleiben an der Landesspitze mit eben jener Selbstachtung nicht mehr zu vereinbaren war.

Und: Eine große Niederlage erfordert einen entsprechenden Abgang.

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