Zeitung Heute : Nestwärme suchen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Die Blätter fallen, jeden Tag wird es früher dunkel, die kalte Jahreszeit rückt näher, das Leben flieht von den Straßen und richtet sich in den warmen Stuben ein. Wir Erwachsenen machen’s uns jetzt gerne kuschelig, im Ohrensessel am Kamin, wenn wir einen hätten. Aber wir haben nicht mal einen Ofen, sondern Zentralheizung. Wir hätten auch nichts davon, denn wir haben eine dreijährige Tochter, der es schnell langweilig wird zu Hause, und die raus will – etwas erleben und unterhalten werden.

Was soll’s, man findet eh nirgendwo mehr Ruhe in diesem ruhelosen Land, nicht einmal in der besinnlichen Vorweihnachtszeit. Sechzehn Herbste sahen wir seit der Wende die Blätter fallen und freuten uns auf den Weihnachtsmann. Und jetzt haben wir die Bescherung. Die Einheit ist vollendet, die große Koalition verjagt uns aus den behaglichen Steuerschlupflöchern, Ostdeutsche haben die Macht in Staats- und Parteiführung übernommen. Es wird kalt in Deutschland, und wir Westmenschen finden nur noch Nestwärme bei einem schwäbischen Bundespräsidenten.

Werden wir unseren Kindern später überhaupt noch die lieb gewonnenen, identitätsstiftenden Unterschiede zwischen Ost und West vermitteln können?

Auf der Suche nach Kinder-Unterhaltung und Stärkung unserer West-Identität machten wir rüber nach Treptow-Köpenick (mit 40,4 Prozent der Erststimmen auch Gysi-Sektor genannt). Im Figurentheater Grashüpfer an der Puschkinallee gab es „Hänsel und Gretel“. Auf der kleinen bezirkseigenen Bühne unter den Wipfeln des Treptower Parks hält die Puppenspielerin Monika Parthier die Fäden ihrer Marionetten in der Hand. Das Grimmsche Märchen inszeniert sie als sozialistisches Lehrstück: Während der arme Besenbinder am Küchentisch den Kummer über die Klassenherrschaft im Schnaps ertränkt, schickt seine Frau die Kinder zum Beerensammeln in den Wald, wo die beiden die böse Hexe samt ihrem Ausbeutersystem in einem mutigen Akt der Befreiung ins Flammenfeuer der Revolution stoßen – das Ganze vorgetragen im bewährten Agitprop-Ton der alten Ernst-Busch-Schule. Herzerwärmend. Schön, dass es das noch gibt.

Figurentheater Grashüpfer im Treptower Park, Puschkinallee 16a, Telefon 5369 5150.

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