Zeitung Heute : Neigung zur Zopfigkeit (Kommentar)

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Ein Snob gibt sich dadurch zu erkennen, dass er die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" wegen des Sportteils liest, lautet ein alter Kalauer. Manche lesen in dem Frankfurter Blatt auch vor allem, aus vielerlei Gründen, die Leserbriefe. Dieser Seite, die in der FAZ "Briefe an die Herausgeber" heißt, überließ die Zeitung gestern vornehm den einzigen Hinweis darauf, dass sie vor fünfzig Jahren zum ersten Male erschienen ist. Nein, nicht ganz - das Feuilleton brachte das Datum sozusagen mit einem Blick aus der Kulisse in Erinnerung: mit dem Abdruck einer Rezension von Karl Korn zu einem Roman Heinrich Bölls aus dem Jahre 1953, der eine Hommage an den großen Feuilletonchef darstellt; Korn leitete das Ressort von 1949 bis 1972, und das Mindeste, was man von ihm sagen kann, ist, dass dieser Teil ohne ihn nicht der unbestrittene Lesegrund für das Blatt wäre, der er ist. Und schließlich fiel aus dem Zeitung-Konvolut der Nachdruck der ersten Ausgabe, "Frankfurt/Dienstag 1.11.1949" - kommentarlos. Wer sich selbst kommentiert, geht unter sein Niveau, heißt es bei Benn oder Jünger oder sonst einem Autor, der dem Elitären huldigte.

War es so gemeint? Aber die Interpretation bietet das Understatement solchen Jubiläums-Begehens selbst, das andere mit Jubelakten und Sonderausgaben begehen. Es ist, wie zumeist, keineswegs ein Zeichen von Bescheidenheit, sondern vielmehr ihres beträchtlichen Anspruchs. Dass die Zeitung "einen ziemlich kräftigen Ehrgeiz" habe, hat sie übrigens bereits in dem in dieser ersten Ausgabe nachzulesenden, ziemlich selbstbewusst und merkwürdig blümerant formulierten Editorial bekannt.

Wenn sie erklärte, sie wolle eine "Zeitung für Deutschland" sein, dann war das ganz ernst gemeint; nicht Geringeres als ein Ersatz für den damals noch nicht existierenden Außenminister schwebte ihr vor. Fünfzig Jahre später kann man sich fragen, ob dieser Anspruch die Zeitung in den folgenden Dezennien mehr inspiriert hat oder ihr mehr im Weg gewesen ist. Ob ihre Neigung zur Zopfigkeit ihre Substanz befördert oder unterdrückt hat. Ob der Grund für den Abdruck der Böll-Rezension etwa in dem Wunsch bestanden habe, mit dem dort zitierten Bekenntnis Korns, "den Widerspruch gewisser linker Neigungen mit erzkonservativen Grundneigungen zu verbinden", selbst ein Bekenntnis abzulegen? Wie auch immer: Ein Zeitungsleser gibt sich dadurch zu erkennen, dass er die FAZ liest, ob sie ihn ärgert oder erfreut.

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