Zeitung Heute : "Neidisch sind immer nur die anderen": Friedensbewegung

Gabriele Schmelz

In Ägypten hängt manchmal ein zerrissener Schuh am Kühler eines beneidenswert schönen Autos. Die Passanten sollen wissen: dieses Auto lässt mich so oft im Stich, dass meine Schuhe schon ganz durchgelaufen sind. Ihr habt keinen Grund, neidisch zu sein. Die vorbeugende Maßnahme des Autobesitzers mag eine kluge sein, fraglich bleibt jedoch, ob sie die erzielte Wirkung erreicht und welchen Neid sie verhindern kann - angesichts der vielfältigen Formen des Neides. Der Autor Rolf Haubl, Germanist, Psychologe und Gruppenanalytiker, beschreibt sie in seinem Buch: "Neidisch sind immer die anderen. Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein", und zeigt, dass der Bedeutung des Neides für ein friedliches Zusammenleben der Menschen zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Er analysiert Situationen, die uns in unserem Alltagsleben neidisch machen. Sie erscheinen vertraut und trivial, können jedoch unsere Beziehungen nachhaltig prägen. Andere wiederum, aus anderen Breitengraden, sind erstaunlich - wie etwa die "Couvade", das Männer-Kindbett, das Gebärneid vermuten lässt: "Die Frau arbeitet wie gewohnt bis wenige Stunden vor der Niederkunft; sie geht dann mit einigen Frauen in den Wald, wo die Geburt stattfindet. Nach einigen Stunden steht sie wieder auf und kehrt zu ihrer Arbeit zurück. Sobald das Kind geboren ist, nimmt der Vater es zu sich in die Hängematte und bleibt der Arbeit fern, isst weder Fleisch noch andere Nahrung außer dünnem Haferschleim, raucht nicht, wäscht sich nicht und rührt vor allem überhaupt keine Waffen an. Er wird von allen Frauen des Hauses (manchmal tagelang, manchmal wochenlang) ernährt und umsorgt." Das Verhalten dieses Mannes in der Rolle der Wöchnerin ist nicht gerade nobel, aber nicht destruktiv - verglichen mit anderen Folgen des Neides.

Ein Kollektiv sucht den Sündenbock

Wer neidisch ist, reagiert feindselig darauf, dass ein anderer ein Gut besitzt, das er selbst begehrt und das er nicht hat oder haben kann. Drei Formen der psychosozialen Bewältigung lassen sich unterscheiden: Der depressiv-lähmende Neid führt dazu, dass der Neider Ärger und Wut gegen sich selbst richtet, weil er glaubt, nicht fähig zu sein, sich das begehrte Gut auch anzueignen. Er hält aber die soziale Norm ein, die ihm verbietet, der beneideten Person feindselig zu begegnen. Wer vom ehrgeizig-stimulierenden Neid befallen ist, bemüht sich, der beneideten Person nachzueifern. Aus dem Ärger wird eine Anstrengung. Beim empört-rechtenden Neid glaubt jemand, dass die beneidete Person ein Gut unrechtmäßig besitzt. Aus Wut wird Streitbarkeit für eine gerechte Verteilung der Güter.

Im christlichen Denken beginnt alles mit dem Neid als menschlicher Hybris. Der paradiesische Mensch wird sterblich, weil der Teufel in Gestalt der Schlange seinen Neid auf Adam und Eva überträgt, indem er in ihnen das neidische Begehren weckt, sein zu wollen wie Gott. Weil sie den Neid für den Sündenfall verantwortlich macht, zählt ihn die Kirche zu den sieben Todsünden: die größte unter ihnen, "die uranfängliche böse Leidenschaft, der Vater des Todes, die Wurzel des Übels, der Ursprung der Traurigkeit ... Krankheit der Natur, verderbliches Gift, selbstgewollte Abzehrung, Nagel der Seele, Brand im Herzen" predigt ein Kirchenvater. So heißt es denn auch, jemand sei blass vor Neid oder gelb oder grün, die Galle sei ihm übergelaufen, seine Verbissenheit sei ihm ins Gesicht geschrieben.

Die vielleicht gefährlichste Ausprägung des Neides ist das rachsüchtige Ressentiment, resultierend aus ohnmächtiger Wut. Den Ressentimentgeladenen kränkt es, dass er dem Beneideten nicht überlegen ist. Der Beneidete ist ihm im Wege, er will ihn auslöschen; er will nicht den Ausgleich, sondern Vergeltung. Ärger oder Hass zeigt er nicht offen. Feindseligkeit verdrängt er, doch seine Fantasien wollen in die Tat umgesetzt werden. Um sich vor diesem Druck zu schützen, nimmt er sich immer mehr zurück. Er wagt kein Risiko und sucht deshalb nach risikolosen Möglichkeiten, seine neidische Feindseligkeit zu befriedigen, beispielsweise im Kollektiv, das sich wie er als Opfer sieht und einen Sündenbock braucht - das Szenario ist bekannt und aktuell.

Das Glück des anderen ist mein Strick

Das politisch brisante Ressentiment, auch der eher private Neid entstehen vornehmlich durch den Vergleich mit seinesgleichen: "Wenn einer, der zu Fuß gehen muß, einen großen Mann beneidet, weil er sich einen Wagen mit sechs Pferden hält, so wird dies nie mit der Heftigkeit geschehen oder ihm den Verdruß bereiten wie einem Manne, der selbst einen Wagen hat, aber sich bloß vier Pferde leisten kann", schrieb ein Zeitgenosse von David Hume. Man vergleicht sich mit jemandem, der derselben sozialen Kategorie angehört: der Angestellte beneidet seinen Kollegen, nicht den Boss - auch nicht die Schönen und Reichen, die von einem anderen Stern sind. Neid entsteht, wo Menschen sich auf dieselben Werte und Normen beziehen. In den unterschiedlichen - ideologischen oder liberalen - Systemen variieren die Empfindlichkeiten und Prioritäten. Wobei der Neid auf materielle Güter allerdings am augenfälligsten ist; seit der Zeit der mehr oder weniger prächtigen Kutschen hat sich das Angebot an beneidenswerten Gütern durch die Werbung in der Konsumgesellschaft noch auf penetrante Weise vergrößert. Dabei gilt heftiger Neid in unserer Gesellschaft besonders dem Wohlbefinden anderer, weil es, so der Autor, eines der knappsten Güter sei.

Am Ende seiner Analyse empfiehlt Rolf Haubl Neidtoleranz: Man sollte gelassen bleiben, sollte seine Neidgefühle aber auch erkennen, ja zulassen können, ohne Scham. Wer sich vom Neid nicht beherrschen lässt, erspart sich eine Gemütsverfassung, die der wortgewaltige Augustinermönch Abraham á Santa Clara so beschreibt: "Das hat der Neidige: Eines anderen Glück ist ihm ein Strick, der ihn würgt. Eines anderen Würde ist ihm eine Bürde, die ihn drückt. Eines anderen Ehr ist ihm ein Beschwer, so ihn beißet. Eines anderen Witz ist ihm ein Spitz, die ihn verwundet. Eines anderen Gut ist ihm eine Glut, so ihn brennet. Der Neid ist ein Märtyrer, aber des Teufels. Der Neid ist ein Hund, der ihn selbst beißet. Der Neid ist eine Uhr mit einer steten Unruhe."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!