NEO-SWINGCaravan Palace : Als gäbe es kein Morgen

Alle reden gerade mal wieder von den Goldenen Zwanzigern. Vom wilden Tanz auf dem Vulkan, als Berlin für ein paar Jahre die – neben Paris – lebendigste Metropole der Alten Welt war. Von Dauer war der Rausch indes nicht. Wir erinnern uns: Börsencrash, Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit – in der Folge stürzte das demokratische Gerüst der Weimarer Republik wie ein Kartenhaus zusammen. So dramatisch mögen selbst Pessimisten die Aussichten auf die kommenden Jahre nicht bewerten, doch in das nostalgische Nachempfinden eines exzessiven Lebensgefühls mischen sich leise Zweifel, ob das Ganze womöglich böse endet.

Erstmal aber werden die Beine geschwungen, als gäbe es kein Morgen. Denn die Protagonisten des Revivals von urbanen Musikstilen der Vorkriegsära wie Swing, Vaudeville oder Gypsy Jazz sind gut im Geschäft. Erst kürzlich füllte der Linzer Parov Stelar mit seinem Neo-Swing-Projekt die Columbiahalle, nun kommt die Konkurrenz aus Frankreich zu Besuch. Wie verbunden Caravan Palace ihrer Heimatstadt Paris sind, zeigt sich schon beim Cover ihres aktuellen Albums „Panic“, wo ein riesiger Roboter auf der Spitze des Eiffelturms Fliegende Untertassen abwehrt. Der hilfsbereite Roboter zierte schon das 2008 erschienene Debütalbum, das sich über ein Jahr in den französischen Charts hielt. Musikalisch ist Caravan Palace übrigens kein reiner Retro-Act: Neben unvermeidlichen Vorbildern wie Duke Ellington, Django Reinhardt oder Cab Calloway umarmen sie französische Dancefloor-Entwicklungen der letzten 15 Jahre, also alles von Daft Punk bis Vitalic. Hierzulande mag die Band noch ein Geheimtipp sein, aber das dürfte nicht mehr lange so bleiben. Jörg Wunder

Astra Kulturhaus, Do 8.11., 19 Uhr, 29 €

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