Zeitung Heute : Neben den Kosten

Carsten Brönstrup

Laut Statistischem Bundesamt schneidet Deutschland im europaweiten Vergleich der Lohnnebenkosten erstaunlich gut ab. Warum wird hier trotzdem immer wieder über die Höhe dieser Kosten gestritten?


Rente mit 67, Gesundheitsreform, Umbau des Arbeitsmarktes – immer, wenn sich die Bundesregierung ans Reformieren macht, hat sie vor allem einen Posten im Blick: die Lohnnebenkosten. Sie gelten als zu hoch. Das Statistische Bundesamt stellt nun aber fest: Im EU-weiten Vergleich liegen diese Zusatzkosten unter dem Durchschnitt. Wichtige Konkurrenten wie Italien und Frankreich, aber auch einige osteuropäische Länder sind danach zum Teil deutlich teurer. Der Grund: In anderen Ländern beteiligen sich die Arbeitnehmer weniger an den Kosten der sozialen Sicherung.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) will die Nebenkosten weiter zurückfahren. Dank der guten Konjunktur sollen die Sozialbeiträge bis Jahresende sinken. Das soll vor allem für mehr einfache Jobs sorgen, hofft Glos. Das Reformieren kann die Regierung trotzdem nicht einstellen. In vielen Ländern werden die Sozialsysteme nicht wie in Deutschland allein über Abgaben finanziert, sondern auch über Steuern. „Deshalb ist die Mehrwertsteuer etwa in Dänemark so hoch“, sagt Gebhard Flaig vom Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. In Ländern, in denen die Lohnnebenkosten spürbar niedriger sind, kommt die Finanzierung nur aus einem anderen Topf. Denn beim sozialen Sicherungsniveau sind zumindest die westeuropäischen Länder in ungefähr auf einem Niveau.

Ein Umschwenken hin zu einer stärkeren Steuerfinanzierung plant auch die Regierungskoalition – deshalb erhöhte sie die Mehrwertsteuer und finanzierte mit einem Teil der Einnahmen die Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Das ist der richtige Weg, finden zahlreiche Ökonomen – doch Wunder auf dem Stellenmarkt dürfe man nicht erwarten, sagt Bernhard Boockmann, Arbeitsmarktexperte beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). „Ob Lohnnebenkosten oder Steuern – letztlich sind beides Belastungen, die die Wirtschaft bremsen.“

Investoren achten außerdem nicht nur auf die Lohnnebenkosten, sondern auf den Preis einer Arbeitsstunde insgesamt. Schließlich muss ein Unternehmer Bruttolohn und Sozialkosten addieren, wenn er wissen will, ob sich ein Arbeitsplatz rechnet. Hier liegt Deutschland weit über dem EU-Schnitt auf Rang sechs: Zwischen Flensburg und Garmisch kostet eine Stunde 28,17 Euro, im Mittel sind es 20,66 Euro. Noch schlechter stehen die Deutschen speziell beim verarbeitenden Gewerbe da – also beim Maschinenbau oder der Autoindustrie: Nur in Belgien und Schweden ist hier eine Arbeitsstunde teurer. Das ist wichtig, weil der Wettbewerb in der Industrie schärfer ist als in vielen Dienstleistungsbereichen. Allerdings hat das Statistikamt Daten von 2004 verglichen. Angesichts der Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften dürfte sich die deutsche Position in den vergangenen beiden Jahren etwas verbessert haben.

Wettmachen müssen die deutschen Arbeitnehmer ihre ungünstige Position deshalb mit einer höheren Produktivität pro Stunde. Die derzeit hohen Investitionen der deutschen Firmen sprechen dafür, dass dies noch eine Weile klappen könnte. Entscheidend sind aber auch die anstehenden Tarifrunden. Handeln die Gewerkschaften hohe Lohnsteigerungen aus, wird das die Jobs in den hiesigen Betrieben mittelfristig nicht sicherer machen.

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