NEO-SOULAlicia Keys : Tasten und Tagebücher

Jörg W er

Es läuft nicht schlecht für Alicia Keys. Obwohl sie unter all den Neo-Soul-Diven der letzten 15 Jahre eine Späteinsteigerin war, konnte sie sich mit zwei Alben als eine der erfolgreichsten Künstlerinnen des frühen 21. Jahrhunderts etablieren. Dank des gediegenen Songwritings, handwerklich perfekter Produktionen und einer zuverlässig souveränen Interpretin waren „Songs in A Minor“ und „The Diary of Alicia Keys“ berechtigte Multi-Millionenseller, stärkten sie doch den Glauben, dass sich Qualität am Markt durchsetzt. Selbst die obligatorische „Unplugged“-Resteverwertung verbuchte siebenstellige Absatzzahlen. Was zu einer wirklich großen Künstlerin noch fehlte, war ein Schuss Genialität.

Überraschenderweise lieferte das im letzten November erschienene dritte Album „As I am“ diesen Mehrwert. Beim oberflächlichen Hören konnte man die Platte als exquisite Konfektionsware für den R’n’B-Markt klassifizieren, die mit der richtigen Balance aus emotionsgeladenen Balladen und abgebremsten Tanzflächenfüllern wieder mal eine umwerfende Chartperformance hingelegt hat: knapp sechs Millionen verkaufte Exemplare – und das in Zeiten der globalen CD-Rezession. Aber im Subtext überrascht „As I am“ mit einer komplexen Historizität, die das Album als weniger düsteren Zwilling von Erykah Badus „New Amerykah“-Meisterwerk ausweist. So orientieren sich nicht nur die Instrumentierungen, sondern auch der Gesangsstil der 27-Jährigen bisweilen an Black-Music-Legenden wie Stevie Wonder („I need you“), Bobby Womack („Wreckless Love“) oder Roberta Flack („Teenage Love Affair“), ohne jemals in affirmative Imitation abzugleiten. Respekt! Jörg Wunder

O2-World, Sa 18.10., 20 Uhr, 51 € + VVK

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