Zeitung Heute : Neben Naturmaterialien wie Holzschindeln und Reet sind auch Dachstein und neuerdings "Decra" immer beliebter

Andreas Lohse

Der Zahn der Zeit nagt bei einem Haus naturgemäß zuerst am Dach - schließlich ist es wie sonst kaum ein anderer Bereich Wind und Wetter ausgesetzt. Das erfordert eine robuste Mütze. Gängig ist in Städten und Dörfern der traditionelle rote Ziegel aus Ton, der sich, mit Wasser vermischt, leicht formen lässt. Das Produkt wird getrocknet und bei hohen Temperaturen gebrannt. Bekannt sind die Ziegel vor allem als "Dachpfanne" oder "Biberschwanz" - aber es gibt heute mehr als 50 Varianten in allen Farben. Mancherorts wird regional verordnet, welche Art auf welchem Dach verwendet werden darf, anderswo entscheidet man sich für die der Dachneigung entsprechend optimierte Form der Ziegel.

Im Lauf der Zeit verändern viele Ziegel ihre Farbe, doch die Patina tut der Haltbarkeit von 100 und mehr Jahren keinen Abbruch. Siedeln sich Moose oder Flechten an, sei das kein Zeichen minderer Qualität, betont man in der Ziegelindustrie, sondern vielmehr Ausdruck für die Unbedenklichkeit des Baustoffs und für saubere Luft. Ziegel verbesserten zudem das Mikroklima auf dem Dach. Gewicht: etwa 50 bis 70 Kilogramm pro Quadratmeter. Kosten inklusive Eindeckung je nach Variante zwischen 60 und etwa 150 Mark je Quadratmeter.

Doch nicht alles, was nach Ziegel aussieht, enthält wirklich Ton. Und was keinen Ton enthält, heißt nicht Ziegel, sondern Dachstein. Sein Material: Beton. Etwa jeder zweite Quadratmeter geneigter Dachfläche werde heute damit gedeckt, heißt es beim Informationsbüro Dachstein. Der Ziegel hat somit in den letzten Jahrzehnten ernsthafte Konkurrenz bekommen. Im Gegensatz zu ihm wird der Dachstein nicht gebrannt. Wesentliche Bestandteile sind Sand, Wasser, Zement und Farbpigmente - lediglich der Zement selbst wird gebrannt, sein Anteil am Stein beträgt nur etwa 20 Prozent. Unter starkem Druck wird das Rohstoffgemisch in einem Endlosstrang in Form gebracht, dann auf die gewünschte Länge geschnitten. Anschließend behandelt man die Oberfläche. Bei 60 Grad Celsius trocknet der Baustoff bis zu acht Stunden lang in einer Wärmekammer. Nach einer weiteren Oberflächenbehandlung erreichen die Steine nach einer Lagerzeit von etwa einem Monat die richtige Festigkeit.

Das in der Regel mit Eisenoxidpigmenten komplett durchgefärbte Material erkennt man am seidigen Glanz. Es ist sehr glatt, so dass Moose und Flechten kaum Halt finden. Seine geschätzte Lebensdauer beläuft sich auf etwa 70 Jahre, doch seien die ältesten noch funktionstüchtigen Dachsteindeckungen 150 Jahre alt, weiß man beim Verband. Die Industrie ist hinsichtlich der Dachdeckung flexibel, ihre Systemteile bietet sie in vielen Varianten passend zur jeweiligen Form und Farbe des Dachsteins. Verlegt wird dieser wie Ziegel unkompliziert auf einer Dachlattung. Gewicht: rund 50 Kilogramm pro Quadratmeter. Kosten inklusive Eindeckung: rund 40 bis 50 Mark für den Quadratmeter.

Dass der gute alte Ziegel Konkurrenz hat, zeigt auch eine Entwicklung namens "Decra". Von Ferne ähnelt auch diese Dacheindeckung dem Ziegel. Doch hinter dem Namen verbirgt sich ein Blechdach, bestehend aus einem verzinkten Stahlkern, der mit Epoxidharz mehrfach beschichtet wird. Auf der Oberseite wird das Objekt dann mit farbigem Steingranulat und Acrylharz dauerhaft versiegelt, was auch die Bildung von Moosen verhindert. Ein beim Blechdach übliches Getrommel bei Regen sei aber nicht zu hören, weil die Tropfen vom Granulat gebrochen würden, verspricht der Hersteller Icopal. "Decra" ist leicht: Es wiegt 6,7 Kilogramm pro Quadratmeter. Damit kann der Stoff auch auf dem Gartenhaus und einem Anbau Platz finden, wo anderes Material gewichtsbedingt ausscheidet. Kosten inklusive Eindeckung: um 50 Mark je Quadratmeter.

Traditionell norddeutsch ist die Eindeckung mit Reet. Es gehört neben Stroh zu den ältesten Dachdeckungen unserer Baukultur. Die Lebensdauer des Schilfrohrs wird mit 50 bis 100 Jahren angegeben. Je steiler das Dach, desto länger hält es. Während das Schilfrohr selbst recht preiswert ist, macht die aufwendige Handarbeit bei der Eindeckung - Reet wird genäht oder gebunden - diesen Baustoff zu einem nicht ganz so preiswerten Vergnügen. Auch wird die Brandschutzversicherung teurer. Dafür sieht das Haus hübsch aus, ist im Winter angenehm warm und im Sommer gut gekühlt. Gewicht: etwa zwölf Kilogramm pro Quadratmeter. Kosten inklusive Eindeckung: bis zu 200 Mark je Quadratmeter.

Eher im waldreichen Süden Deutschlands findet man die Holzschindel, die im Zuge der ökologischen Präferenzen vieler Bauherren eine neue Renaissance erleben könnte. Neben heimischen Hölzern werden auch nordamerikanische verwendet, was allerdings auf Grund des langen Transportes das ökologische Plus schmälert. Die Schindel wird gesägt oder von Hand gespalten, wobei die Säge die Fasern zerstört und das Material empfindlicher für Wasser macht. Beim Spalten bleibt die Faser erhalten. Als Lebensdauer werden für Regionen mit trockener Luft (Berge) bis zu 100 Jahre genannt. Gewicht: etwa 15 Kilogramm pro Quadratmeter. Kosten inklusive Eindeckung: um 100 Mark je Quadratmeter.

Ein durchweg natürlicher Baustoff mit vielen Formen ist Schiefer. Er wird blockweise abgebaut und in dünne Platten gespalten. Diese werden auf das Dach genagelt und können dort Waben- oder Fischschuppenmuster bilden. Gewicht: um 40 Kilogramm pro Quadratmeter. Kosten inklusive Eindeckung: um 190 Mark je Quadratmeter. Info: Arbeitsgemeinschaft Ziegeldach, t 02 28 / 914 93 23; Informationsbüro Dachstein, tel: 018 05 / 67 10 33; Icopal GmbH, tel: 023 89 / 79 70-0; Buchtipp: Ökologischer Hausbau, Blottner Verlag 1999, Großformat, 48 DM.

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