Zeitung Heute : Netrebko gegen Coldplay

Peter Schwenkow ist ein Unterhaltungsexperte. Er bringt Klassik, Pop und Burleske auf die Bühnen der ganzen Welt – als Chef der Deag

Daniela Martens
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Der Doppelgänger hat nie etwas zu tun. Er sitzt den ganzen Tag im dreiteiligen Anzug auf der Fensterbank und schaut in die Ferne – auf den Tiergarten, das Kanzleramt und das Sony-Center hinter der Philharmonie. All das sieht man von Peter Schwenkows Büro aus, denn es liegt im fünften Stock am Landwehrkanal, direkt gegenüber der Neuen Nationalgalerie. Aber Schwenkow, 55, Chef der Deutschen Entertainment AG (Deag), hat kaum Zeit, den Ausblick zu genießen. „Ich hab’ einen ziemlich ausgefuchsten Terminkalender“, sagt der Mann, der als Experte für Unterhaltung aller Art seit rund drei Jahrzehnten erfolgreich ist.

Sein Unternehmen plant Konzerte und andere Auftritte von bekannten Künstlern in der ganzen Welt und bringt Platten heraus – mit einem Umsatz „jenseits von 100 Millionen Euro im Jahr“. Außerdem sitzt Schwenkow als CDU-Vertreter im Abgeordnetenhaus, ist stellvertretender Vorsitzender des Kulturausschusses und Lehrbeauftragter an der Hochschule der Künste in Hamburg. Seine Tage sind weit im Voraus durchgeplant: „Ich weiß jetzt schon, was ich im Februar 2010 mache.“

Und er weiß auch, was sein ruhiger Doppelgänger tun wird: am Fenster sitzen. Schwenkows Alter Ego ist nur halb so groß, hat ein jüngeres Gesicht und einen schlankeren Körper – aus hölzernen Marionettengliedern. „Das bin ich – vor fast 20 Jahren“, Schwenkow zeigt auf die Puppe. Kurz nach der Wende hat Schwenkow sie geschenkt bekommen – als Dank von einem Marionettentheater in Halle, das er damals unterstützte. „Die größte Sorge der Theaterleute war, ob mir der Stoff des Sakkos gefallen würde, schließlich stammte er aus DDR-Beständen.“

Man kann die Sorge der Puppenmacher verstehen. Schwenkow wirkt, als lege er großen Wert auf sein Erscheinungsbild: Er trägt ein dunkelblaues Sakko mit goldenen Wappenknöpfen und seidenem Einstecktuch. Dazu eine geföhnte Tolle, nackte Füße in glänzenden Slippern – ein Outfit wie für den Besuch in einem internationalen Jachtclub. Vielleicht muss man so aussehen, wenn man wie Schwenkow ganz oben in der internationalen Liga mitspielen will.

Während sein hölzernes Alter Ego blieb, wie und wo es war, hat Schwenkow sich immer wieder sehr verändert. Kleine Marionettentheater in der Provinz passen jetzt nicht mehr so recht zu ihm. Früher war sein Spielwiese vor allem die Waldbühne in Charlottenburg, die er 28 Jahre lang betrieb – bis 2008. Und das Wintergarten-Varieté in Tiergarten, von der Eröffnung 1992 bis er es 2007 verkaufte.

Inzwischen macht die Deag 97 Prozent ihres Umsatzes außerhalb Berlins. „In den letzten fünf Jahren sind wir ein internationaler Konzern geworden“, sagt Schwenkow, haucht seine randlose Brille an und putzt sie am Hemd. „Das internationale Arbeiten macht mehr Spaß.“

Gleich hat er noch zwei „Conference Calls – mit New York und Los Angeles“. Man merkt seinem Deutsch mit dem kleinen Hamburger Slang schon an, dass er mindestens ebenso viel englisch spricht: Da geht es um „Business Opportunity“ und es wird „gebraked“. Was das heißen soll? „Hmm – vielleicht durchgesetzt?“ Anfang Juli hat der Konzern Sony Music in das europäische Klassikgeschäft der Deag investiert – ihm gehören jetzt 49 Prozent der Tochtergesellschaft „Deag Classics“. „Klassik legt zu“, sagt Schwenkow. Die Deag veranstaltet immer mehr klassische Konzerte – auch noch auf der Waldbühne. „Anna Netrebko sieht einfach besser aus als der Frontmann von Coldplay“, sagt Schwenkow und lacht. In seinem Büro hängen viele Fotos, auf denen er neben der Opernsängerin zu sehen ist. Andere mit dem Starpianisten Lang Lang und mit Barbra Streisand, die Schwenkow überreden konnte, 2007 ihr erstes und einziges Konzert in Deutschland zu geben.

75 Prozent des Geschäfts machten aber noch immer Rock und Pop aus, sagt Schwenkow. Doch wie passen die Wespentaillen und Kurven der erotischen Tänzerinnen der Burlesk-Show dazu, die er im Oktober und November im Wintergarten zeigen will? „Eigentlich gar nicht“, sagt er fröhlich. „Ich will nur etwas Licht in die Potsdamer Straße bringen und dem Wintergarten ein bisschen auf die Beine helfen.“ Mehrere tausend Karten seien schon verkauft. Die Show soll aber nur sechs Wochen laufen: „Denn das ist nicht mehr unser Geschäft.“ Was dann? „Die Jahrhunderthalle in Frankfurt zu füllen und den Geiger David Garrett in Amerika zu vermarkten.“

Vielleicht bleibt doch noch mal Zeit für einen kurzen Blick aus dem Fenster – schließlich sieht man das Sony-Center.

www.deag.de

In den letzten fünf Jahren sind wir ein

internationaler Konzern geworden.

Das internationale Arbeiten macht mehr Spaß.“

Peter Schwenkow, Deag-Chef

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