Zeitung Heute : Netscape in den Wechseljahren

STEFAN KAUFER

Der Name Netscape sagt jedem Internet-Nutzer etwas.Aber auch erklärte Netz-Muffel kennen die Firma aus den Schlagzeilen über den Kampf mit Software-Giganten Microsoft um die Vormachtstellung im Internet-Business.Im April 1994 gründeten Marc Andreessen und James Clark die Firma Netscape Communications und brachten die erste Version des Browsers "Netscape Navigator" auf den Markt.Innerhalb von kürzester Zeit war dieses Programm auf vielen PCs und MACs installiert, denn es war nicht nur bequem über das Internet herunterzuladen, sondern für private Nutzer auch kostenlos.

Begünstigt wurde der rasche Aufstieg von Netscape auch dadurch, daß der Monopolist für PC-Software die Bedeutung des Internet für den Markt der Zukunft lange Zeit unterschätzte.Microsoft hatte die sprunghafte Entwicklung verschlafen und griff zu einem "unfeinen" Mittel, um Netscape den Rang abzulaufen: Es verknüpfte die Installation seines Betriebssystems Windows mit dem "Internet Explorer".War der Microsoft-Browser erst einmal auf der Festplatte, ließ er sich nicht mehr ohne Probleme vollständig entfernen.Wegen der Monopolstellung von Microsofts Betriebssystem im PC-Bereich drohte Netscape die Verdrängung vom Markt.Ende letzten Jahres nutzten bereits 49,5 Prozent der Internet-User den Explorer und nur noch 45 Prozent einen Browser von Netscape - und die Prognosen sehen eine erhebliche Verschärfung dieser Entwicklung voraus.

Das brachte nicht nur die Internet-Gemeinde sehr gegen Bill Gates und seine Firma auf.Das US-Justizministerium und 19 Bundesstaaten strengten 1998 ein Kartellverfahren gegen Microsoft an, das bis heute fortdauert.Zweifel an der Vorstellung vom gerechten Kampf des Internet-Pioniers gegen den Software-Goliath kamen aber auf, als Netscape kürzlich für rund sieben Milliarden Mark eine Fusion mit dem weltgrößten Online-Dienst AOL (America Online) einging.Durch diesen Zusammenschluß wurde ein Gegenpol zu Microsoft geschaffen, der durch eine geplante strategische Kooperation mit Sun Microsystems noch mächtiger werden könnte.Bei diesem Unternehmen handelt es sich um den Entwickler und Lizenzgeber der für Internet-Software äußerst wichtigen Programmiersprache Java.Das US-Justizministerium ist bislang der Meinung, daß der AOL-Deal angesichts des übermächtigen Konkurrenten für Netscape den letzten Ausweg darstellte.Recht geben würde ihm, daß durch die geplante Umstrukturierung rund 500 der insgesamt 2500 Stellen bei dem Internet-Pionier gestrichen werden sollen.

Im Moment stehen sich der Netscape Communicator 4.51 und der Internet-Explorer 5.0 als Kontrahenten gegenüber.Beide verfügen über diverse Zusatzfunktionen, die über die wirklich notwendigen Leistungen (einen HTML-Editor, eine Favoriten-Verwaltung, ein Mail-Programm, einen News-Reader und eine Plug-In-Verwaltung) weit hinausgehen.40 bis 50 MB muß man dafür schon auf seiner Festplatte frei machen; ganze 100 MB beansprucht der neue Explorer mit allen Zusatzprogrammen.Kein Wunder, daß bei den Anwendern der Ruf nach "Verschlankung" der Software den nach ihrer Verbesserung langsam übertönt.

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