Zeitung Heute : Nehmt’s ihnen ab

Die Deutschen sollen dünner werden. Was kann der Staat tun, damit seine Bürger gesünder essen?

Rainer Woratschka

Fitter statt fetter möchte die Regierung ihre Bürger haben. Bis 2020, so die Vorgabe, soll sich das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Deutschen um 20 Prozent verbessert haben. Aus gutem Grund: 37 Millionen Erwachsene und zwei Millionen Kinder sind übergewichtig oder fettleibig – 15 Prozent der Kinder, zwei Drittel der Männer und 53 Prozent der Frauen. Tendenz steigend. Ernährungsbedingte Krankheiten kosten die Gesellschaft 70 Millionen Euro im Jahr. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und Ernährungsminister Horst Seehofer (CSU) finden das beängstigend. Ihr neunseitiges Eckpunktepapier hat aber aus Expertensicht einen Makel: Es ist wenig konkret. Es gehe um Hilfe, nicht um Bevormundung, rechtfertigt sich Seehofer. Man wolle „keine Olympiade der Verbote“, sondern eigenverantwortliches Verhalten fördern.

Mehr Bewegung: Richtig schlimm wird falsche Ernährung, wenn Bewegungsmangel hinzukommt. 45 Prozent der Deutschen bekommen zu selten den Hintern hoch. Deshalb müsse man ihnen im Alltag „ausreichend attraktive Bewegungsmöglichkeiten“ vorhalten, meint die Regierung. Spielplätze, Parks, Fuß- und Radwege, wohnortnahe Einkaufszentren. Und Sportunterricht müsse so wichtig werden wie Mathematik, fordert die Gesundheitsministerin. Die Realität sieht anders aus. Sport sei zurzeit das Schulfach mit dem höchsten Unterrichtsausfall, schimpft der FDP-Gesundheitspolitiker Daniel Bahr.

Mehr ausgewogene Kost: 26 Prozent der Deutschen essen mindestens einmal täglich außer Haus, acht Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Deshalb dringt die Regierung auf bessere Angebote in Kantinen, Zügen, Flugzeugen. In Schulen sowieso. In NRW etwa werde ab 2008 die verbilligte Abgabe von Milchprodukten an Schüler gefördert, sagt Seehofer. Von einer Kennzeichnung bedenklicher Lebensmittel, wie es sie in Großbritannien nach dem Ampelmuster gibt, hält er aber nichts. Auch Zucker und Fett besäßen Nährwert, und „eine Schweinshaxe zwischendurch“, steigere durchaus das Wohlbefinden. Es gehe um maßvollen Gebrauch. Alles andere wäre Diskriminierung, pflichtet die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie bei. Den lustvollen Genuss etwa einer Praline dürfe man nicht brandmarken. Die Grünen hingegen fordern Werbeverbote. Tagsüber, so Seehofer-Vorgängerin Renate Künast, dürfe es in Radio und Fernsehen keine Süßigkeiten-Reklame mehr geben. Vier- bis Sechsjährige seien nun mal keine mündigen Verbraucher. Seehofer müsse laut sagen, was „an Werbung für Kindernahrung alles gelogen und falsch“ sei, drängt auch die Konsumentenorganisation Foodwatch.

Frühzeitige Prävention: „80 Prozent aller dicken Kinder werden dicke Erwachsene“, sagt der Paderborner Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker. Und die dicken Kinder finden sich vor allem in sozial schwachen Schichten. Laut Robert-Koch- Institut gibt es dort dreimal so viele übergewichtige Mädchen wie in wohlhabenden. Auch deshalb sei es wichtig, mit Kampagnen in Kindergärten, Schulen und Stadtteile hineinzugehen, wo man alle erreiche, sagt Ulla Schmidt. Dabei gehe es nicht um neue Schulfächer. Das Thema müsse nur viel stärker in die bestehenden einbezogen werden. Allerdings bringe es auch nichts, Kindern ein bestimmtes Verhalten aufzwingen zu wollen, warnt Edmund Fröhlich, Chef der Spessart-Klinik Bad Orb, in der fettsüchtige Kinder behandelt werden. Gesundheitserziehung müsse spielerisch sein, sie müsse Spaß machen. Die Kinder müssten früh erfahren, wie man einkauft, kocht und isst sowie wo Lebensmittel herkommen und woraus sie bestehen.

Kennzeichnung: Stark machen will sich die Regierung auch für bessere Packungsbeschriftung zum jeweiligen Nährwert. Das dürfe dann aber nicht kompliziert werden wie ein Arznei-Beipackzettel, warnt Seehofer. Und da das Ganze nur EU-weit funktioniere, seien „gewaltige Kämpfe“ zu erwarten. Auch deutsche Hersteller wollen nur mitziehen, wenn die Beschriftung freiwillig bleibt.

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