Zeitung Heute : Nebenbei gesagt

Der Lyriker Volker Sielaff debütiert mit einer „Postkarte für Nofretete“

Michael Braun

Diskretion steht in der Gegenwartslyrik nicht hoch im Kurs. Als zeitgemäß gilt ein wilder Fragmentarismus, der sich im Wirbel von mythologischen Zeichen und lyrischen Partikeln Ausdruck verschafft. Dass sich das Ich eines Gedichts nur sehr verhalten vorwärtsbewegt, will den Slam-, Trash- und Brüll-Poeten nicht einleuchten. Man muss schon in die amerikanische Moderne der 60er Jahre zurückblättern, um einen Autor zu finden, der das Understatement zum Königsweg erhoben hat. Der 1926 geborene Robert Creeley ist dereinst von seinem deutschen Bewunderer Walter Höllerer für seine „gedrängten Parabeln im Lautlosen“ gerühmt worden. Es gibt einen deutschen Lyriker, der nicht zuletzt an Creeleys Dichtung sein Sensorium geschärft und daraus, neben vielen anderen Einflüssen, ein eigenständiges Konzept entwickelt hat. Es ist der 1966 in der Lausitz geborene und mittlerweile in Dresden lebende Volker Sielaff, der seit vielen Jahren in Anthologien und Zeitschriften präsent ist.

Sein schmaler Debütband mit dem Titel „Postkarte für Nofretete“ scheint schon in der Beschränkung des Text-Korpus einer Poetik der Selbstzurücknahme zu folgen. Wenn das Ich im Gedicht „Farbe“ den Blick auf die Büste der Nofretete richtet, dann geht es nicht um die Anbetung einer Ikone, sondern um die Auslotung von Farbwerten und die Erprobung von Sinneswahrnehmungen. Sielaffs Erkenntnisinteresse gilt nicht der prunkvollen Bildungsreminiszenz an Nofretete, sondern der Postkarte. „Manches wacht auf / selbst durch beiläufige Mitteilung“, heißt es in einem frühen Gedicht Creeleys, und Sielaff macht sich diese poetische Behutsamkeit zueigen. Die einfache, alltagsnahe Sprache, der fast erzählerische Gestus dieser Gedichte zielt auf eine diskret metaphysische Existenz-Erkundung. Hinter dem Gesumm einer Fliege, einer überfüllten Abfalltonne oder dem Freizeichen im Telefon, schimmert die Erfahrung von Transzendenz durch.

In skeptischer Selbstvergewisserung fragt Sielaffs lyrisches Ich unentwegt nach der Verlässlichkeit der eigenen Wahrnehmung. Und stets zeigt sich, dass die „festgezurrten Bilder“ trügen, dass eine Justierung des Ich nicht möglich ist und das glückliche Innewerden seiner selbst misslingen muss. So bleiben nur Zustände des Übergangs. „Ich lernte es langsam dieses / Hinübergehen von einem Zustand / in einen anderen“: So beginnt fast hoffnungsfroh das „Selbstporträt, gerastert“, um zwei Strophen weiter zu konstatieren, dass das Ich erneut „täuschend echten Wirklichkeitsbildern“ aufgesessen ist. Selbst „die Wörter“, die vermeintlich sicherste Bastion des Lyrikers, durchlaufen einen Verwandlungsprozess, der am Ende den Sprechenden in unaufhebbarer Fremdheit zurücklässt: „Erst auf der Zunge dann, bitter / entrollen sie ihren Geschmack. / Wenn du sie gelesen hast / sind sie / nicht mehr dieselben.“


Dieses Buch bestellen Volker Sielaff: Postkarte für Nofretete. Gedichte. Zu Klampen (Edition Postskriptum), Springe 2003. 48 S., 17 €.

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